Pflegefamilien werden auch in Rheinhessen dringend gesucht.

Pflegekinder weit weg von leiblichen Eltern

Suche nach Pflegefamilien in Rheinhessen seit Corona noch schwieriger

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Ilona Hartmann
SWR-Autorin Ilona Hartmann

Genug Pflegeeltern gab es eigentlich noch nie. Doch mittlerweile muss das Jugendamt des Kreises Mainz-Bingen in ganz Deutschland auf die Suche gehen, wenn ein Kind untergebracht werden muss.

"Früher konnten wir unsere Pflegeeltern zu Fuß in Ingelheim besuchen. Aber das ist lange vorbei. Inzwischen sind wir zwischen Wilhelmshaven und dem Bodensee unterwegs", sagt Julia Mückusch. Sie leitet den Fachbereich Soziale Dienste des Jugendamtes im Kreis Mainz-Bingen.

Suche nach Pflegefamilie muss meist schnell gehen

Aktuell gibt es im Kreis Mainz Bingen etwa 200 Pflegekinder, die in 160 Pflegefamilien leben. Aber gerade bei kleinen Kindern, die man nicht in Wohngruppen unterbringen kann, sei es in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, eine passende Pflegefamilie zu finden.

Denn wenn die Suche beginnt, müsse es oft sehr schnell gehen, betont Mückusch. Meistens gehe es darum, dass ein Kind wegen einer akuten Gewalt- oder Suchtproblematik aus seiner eigentlichen Familie herausgeholt werden muss.

"Auf der Suche nach Pflegeeltern sind wir mittlerweile zwischen Wilhelmshaven und dem Bodensee unterwegs."

Erst kürzlich hatten Julia Mückusch und ihre Kollegen und Kolleginnen wieder einen solchen Fall. Für ein dreijähriges Mädchen musste an einem Freitagnachmittag auf die Schnelle eine Pflegestelle gefunden werden. In einem solchen Fall schaue man immer erstmal in den Nachbarkreisen und bei Sozialen Diensten in der Nähe. Aber wenn da nichts zu finden sei, müsse man die Kreise eben immer weiter ziehen, so Mückusch.

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Zusagen von Pflegefamilien im Spreewald und im Vogelsberg

Schließlich hätten sie tatsächlich zwei Zusagen bekommen: eine aus dem Spreewaldkreis und eine aus dem Vogelsbergkreis. Das Jugendamt Mainz-Bingen entschied sich für die hessische Familie, auch wenn die nur eine Bereitschaftspflege anbieten konnte. Das bedeutet, dass die 3-Jährige dort nur eine gewisse Zeit bleiben kann, bis eine Familie gefunden wurde, die sie dauerhaft aufnehmen kann.

Für Julia Mückusch ist das sehr unbefriedigend: "Für uns war das ein bisschen wie die Wahl zwischen Pest und Cholera." Denn nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes müssten durch solche Lösungen lange Wege zurücklegen. Vor allem für die leiblichen Eltern aber sei es oft sehr schwierig, Kontakt zu ihren Kindern zu halten, wenn diese so weit entfernt untergebracht würden. Viele der Betroffenen hätten kein Auto.

Jugendämter nehmen sich gegenseitig Plätze weg

Immer wieder werde ihren Mitarbeitern dann unterstellt, sie machten das mit Absicht, um den leiblichen Eltern den Kontakt zu erschweren. Dagegen aber verwahrt sich Julia Mückusch: "Wir machen das ganz sicher nicht aus Bosheit, sondern schlicht, weil uns nichts anderes übrig bleibt."

Darüber hinaus wolle man sich unter den Jugendämtern auch nicht gegenseitig Konkurrenz machen. Denn jeder Platz, den der Kreis Mainz-Bingen irgendwo in Deutschland mit einem Kind belegt, fehlt dann dem dort zuständigen Jugendamt.

Situation durch Corona-Pandemie zugespitzt

Gerade seit der Corona-Pandemie hat sich die Situation noch einmal zugespitzt, sagt die Fachfrau. Warum das so ist, darüber kann auch sie nur spekulieren. "Ich könnte mir vorstellen, dass die Familiensituation während der Pandemie sehr anstrengend war. Das war einfach super stressig und da ist dann vielleicht die Bereitschaft gesunken, sich noch ein weiteres Kind und damit noch mehr Stress ins Haus zu holen."

Regelmäßig bietet der Kreis Mainz-Bingen Infoabende für Menschen an, die sich für Pflegekinder interessieren. Die potentiellen Pflegeeltern müssen Überprüfungs- und Schulungsverfahren durchlaufen. Darin wird dann genau geschaut, welches Kind zu der jeweiligen Familie passen könnte.

"Das ist eine schwierige Aufgabe und wir freuen uns über jeden, der sie sich zutraut. Aber man sollte nicht blauäugig sein."

Das Schlimmste für die Kinder sei, wenn eine Familie sich zu blauäugig als Pflegestelle anbiete, sagt Julia Mückusch. Dann könne es vorkommen, dass die Betroffenen in der Realität nach kurzer Zeit überfordert sind und das Handtuch werfen. Für die Pflegekinder bedeute das, dass sie nach der Trennung von ihren leiblichen Eltern erneut einen Bindungsbruch erlebten. Das wolle man ihnen unbedingt ersparen.

Häufig sei es gut, wenn interessierte Eltern bereits Pflegefamilien im Bekanntenkreis haben. Dann könnten sie aus erster Hand erfahren, welche Herausforderungen diese Aufgabe mit sich bringt. Deshalb würden an den Infoabenden im Kreis Mainz-Bingen regelmäßig Pflegeeltern berichten und auch ehrlich über die Probleme sprechen. Grundsätzlich, so Mückusch, freue man sich aber über jeden, der bereit sei, ein Kind bei sich aufzunehmen.

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