Die Schulranzen von Schülern einer Grundschule sind während des Unterrichts neben den Tischen der Kinder zu sehen. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Matthias Balk)

Zum Umgang mit dem Ukraine-Krieg an Schulen in RLP

"Wir können und dürfen das nicht totschweigen"

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Sowohl in den sozialen Netzwerken als auch in den Nachrichten ist der Krieg in der Ukraine ständig präsent - auch für Kinder. Nur eine Frage der Zeit also, bis das Thema in den rheinland-pfälzischen Schulen landet. Die große Frage: Wie erklärt man Kindern den Krieg?

Während die Corona-Pandemie nach zwei Jahren zur Dauerbelastung geworden ist, wirkt der Ukraine-Krieg für viele Menschen wie eine weitere bedrohliche Situation, mit der sie umgehen müssen. Die Pandemie hat außerdem bestätigt: Unwissenheit führt tendenziell zu Angst. Denn je mehr Informationen Menschen über eine Situation zur Verfügung haben, desto besser können sie auch mit ihr umgehen - und das gilt auch für Kinder und Jugendliche. Sie bewegen sich schon früh in sozialen Netzwerken, beziehen dort ihre Informationen. Problematisch: Diese werden dort nicht immer eingeordnet.

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Wie Kindern den Krieg erklären - und wieso ausgerechnet in der Schule?

Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) wies darauf hin, dass das Pädagogische Landesinstitut in der vergangenen Woche Materialien zusammengestellt hat, um dieses Thema im Unterricht "behutsam und altersgerecht" zu behandeln. "Es ist wichtig, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Schülerinnen und Schülern über die Ereignisse sprechen und auf ihre Fragen und Ängste eingehen können", sagte die Ministerin. Auch die Schulpsychologie könne hier einen wichtigen Beitrag leisten. Zu den Anregungen des Pädagogischen Landesinstituts gehören sowohl Tipps zur Kommunikation, als auch kindgerecht aufbereitetes Hintergrundwissen und Unterrichtsmaterial.

Warum ist es aber wichtig, in der Schule über den Krieg zu reden - sollte das nicht primär Aufgabe der Erziehungsberechtigten sein?

"Auch wenn Lehrerinnen und Lehrer in der Regel keine ausgebildeten Therapeuten sind, kann das Gespräch in der Gruppe eine heilsame Erfahrung darstellen."

"Sicherlich ist es wichtig und zu hoffen, dass Kinder mit ihren Eltern über die schrecklichen Geschehnisse in Osteuropa sprechen", räumt der Philologenverband Rheinland-Pfalz dem SWR gegenüber ein. "Da dies jedoch keinesfalls immer gewährleistet ist, sollte ergänzend zu den Bemühungen der Eltern auch im Klassen- und Kursraum des Lern- und Lebensortes Schule eine pädagogisch angemessene Stützung und Einordnung der gegenwärtigen Katastrophe versucht werden."

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Das Thema sei zu präsent in der Öffentlichkeit, um im schulischen Kontext nicht thematisiert zu werden, findet auch Klaus-Peter Hammer, Vorsitzender der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Rheinland-Pfalz, "man kommt nicht darum herum". Es sei wichtig, auch in der Schulgemeinschaft mit den Kindern und Jugendlichen über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen. Dort verbringen sie einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit und tauschen sich auch untereinander aus. Das Thema komme ganz von selbst in den Klassenraum. Darüber hinaus meint Hammer aber auch: "Es ist schlicht Aufgabe von Schulen und Lehrkräften, auf aktuelle Situationen zu reagieren. Vor allem wenn es eine ist, die alle dermaßen beschäftigt und ergreift".

Einfach mit den Kindern unterhalten - und zuhören

Der Lehrer erinnert sich an seine ersten Berufsjahre: "1990/91 hat mich das Ausmaß, in denen die Kinder auf den 2. Golfkrieg reagiert haben, sehr überrascht." Er selbst hat damals an einer Schule im westpfälzischen Kusel unterrichtet. "Durch die räumliche Nähe zum Flughafen Ramstein bekam man zwangsläufig mit, was dort gerade los war - es waren unglaublich viele Flugzeuge unterwegs, und das ist auch jetzt so."

Wie er mit der Situation 1991 umging? "Ich kam ins Klassenzimmer, habe bemerkt, es beschäftigt die Kinder, und dann habe ich ihnen Raum gegeben, sich zu äußern und sich mit mir über das, was weltpolitisch gerade geschehen ist und was es in ihnen auslöst, auszutauschen." Wichtig sei, den Kindern keine Angst zu machen, sondern sie in ihrer Befindlichkeit ernst zu nehmen, mitzunehmen und ihnen eine Möglichkeit zu geben, auch ihre Ängste zum Ausdruck zu bringen.

Absprachen im Kollegium zur Vorbereitung wichtig

Und auch, wenn bestimmte Situationen überraschend zustande kommen, könnten sich Lehrkräfte vorbereiten und zeitnah im Kollegium absprechen. "Ich gehe davon aus, das wird in Schulen so auch stattfinden und man wird ein gemeinsames Konzept besprechen, wie man die Thematik im Unterricht einbringt. Es ist nicht notwendig, dass in jeder Stunde über dasselbe Thema gesprochen wird. Die Klassenlehrer könnten initial diese Aufgabe übernehmen, darüber mit ihren Schülern zu sprechen. Aber auch im Fachunterricht lässt sich das Thema im Unterricht aufgreifen."

"Es gibt so viele Möglichkeiten, die ich als Lehrer ergreifen kann, um die Kinder und Jugendlichen mitzunehmen."

So sei es bei älteren Schülerinnen und Schülern auch sinnvoll, den Krieg etwa im Politik- oder Geschichtsunterricht zu thematisieren und zu analysieren, erläutert Hammer. Es gebe zudem viele Möglichkeiten, wie man gerade bei jüngeren Schülerinnen und Schülern das Thema Krieg ansprechen könne. "Der Zugang über Literatur, zum Beispiel durch die Beschäftigung mit einem Friedensgedicht oder von Friedensliedern, können hilfreich sein."

Konflikte im Klassenraum vorprogrammiert?

Viele Familien aus der Ukraine sind auf der Flucht vor dem Krieg und werden von europäischen Ländern aufgenommen. Auch in Deutschland trafen bereits die ersten Menschen ein, darunter auch schulpflichtige Kinder und Jugendliche. Sie werden zeitnah in Rheinland-Pfalz die Schulbank drücken. Wie sollten Pädagogen damit umgehen, wenn etwa ukrainisch- und russisch-stämmige Kinder eine Klasse besuchen - ist es ratsam, das Thema direkt anzusprechen, um Konflikte zu vermeiden?

Auch da gibt es Erfahrungen, erklärt Hammer von der GEW, zum Beispiel aus dem Syrienkrieg. Hier seien Kindern mit unterschiedlichen Kontexten aufeinander getroffen. "Es kann in der Tat geschehen, dass es da auch zu Konflikten kommt - da muss ich als Lehrkraft mit Fingerspitzengefühl herangehen. Die Lehrkräfte wissen ja, wer in ihrer Klasse sitzt." Welche Haltung die Schüler und Schülerinnen im Einzelnen hätten, sei nochmal eine andere Frage - so habe nicht jeder russisch-stämmige Schüler automatisch dieselbe Meinung zum russischen Präsidenten Wladimir Putin. So könnten ganz verschiedene Emotionen hier eine Rolle spielen, etwa Scham, Wut oder Angst. "Das Leid und die persönliche Betroffenheit kann man durchaus thematisieren, und sollte es auch tun", findet Hammer.

Differenzen offen thematisieren, um mit ihnen umzugehen

Bei erkennbaren Spannungen bezüglich differenter Sichtweisen sei es wichtig, sachbezogen zu reagieren. So sollten unterschiedliche Positionen zugelassen werden, um diese gemeinsam beleuchten und diskutieren zu können. Dadurch, dass nicht zuletzt durch die Sozialen Medien praktisch unbegrenzter Zugang zu Wissen und auch Halbwissen besteht, werde es in den nächsten Jahren eine ganz besondere Herausforderung für die Lehrkräfte werden, den Schülerinnen und Schülern beizubringen, selbst ein Gespür dafür zu bekommen, "welche Nachrichten und Informationen sachlich und objektiv sind und welche nicht. Hierzu gehört es, zu lernen, unterschiedliche Nachrichtenkänale zu nutzen und auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen um dann entsprechend abwägen zu können, damit sich eine eigene gebildet Meinung werden kann".

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"Je älter die Schüler sind, desto bewusster kann man ihnen dies vermitteln", sagt Hammer. "Und dabei kann ich mir vorstellen, welche Konflikte dadurch ins Klassenzimmer kommen könnten: Dass Kinder mit unterschiedlichen Informationen aufeinander treffen, je nach dem, welche Informationskanäle zu Hause benutzt werden. Und da kann es sein, dass dann zwei Welten aufeinander treffen." Stehe ein solcher Dissens erstmals im Raum, müsse die Lehrkraft sich damit befassen und versuchen, entsprechend sachlich zu informieren.

"Sicherlich ist es immer auch ein Ziel von Unterricht, das Geschehen einzuordnen und zu 'bewerten'", meint auch Jochen Ring, Pressereferent des Philologenverbands Rheinland-Pfalz. "Dabei ist allerdings nicht an moralische Überheblichkeit der einen oder der anderen Seite gedacht - aus ihr kann kein Friede erwachsen. Es geht darum, eigene Bewertungen an nachweislichen Fakten zu prüfen und die eigene Argumentation immer wieder kritisch zu hinterfragen."

Erfahrungen aus vergangenen Situationen nutzbar machen

Hammer geht davon aus, dass die Schulen die Einsichten, welche sie und ihre Lehrkräfte seit 2015 in der sogenannten Flüchtlingskrise gesammelt haben, zu nutzen wissen - und dazugelernt haben: "Der Umgang mit geflüchteten und zum Teil traumatisierten Schülerinnen und Schülern ist eine große Herausforderung. Es bedarf einer gewissen Sensibilität, um besonnen mit diesen Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Und es bedarf professioneller Unterstützung, um diese gut zu begleiten."

Seit den 90er-Jahren hätten die Schulen viele Erfahrungen mit Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion gemacht. Die geographische Nähe der Ukraine zu Deutschland könnte durchaus bei deren Integration hilfreich sein. Hammer erinnert sich aber auch an schwierige Situationen, "weil Kinder aus ihrem Umfeld herausgerissen worden sind und nicht verstanden haben, warum sie jetzt ihre Heimat verlassen und nun in einem Land, das sie gar nicht kennen, in das sie gar nicht wollten, neu anfangen mussten". Der Kontext sei zwar ein anderer, aber "ich denke, die Schulen haben mittlerweile Erfahrungen gesammelt, wie man damit umgehen kann". Doch dürfe man Schulen hier nicht alleine lassen, man müsse sie dringend bei dieser wichtigen Integrationsarbeit mit mehr Personal unterstützen.

"Wichtig und vordringlich ist es, den ankommenden Geflüchteten in den Schulen zu signalisieren, dass sie willkommen sind und dass versucht wird, ihren Bedürfnissen gerecht zu werden", betont Ring. "Für viele Kinder und Jugendliche dürfte der Austausch - wie rudimentär auch immer, wenn sprachliche Barrieren zunächst überwunden werden müssen - mit Altersgenossinnen und -genossen eine sinnvolle Ablenkung bedeuten."

"Wir können und dürfen das Thema nicht totschweigen"

Auch um der Kinder Willen dürfen sich Lehrkräfte jedoch abgrenzen, meint Hammer abschließend: "Wenn ich als Lehrkraft zu einem bestimmten Zeitpunkt merke, ich komme mit dieser Thematik überhaupt nicht mehr klar, das macht mich persönlich emotional so fertig, dann habe ich das Recht, zum Beispiel von Kollegen um Unterstützung zu bitten - nicht ohne Grund spricht man von einer Schulgemeinschaft."

"Die Kinder bringen das auf jeden Fall mit in die Schule. Die Lehrkräfte werden damit konfrontiert werden. Und die Lehrkräfte haben in ihrer Ausbildung gelernt, flexibel und kompetent damit umzugehen."

Beim Philologenverband Rheinland-Pfalz sieht man die derzeitige Situation, "so schlimm sie ist, eine wichtige Chance, sich gegenseitig als Menschen zu begegnen." In diesem Zusammenhang sei es natürlich wichtig, dass darauf Rücksicht genommen werde, wenn Lehrkräfte zum Beispiel familiäre oder freundschaftliche Beziehungen zu Menschen in der Ukraine oder Russland pflegen und sich auch bei ihnen eine Art von Überforderung mit der Situation einstellt.

Wie aber grenzen sich Lehrkräfte thematisch ab? Immerhin gibt es für sie so etwas wie ein Neutralitätsgebot. "Das sagen viele Lehrkräfte", so Hammer. Hier komme es jedoch auf die Ausgangssituation an: "Natürlich soll man als Lehrer oder Lehrerin keine parteipolitische Werbung machen. Aber auf der anderen Seite geht es darum, dass eine Lehrkraft ja auch eine Haltung hat und Kindern hilft, eine solche zu entwickeln, besonders, wenn es um die Werte unser Demokratie geht und um das friedliche Zusammenleben aller in unserer Gesellschaft und der Welt."

Wer einen Blick ins Schulgesetz werfe, fände dort zum Beispiel im ersten Paragraphen unter anderem den Auftrag, den Schülerinnen und Schülern dem Bildungs- und Erziehungsauftrag entsprechende Kenntnisse, Fähigkeiten und auch Werte zu vermitteln. Dieser Auftrag gebe den Lehrkräften hier den nötigen Freiraum und die notwendige Rückendeckung. "Wir können und dürfen das Thema nicht totschweigen", befindet Hammer.

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