Stimmen uns Entscheidungen aus dem Bauch heraus glücklicher als solche, die wir analytisch und durch Nachdenken treffen? Das hat eine neue Studie untersucht.

Psychologie 

Macht es glücklicher, Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen?

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Autor/in
Anja Braun
Anja Braun, Reporterin und Redakteurin SWR Wissen aktuell.
Onlinefassung
Martina Janning

Stimmen uns Entscheidungen aus dem Bauch heraus glücklicher als solche, die wir analytisch und durch Nachdenken treffen? Das hat eine neue Studie untersucht.

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Menschen treffen im Alltag eine Vielzahl von Entscheidungen: Was soll ich anziehen? Was soll ich essen? Soll ich ein unangenehmes Telefonat führen oder aufschieben? Die Entscheidung darüber erfolgt entweder intuitiv aus dem Bauch heraus oder wohlüberlegt, also kopfbasiert.

Eine neue Studie der Health and Medical University Potsdam hat nun untersucht, ob Entscheidungen aus dem Bauch heraus uns glücklicher stimmen als solche, die wir analytisch und durch Nachdenken treffen.

Die Annahme der Forschenden war, "dass es einen positiven Effekt auf die Stimmung hat, weil man von Intuition weiß, dass die Informationsverarbeitung, aus denen Intuitionen entstehen, eben sehr komplex ist und viele Erfahrungen auch integriert", erklärt Studienleiterin Carina Remmers.

Was soll ich anziehen? Wir müssen jeden Tag viele Entscheidungen treffen. Einige treffen wir intuitiv, andere überlegen wir gründlich. Was uns glücklicher macht, hat eine neue Studie untersucht. Frau mit Kleiderstange
Was soll ich anziehen? Wir müssen jeden Tag viele Entscheidungen treffen. Einige treffen wir intuitiv, andere überlegen wir gründlich. Was uns glücklicher macht, hat eine neue Studie untersucht.

Treffen von Entscheidungen im Alltag analysiert

Bisher ist das Thema Entscheidungen aus Intuition - also aus dem Bauch heraus - in der Regel im Labor erforscht worden, also unter künstlichen Bedingungen. "Jetzt bei dieser Studie war es so, dass wir gesagt haben, lasst uns doch mal in den Alltag von Leuten gehen und gucken, welche Effekte Bauchentscheidungen eigentlich dort haben", erklärt Remmers.

Zwei Wochen dauerte das Alltagsexperiment, an dem rund 250 Menschen teilnahmen. Ihnen wurde über ein Online-Portal nach dem Zufallsprinzip vorgegeben, ob sie sich bei einer Entscheidung auf den Bauch verlassen oder wohlüberlegt auf den Kopf sollten.

Carina Remmers dazu: "Wir haben natürlich nicht vorgegeben, was sie entscheiden sollen, aber wir haben ihnen die Art und Weise des Entscheidens vorgegeben. Danach berichteten die Teilnehmenden über ihre Stimmung, wie leicht ihnen die Entscheidung gefallen ist, wie zufrieden sie damit waren, und wie sehr die getroffene Wahl mit ihren üblichen Präferenzen übereinstimmte.

Besseres Gefühl nach Entscheidungen aus dem Bauch

Nach zwei Wochen gab es rund 7.000 Entscheidungen, die das Forschungsteam analysiert hat. Das Ergebnis: "Wir finden in den statistischen Analysen einen signifikanten Unterschied zwischen Bauchentscheidungen und Kopfentscheidungen in dem Sinne, dass sich Personen nach Bauchentscheidungen in der Regel noch besser fühlten als nach Kopfentscheidungen."

Das liegt auch daran, dass Menschen, die aus dem Bauch entschieden haben, die Optionen, die sie gewählt haben, lieber mochten. Der Bauch entscheidet sozusagen entlang der eigenen Präferenzen. "Das bedeutet intuitive Entscheidungen werden leichter gefällt und je leichter eine Entscheidung fällt, desto besser fühle ich mich damit", sagt Remmers.

Dazu kommt: Entscheidungen, die wir aus dem Bauch heraus, also intuitiv, treffen, werden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch wirklich in die Tat umgesetzt.

Bauchentscheidungen stimmen uns glücklicher als Kopfentscheidungen. Das liege auch daran, dass uns intuitive Entscheidungen leichter fallen, sagt Studienleiterin  Corinna Remmer. Mann, der glücklich aussieht.
Bauchentscheidungen stimmen uns glücklicher als Kopfentscheidungen. Das liege auch daran, dass uns intuitive Entscheidungen leichter fallen, sagt Studienleiterin Carina Remmers.

Entscheidungen auf Richtigkeit überprüfen

In der Untersuchung ging es nur um Alltagsentscheidungen. Aber in Zukunft sollte man auch untersuchen, ob das gute Gefühl nach Bauchentscheidungen nicht auch kritisch zu betrachten sei, sagt Psychotherapeutin Remmers.

Denn aus der Forschung zu Fake News und Missinformationen sei bekannt, "dass eben genau das dazu führt, dass Personen manchmal Informationen Glauben schenken, die sich einfach gut anfühlen, weil sie in das Glaubenssystem passen, obwohl sie eigentlich falsch ist."

Die Leichtigkeit beim Treffen von Entscheidung sei ein relevanter Faktor, der zu besseren Gefühlen führe. Das sei fürs Wohlbefinden erstmal gut, erklärt Remmers. "Aber man muss sich das genauer angucken: Ist die Entscheidung für mich und andere überhaupt gut?"

Aus der Forschung zu Fake News ist bekannt, dass Personen manchmal Informationen glauben, die sich gut anfühlen, aber falsch sind. Deshalb sollten wir Entscheidungen aus dem Bauch heraus kritisch überprüfen. Monitor mit Schriftzug Fake News.
Aus der Fake-News-Forschung ist bekannt, dass Personen manchmal Informationen glauben, die sich gut anfühlen, aber falsch sind. Deshalb sollten wir Entscheidungen aus dem Bauch heraus kritisch überprüfen.

Entscheiden verbessert die Stimmung

Auch interessant: Bereits das Treffen einer Entscheidung - egal, ob aus dem Bauch heraus oder nach einer analytischen Einschätzung - führt bereits zu einer signifikanten Stimmungsverbesserung.

Es dient also nicht nur dazu, dass wir unsere Ziele erreichen, sondern unbewusst auch dazu, "dass wir unsere Stimmung regulieren, berichtet Remmers. "Das kennt man, glaube ich, von sich selbst ganz gut, dass, wenn etwas erst mal entschieden ist, dass man sich danach besser fühlt, ganz unabhängig davon, wie wir entscheiden, also das ist richtig, das Treffen von Entscheidungen verbessert, verbessert die Stimmung.“

Sicher ist: Bauchgefühle und Entscheidungen aus dem Bauch heraus sind ganz individuell geprägt von der eigenen Lebens- und Lerngeschichte.

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