Musikakademie des Bundes deutscher Blasmusik

„Spielen wie man will“: Musiklotsen-Ausbildung für Jugendliche in Staufen

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Maya Rollberg
Maya Rollberg (Foto: Dorina Köbele-Milas)
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Dominic Konrad

In Staufen im Schwarzwald, in der frisch eingeweihten Musikakademie des Bundes deutscher Blasmusik, können junge Menschen eine sogenannte „Musiklotsen-Ausbildung“ machen. Dabei geht es nicht nur um Blasinstrumente: Junge Menschen lernen Verantwortung in einer Musikgruppe oder im Orchester zu übernehmen. Außerdem müssen sie eine Woche lang nicht in die Schule gehen.

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Musik machen statt Schulbank drücken

Keine Schule, sondern freies Spielen und sich eine Woche mal ganz der Musik hingeben. Das verspricht die Musiklotsen-Ausbildung des Bundes deutscher Blasmusik. Hier können sich Schülerinnen und Schüler zwischen zwölf und fünfzehn Jahren in fünf intensiven Tagen musikalisch ausprobieren und lernen, wie sie ein Orchester leiten können.

Ausbildungsleiter Markus Gudernatsch erklärt das Konzept: „Sie kriegen einen Einblick in Improvisation, etwas was im Alltag leider gar nicht so oft vorkommt. Sie nehmen Orchestermusizieren mit, das klassische Ensemblespiel, das vom Alter und Anspruch passt, und die Anfänge des Dirigierens: Haltung und so weiter.”

Die Musiklotsenausbildung in der Musikakademie in Staufen: Improvisationsworkshopleiter Krischan Lukanow mit Schülerinnen und Schülern (Foto: SWR, Maya Rollberg)
Jugendliche sollen Musik als international verständliche Sprache verstehen, meint Workshop-Leiter Krischan Lukanow.

Impro-Workshopleiter Krischan Lukanow unterstützt die Schüler dabei. Er macht dieses Jahr Kurse zur Rhythmik und zur Improvisation. Es sei ihm wichtig, dass die Jugendlichen Musik als Sprache begreifen, die sie in der ganzen Welt sprechen können, sagt Lukanow: „Da versuche ich die Schüler hinzuführen. Wir erarbeiten uns die Pentatonik, und dass sie dann in der Lage sind, da mitzuspielen.” 

Neuer Sound und neues Selbstbewusstsein

Die Schülerinnen und Schüler lernen, wie sie missfallende Töne durch Halbtonschritte wieder auflösen können, und sich so im Ensemble ganz frei mit ihrem Instrument bewegen können.

„Ich glaube, was heutzutage viel zu kurz kommt, ist die Zeit und die Muße, weil alles so schnelllebig geworden ist”, so Lukanow, „und hier ist man einfach mal eine Woche in einer Gruppe und macht einfach nur Musik. Und wenn die nach so einer Woche zurückkommen, dann haben sie einen neuen Sound und ein neues Selbstbewusstsein. Für ihr Instrument, aber auch auf menschlicher Ebene” 

Die Musiklotsenausbildung in der Musikakademie in Staufen: Improvisationsworkshopleiter Krischan Lukanow (Foto: SWR, Maya Rollberg)
In Staufen gibt Krischan Lukanow Workshops zu Themen wie Rhythmik und Improvisation.

Denn auch außermusikalische Kompetenzen werden in der Musiklotsen-Ausbildung gefördert. Neben technischen Fähigkeiten lernen Schülerinnen und Schüler auch, Gruppen zu leiten, Konflikte zu lösen, und dadurch mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln und vor Leuten zu sprechen.

Versuch, auch Schulpflichtige jenseits der Gymnasien anzusprechen

Die einwöchige Ausbildung kostet insgesamt 100 Euro. Es gibt drei Standorte für die Musiklotsenausbildung in Baden-Württemberg: Trossingen, Blochingen und Staufen. Das Workshop-Angebot ist je nach Standort unterschiedlich. Eigentlich soll es vermehrt auch Jugendliche fördern, die nicht durch das Elternhaus oder das Gymnasium Zugang zu Musikunterricht bekommen. Nach wie vor sind aber mehr als die Hälfte der Teilnehmenden Gymnasiasten.

Die Musiklotsenausbildung in der Musikakademie in Staufen (Foto: SWR, Maya Rollberg)
Der frisch eröffnete Neubau der Musikakademie in Staufen soll künftig allen Musik- und Chorverbänden in Südbaden mit seinem Bildungsangebot offenstehen.

Laut Martina Faller, Pressesprecherin des Bundes deutscher Blasmusik, funktioniert es noch nicht gut genug, Schülerinnen und Schüler für die Ausbildung zu gewinnen: „Da muss noch Sensibilität und Verständnis dafür geweckt werden, dass sowohl die Vereine als auch die Schulen unheimlich davon profitieren, wenn sie ihre Schülerinnen und Schüler hinschicken.” 

Dieses Jahr sind es siebzehn Schülerinnen und Schüler, die mit Einverständnis der Eltern und der Schulleitung eine Woche lang die Schule gegen die Musiklotsenausbildung tauschen. Teilnehmen können alle Musikbegeisterten, auch unabhängig davon, ob sie ein Blasinstrument oder gar kein Instrument spielen.

„So schlecht kanns sich’s nicht anhören.”

Und innerhalb kürzester Zeit wächst die Gruppe zusammen, wie die 15-jährige Julia Nester berichtet: „Man kennt sich eigentlich erst seit gestern, hat aber das Gefühl, man kennt sich schon ewig. Man unterstützt sich gegenseitig, dass man einfach mal drauf losspielt. So schlecht kanns sich’s nicht anhören.”

Die Musiklotsenausbildung in der Musikakademie in Staufen: Schülerinnen und Schüler (Foto: SWR, Maya Rollberg)
Mit Spiel und Spaß bei der Sache: Die Schülerinnen und Schüler an der Staufener Musikakademie.

Und dieser Spaß schallt in dieser Woche durch das gesamte Gebäude der neuen Musikakademie. Neben den improvisierten Melodien und den Orchesterstücken komponiert die Gruppe zum Ende der Woche dann noch einen eigenen Song: mit eigenem Thema, eigenen Texten und eigener Melodie.

Diese wird dann vor Eltern und Vereinsmitgliedern in einer fulminanten Abschlussaufführung der Nachwuchs-Musiklotsinnen und -lotsen in Staufen vorgestellt.

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