Kommentar

Von wegen Ruhe im Konzert: Warum man zwischen den Sätzen auch mal klatschen kann

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Albrecht Selge
Albrecht Selge (Foto: Pressestelle, Reza Jan Mansouri)

Es gehört zu den starren Regeln des Konzertbetriebs: Zwischen den Sätzen wird nicht geklatscht! Aber warum eigentlich nicht? Albrecht Selge wünscht sich mehr Freiheiten – mit Ausnahmen.

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Das schlimmste Dazwischenklatschen gibts bei Tschaikowsky

Ja, es gibt Dazwischen-Klatschen, das direkt aus der Hölle kommt. Zum Beispiel, wenn eine Pianistin oder ein Pianist direkt aus tief versunkenem Klavierspiel gerissen wird, oder aus einem durchkomponierten Zyklus. Und dann muss dieser arme Mensch sich in verzweifelter Hast verbeugen, um bloß so schnell wie möglich zurück in den Tunnel zu kommen und weiterspielen zu können.

Das schlimmste Reinklatschen überhaupt aber ereignet sich oft in Tschaikowskys 6. Sinfonie, der „Pathétique“: Wenn sofort nach dem effektvollen Schluss des sich überschlagenden Scherzo-Marsches ein Riesenapplaus losbricht und der Sturz ins totale Depri-Finale zerstört ist. 

Man muss allerdings dazu sagen: Oft ist daran nicht das ahnungslose Publikum schuld, sondern ein leichtsinnig fuchtelnder Dirigent. Dabei sollte der doch Bescheid wissen, welche Gefahr an dieser Stelle der „Pathétique“ droht!

Nichts für schwache Nerven bei Dazwischenklatschern

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Eigentlich kein Vergehen, sondern ganz sympathisch

Ansonsten gehört für mich das vielgescholtene „Klatschen zwischen den Sätzen“ zu den lässlichen Sünden. Ja, eigentlich ist es überhaupt kein Vergehen, sondern ganz sympathisch.

Es gibt wirklich jede Menge unflätige Konzertstörungen, wie ruchloses Rumhusten, fieses Geflüster, hundsföttisches Handyfilmen. Aber fröhliches, dankbares oder begeistertes Klatschen nach einem herrlichen Haydn-Allegro, einem mirakulösen Mozart-Adagio, einem beißenden Beethoven-Scherzo? Zu deren Lebzeiten war das ja noch gang und gäbe. Aber auch bei Brahms, Bruckner oder Mahler stört es mich kein bisschen.

Im Gegenteil, ich freue mich, dass da offensichtlich jemand im Konzert ist, der sich all diese Sinfonien noch nicht zu Tode gehört hat. Und der auf Schönheit noch spontan reagiert. 

Applaudierende Männerhände (Foto: IMAGO, Hoch ZweiAngerer)
Einfach mal beherzt klatschen, wie man es fühlt und nicht, wie es sich gehört.

Starr und sinnlos überkandidelt

Das Klatschverbot gehört zu den starren Regeln im klassischen Konzertleben, die sinnlos überkandidelt sind. Der Geiger Daniel Hope hat mal einen Wegweiser für Konzertgänger geschrieben, der den Titel trägt: „Wann darf ich klatschen?“ Kann es wirklich wahr sein, dass uns das als erstes einfällt, um es einem neugierigen Neukonzertbesucher auf den Weg zu geben?

Manchmal würde ich mir wünschen, es würde sogar mitten in einem Satz nach einem grandiosen Solo geklatscht. Wie im Jazz. Grund dafür gäbe es, oft genug!

Das Klatschen, weil’s einem gefallen hat, ist eine wunderbar natürliche Reaktion. Es ist musikalischer als das ewige Händestillhalten, diese erdrosselnde Etikette ohne ästhetischen Sinn. Ich glaube, es würde auch uns total ausgebufften Konzertgängern öfter mal guttun, von der Unbefangenheit derjenigen Hörer zu lernen, die „die Regeln“ nicht kennen.

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