Buch-Tipp

Dirigentinnen im Fokus – Warum die klassische Musik fundierte Machtkritik braucht

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Susanne Benda
Susanne Benda - blondes kurzes Haar, weißes T-Shirt und eine Halskette mit Anhänger (Foto: SWR, Victor Brigola)
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Jennifer Silaghiu

Warum ist der Dirigierberuf bis heute eine Domäne der Männer? Ein neues Buch geht mit Aufsätzen und Interviews dem Missstand auf den Grund – und legt erschreckende Mechanismen eines durch und durch verkrusteten patriarchalischen Systems offen. Unter Hannah Schmidts Leitung ist ein hochinteressantes und enorm wichtiges Buch entstanden – findet SWR2-Kritikerin Susanne Benda.

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Der „Maestro“ am Pult ist das Mensch gewordene Symbol für eine Kultur, mittels derer sich diejenigen, die über die größte gesellschaftliche Macht verfügen, in ihrer Macht bestätigen und die über Generationen gewachsenen Machtverhältnisse vor sich selbst legitimieren.“  

Warum lassen sich noch heute die Frauen am Pult an den Fingern von zwei Händen abzählen? Und warum reagieren viele von ihnen so gereizt, wenn man sie danach fragt, was sie anders machen als ihre männlichen Kollegen?

Diese und andere Fragen stellen die Autorinnen und Autoren der Aufsätze und die Interviewten im Buch „Dirigent*innen im Fokus“.

Stimmen weiterer Minderheiten im Klassik-Betrieb

Sie tun das aus unterschiedlichen Perspektiven: als Künstler, Manager, Funktionäre. Die Vielstimmigkeit ist die größte Qualität in diesem Buch, und zu dieser Vielstimmigkeit gehören auch Stimmen anderer Minderheiten im Klassik-Betrieb.

So kommen etwa auch non-binären Personen oder People of Colour zu Wort. Sie weiten den Blick des Buches über das Gender-Thema hinaus, und das macht die Sache noch spannender.

Macht im Klassik-Betrieb heißt: Männlichkeit

Skizziert wird ein durch und durch verkrusteter Betrieb rund um die klassische Musik und Macht heißt hier: Männlichkeit. Eigentlich müsste das Buch nicht „Dirigent*innen im Fokus“ heißen, sondern „Das Patriarchat im Fokus“.

Norbert Trawöger, unter anderem künstlerischer Leiter des Bruckner-Orchesters Linz, formuliert das so:

Das Patriarchat ist noch in Vollblüte, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Frauen in Führungsrollen müssen Supermänner sein, um die Legitimation zur Führung zu erlangen.

Wo man hinschaut: Männer

Allgemein wird festgestellt: Die Werke auf dem Spielplan wurden überwiegend von weißen Männern komponiert, Intendantenposten sind fast ausschließlich männlich besetzt, Solistenstellen im Orchester und leitende Funktionen im Betrieb überwiegend auch.

Gleiches gilt für die Gremien bei Aufnahmeprüfungen an Musikhochschulen, für Findungskommissionen und für Jurys. Orchester und Opernhäuser sind zudem streng hierarchisch organisiert.

Keine einfache Lösung in Sicht

Was ist zu tun? Eine einfache Lösung gibt es nicht, so die These des Buchs. Ein wachsendes Bewusstsein für die Problematik sei unerlässlich. Quoten könnten hilfreich sein, auch weibliche Vorbilder und Netzwerke.

Tatsächlich aber scheint das Thema „Frauen am Pult“ nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Der Klassik-Betrieb als Ganzes müsse sich verändern, um in einer sich rasant wandelnden Gesellschaft nicht an Relevanz zu verlieren.

Flache Hierarchien, neues Musik-Repertoire

Dazu gehörten flache Hierarchien, demokratische Strukturen und ein Repertoire in Konzert- und Opernhäusern, das nicht nur Geschichten von überholten gesellschaftliche Ideen und Strukturen thematisiere.

Auf den Punkt bringt es der Komponist und Gitarrist Marc Sinan:

Wir sollten immer und immer weiter ausdifferenzieren. Lasst uns dabei die Künste und die Kultur spielerisch als Modell für Gesellschaft betrachten. Und wenn die Kräfte umverteilt sind und wir genauso mitgestalten können, wie die bislang Mächtigen, werden wir uns nicht an uns selbst berauschen, sondern die anderen mit Begeisterung und Freude mitnehmen.

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