Glosse

Beethovenfasten: Musik in der Fastenzeit

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AUTOR/IN
Gordon Kampe

Was bedeutet die Fastenzeit für Musikliebhaber? Gordon Kampe plädiert unter anderem fürs Beethovenfasten: Keine Sinfonien, keine Sonaten, keine Beethovenquartette. Bis 2027!

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Ich höre den ganzen Tag Musik. Manchmal sogar, wenn ich komponiere. So ein Finale von Tschaikowskys Fünfter bringt mich richtig in Wallung. Danach tänzele ich mit einem Bleistift, Härtegrad 6B, um meine Partitur herum und – baddabumm – irgendwas Fettes wird mir fürs Blech dann schon einfallen.

Bei mechanischen Arbeiten helfen Durchhalteparolen von Bach bis Eisler ganz gut. Wenn ich in der beginnenden Fastenzeit also auf etwas verzichten sollte, was wirklich ein bisschen schmerzt, dann müsste ich meinen Spotifyzugang ein paar Wochen abmelden.

Mit Essen von Musik ablenken

Vor ein paar Jahren habe ich das – so ähnlich – einmal ausprobiert. Ich war mit der Familie in Taiwan und wenn mich etwas von Musik abzulenken weiß, dann gutes Essen. Und meine Güte: das kann man dort.

Wer noch nicht auf dem Nachtmarkt Takoyaki gegessen und Wassermelonensaft dazu getrunken hat ... Ich schweife ab. Ich konzentrierte mich damals also auf mein leibliches Wohl und hörte absichtlich keine Musik.

Eine Schale mit Takoyaki (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Schaffte es Dank Takoyaki aufs Musikhören zu verzichten: Glossenschreiber und Komponist Gordon Kampe.

Musikentzug steigert Musikgenuss

Zuhause angekommen: Kopfhörer auf und eine Mozart-Sinfonie gehört, die Linzer war’s. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: das pustet einem – jawohl – die Birne weg! Gottlob, dachte ich, ist Mozart schon legalisiert, ganz ungefährlich kann das ja eigentlich nicht sein!

Ich habe für die kommende Fastenzeit also ein paar schlichte Vorschläge: löschen Sie Ihre Playlist für ein paar Wochen und schauen Sie später wieder hinein. Sie werden plötzlich Mittelstimmen hören, die sie jahrelang überhört hatten. Es wird ganz und gar herrlich sein, wirklich!

Vor allem Meisterwerke fasten

Und wenn ich auch Gefahr laufe geteert, gefedert oder gevierteilt zu werden: Ich wünsche mir auf den Spielplänen der einschlägigen Institutionen, so sehr ich sie alle von Herzen liebe, ein etwas längerfristiges Meisterwerkefasten.

Wir haben jetzt 2024. Bei den üblichen Vorlauf- und Planungszeiten im Kulturbetrieb ahne ich, dass die Vorbereitungen fürs – oh je „schon wieder“ – Beethovenjahr 2027 bereits laufen. Ach, denke ich, machen wir doch wenigstens bis dahin Beethovenfasten. Keine Sinfonien. Keine Sonaten, kein Fidelio. Nix.

Beethoven-Büste mit Kopfhörern (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Beethoven hätte sich sicher auch über viel Abwechlung beim Musikhören gefreut.

Lücken mit Unbekanntem füllen

Die Lücken füllen wir mit Unbekanntem! Ein bisschen wie Intervallfasten: 16-8. Von 16 bekannten Stücken ziehen wir acht ab und machen Platz für acht neue. Zunehmen durch Fasten, fantastisch!

Natürlich habe ich noch ein paar Fastenvorschläge: Die Zauberflöte etwa. Ich liebe Mozart. Wirklich. Aber die Welt dreht sich auch mal zwei Spielzeiten ohne Zauberflöte weiter. Außerdem: Freischütz, Carmen, und La Traviata. Und – ich weiß, jetzt wird es echt ungemütlich: ein bisschen weniger Gustav Mahler wäre schon ganz ok. Und zwar gerade weil ich diese Musik wie wenig andere liebe.

Auf Gewohnheiten und Pessismismus verzichten

Aber, jaja, schon klar: Die gefühlt 30 immer wiederkehrenden Stücke in Dauerschleife machen den Saal voll und bei Auslastungszahlen wird nicht gefastet. Was aber, wenn das gar nicht stimmt?

Vielleicht drehen’s mal alle um, machen Gewohnheits- und Pessimismusfasten und wagen noch mehr Unbekanntes. Beethoven, denke ich, ist nicht neidisch, der freut sich über Abwechslung, ganz sicher!

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