Buchkritik

T.C. Boyle – Blue Skies

Stand
Autor/in
Eberhard Falcke
Literaturkritiker Eberhard Falcke

Das hätte sich Catherine nicht träumen lassen: dass ihr Leben wegen einer Pythonschlange so aus den Fugen geraten könnte, ganz abgesehen vom Dauerregen im „Sunshine State“ Florida. Und dass es bei ihrer Hochzeit in Kalifornien geröstete Heuschrecken und Sturmböen geben würde. Doch das sind nur einige der Überraschungen, die T.C. Boyles Ökothriller „Blue Skies“ zu bieten hat.

Am Anfang steht die Schlange als Verführerin. Cat ist fasziniert von dem Muster ihrer Haut, das sie an Schmuck erinnert. Kurz entschlossen kauft sie eine Tigerpython, weil sie es als Influencerin für chic und cool hält, sich damit ihrem Online-Publikum zu präsentieren.

Die Folgen des Klimawandels erschüttern die Lebensgewohnheiten der Romanfiguren

So beginnt T.C. Boyles neuer Roman „Blue Skies“. Zwar spricht der Autor nicht ausdrücklich vom Sündenfall, doch die Anspielung ist unverkennbar. In diesem Fall handelt es sich um die Versündigung des Menschen an der Natur. Und tatsächlich wird Cat, genauso wie alle anderen Figuren des Romans, aus den alten Paradiesen ihrer Gewohnheiten in eine von Naturkatastrophen erschütterte Welt vertrieben.

Schon bald nach dem Kauf der Schlange bekommt sie es mit endlosen Plagen und Schicksalsschlägen zu tun. Das Strandhaus an einer Meeresbucht in Florida, wo sie mit ihrem Mann und den bald hinzu kommenden Kindern lebt, wird von Dauerregen und dem ansteigenden Meeresspiegel bedroht.

Nicht besser, nur anders ergeht es ihren Eltern und ihrem Bruder in Kalifornien. Dort treibt die gleißende Sonne die Temperaturen in unerträgliche Höhen und der kleinste Funke lässt Bäume und Häuser in Flammen aufgehen. Cats Mutter reagiert auf das Unheil, indem sie das Familienleben auf Nachhaltigkeit umstellt.

Ottilie hatte beschlossen, Insekten zu essen, weil ihr Sohn Entomologe war und sie ihn liebte und weil es richtig war. Anfangs hatte sie sich geweigert, aber Cooper hatte sie schließlich überzeugt. »Der Planet stirbt, siehst du das nicht?«, hatte er sie angeherrscht, als er das letzte Mal zum Abendessen da gewesen war.

Wie lebt man mit dem Ernstfall?

Im Dezember 2017 entgingen T.C. Boyle und seine Frau im kalifornischen Montecito nur knapp der Zerstörung ihres von dem Architektur-Visionär Frank Lloyd Wright entworfenen Hauses  durch Feuer und Schlammlawinen. Das mag den Schriftsteller dazu motiviert haben, seinen Romanen mit ökologischen Themen einen weiteren hinzuzufügen. Nun hat sich der brillante Chronist gegenwärtiger und vergangener Lebensverhältnisse ganz auf die Frage konzentriert: Wie leben die Menschen jetzt, da der Ernstfall an vielen Orten zum Alltag geworden ist?

Die einst herrliche Aussicht von Cats Strandhaus über die Meeresbucht ist beklemmend geworden. Denn das Wasser schwappt die meiste Zeit um die Stelzen des Hauses und über die Straße. Wenn sie im Dunkeln vom Auto zur Treppe watet, erkennt sie schreckensstarr, dass sich das große Stück Holz ein paar Meter weiter als Alligator entpuppt.

Ihr Bruder Cooper dagegen erforscht in Kalifornien das Artensterben, indem er mit Kolleginnen, die schnell seine Geliebten werden, Statistiken über das Vorkommen von Insekten und Schmetterlingen anlegt. Zugleich sind Viren- und Bakterienstämme gefährlicher geworden, was er nach einem Zeckenbiss schmerzlich zu spüren bekommt. Und dann liegen eines Tages plötzlich massenhaft tote Insekten in der Landschaft herum, darunter auch die Honigbienen von Cats Mutter.

Sie stand da und fühlte sich trostlos. Nichts regte sich, nicht mal die Eidechsen oder die Vögel. Sie geriet nicht in Panik. So weit war es noch nicht. Aber weil sie etwas anderes tun wollte als die Hände zu ringen, fuhr sie über den Pass, um ihren Sohn zum Essen einzuladen und ein paar Antworten zu bekommen.

Boyle nimmt die Figuren ernst, es bleibt ihnen dennoch nichts erspart

Das Ensemble der Romanfiguren bietet interessante Kontraste. Cat und ihr Ehemann Todd, ein Werbe-Botschafter für Bacardi-Rum, gehören zur amerikanischen Lifestyle-Szene, die beim Cocktail ihre Sinndefizite begrübelt. Cats Eltern dagegen gehören zur Betroffenheits-Fraktion der Babyboomer und ihr Bruder Cooper steht den Klima-Aktivisten nahe.

Boyle nimmt sie alle ernst und porträtiert sie als typische Zeitgenossen mit ihren charakteristischen Widersprüchen. Zugleich setzt er sie unerbittlich den Konsequenzen der ökologischen Katastrophen aus. Immer wieder schlagen die scharf gezeichneten, manchmal satirisch zugespitzten Alltagsschilderungen um in existenzielle Schockmomente, die den Figuren den Boden unter den Füßen wegziehen. Ganz wie Friedrich Dürrenmatt befolgt Boyle die Maxime: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“

Es war, als wären die Knochen der Erde freigelegt worden, und als würde die windverwehte Zukunft sie nie mehr bedecken. Alles befand sich in der Todesspirale, die Cooper schon als Teenager düster vorausgesagt hatte.

Ein apokalyptischer Ökothriller mit zartem Hoffnungsschimmer

Boyle stellt seine Figuren in ein apokalyptisch flackerndes Licht. Mal grelle, mal düstere Farbtöne verleihen seinem Realismus bedrohliche Konturen. Trotz der trüben Grundstimmung gelingt es ihm jedoch, aus alldem eine hochspannende Handlung voller überraschender Wendungen zu machen. Wie immer findet Dirk van Gunsteren dafür in seiner Übersetzung den treffenden Ton.

T.C. Boyles „Blue Skies“ ist ein schonungsloser Roman, der am Ende aber dennoch mit einem zarten Hoffnungsschimmer aufwartet.

Buch der Woche T.C. Boyle - Sind wir nicht Menschen. Stories

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