Blumen und Kerzen stehen an dem Tatort, an dem Ende Januar 2022 bei Kusel zwei Polizeibeamte bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurden. (Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Nach dem Urteil im Kusel-Prozess

Schwester der getöteten Polizistin: "Ekel, Hass, Wut"

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Alexandra Dietz
Bild von Alexandra Dietz, Redakteurin im SWR Studio Kaiserslautern (Foto: SWR)
Online-Fassung: Stefanie Hoppe

Im Polizistenmord-Prozess wurde der Hauptangeklagte Andreas S. wegen zweifachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. SWR Aktuell konnte nach dem Urteil mit der Schwester der getöteten Polizistin sprechen.

SWR Aktuell: Sie haben in den vergangenen Monaten sehr viel miterlebt. Wie haben Sie den Prozess wahrgenommen?

Kathrin*: Für mich selbst war es ein Auf und Ab. Die Gefühlswelt - die kann ich wirklich nicht beschreiben. Mir selber hat es geholfen, hier zu sein für meine persönliche Verarbeitung. Ich bin aber auch froh, dass es jetzt zu einem Abschluss gekommen ist, auch wenn es nicht gelaufen ist, wie wir uns das vielleicht gewünscht oder vorgestellt hätten.

SWR Akuell: Wie haben Sie es sich vorgestellt?

Kathrin: Unser Wunsch war natürlich, dass Herr S. auch in die Sicherungsverwahrung kommt und dass Herr V. mindestens eine Bewährungsstrafe bekommt. Das macht uns als Familie sehr wütend. Er (Anm. d. Red.: Herr V., Mitangeklagter) hat die ganzen Verhandlungen über kein Wort gesprochen. Er hat nichts dazu gesagt. Er konnte sich nicht entschuldigen. Wenn ich unschuldig irgendwo dabei war, dann wäre das mein größtes Bedürfnis, mich bei den Hinterbliebenen zu entschuldigen. Und da kam nichts. Für mich war er einfach kalt. Die ganzen Verhandlungen über gab es viele Widersprüche. Das wäre das Mindeste gewesen, dass er ein Zeichen gesetzt bekommt und diese Bewährungsstrafe hätte kriegen müssen. Das ist nicht schön, dass er jetzt einfach als freier Mann hier raus geht. Er war dabei.

SWR Aktuell: Wenn Sie an Andreas S., den Hauptangeklagten, denken: Wie hat der auf Sie gewirkt?

Kathrin: Schwierig. Wenn ich den heutigen Tag nehme: Er hat überhaupt keinerlei Regung gezeigt. Ich weiß nicht, was für ein Typ Mensch man sein muss, dass man so regungslos reagieren kann auf so ein Urteil. Er hat durchgängig geschrieben, wo ich mir denke: Was schreibt er jetzt noch? Es ist alles gesprochen. Er gibt nicht auf, er macht weiter. Der gehört für immer weggesperrt.

SWR Aktuell: Was empfinden Sie diesem Menschen gegenüber?

Kathrin: Das kann ich in Worten nicht sagen. Also, ich würde es auch jetzt hier nicht sagen, was ich wirklich über diesen Menschen denke. Es ist einfach nur Ekel, Hass und Wut. Man kann es nicht beschreiben. Man ist gefasst, man versucht, sich selber zu beruhigen. Aber eigentlich würde man ihm eben auch mal gern die Meinung sagen. Das geht halt nicht und somit muss man das alles mit sich selber ausmachen.

SWR Aktuell: Wie gehen Sie als Familie mit all dem um und wie helfen Sie sich gegenseitig?

Kathrin: Wir gehen unterschiedlich damit um. Aber im Endeffekt halten wir zusammen. Das ist das einzige, was wir machen können: zusammenhalten und uns gegenseitig stützen, uns Halt und Kraft geben. Wenn da einer mal einen schlechteren Tag hat, dann fängt der andere ihn auf und umgekehrt. Für meine Schwester und für mich ist es so: Wir haben auch ein Stück weit nicht nur unsere Schwester verloren, sondern wirklich auch unsere Eltern. Unser Leben wird nicht mehr so sein, wie es mal war. Es wird immer diese eine Person fehlen. Die ganze Familie ist kaputtgegangen, und diese Lücke wird halt nicht mehr geschlossen werden können. Es ist halt traurig und es ist immer noch wie ein falscher Film für uns. So fühlt sich das jeden Tag aufs Neue an.

SWR Aktuell: Jetzt kommt bald Weihnachten, aber auch der Jahrestag der Tat. Wie gehen Sie damit um?

Kathrin: Wir werden versuchen, die Tradition beizubehalten, auch den Kindern zuliebe. Es wird sehr schwierig, ich verdränge das Ganze noch ein bisschen. Und der Jahrestag - es war halt der schwarzeste Tag in unserem Leben. Man will das gar nicht, dass der Tag näher kommt. Man verdrängt einfach auch ein bisschen und war dauerhaft beschäftigt. Ich denke, jetzt kommt die Phase, wo man anfangen kann, wirklich nachzudenken, was da passiert ist. Das ist nicht wie bei einem normalen Tod durch Krankheit zum Beispiel, wo man nach der Beerdigung zur Ruhe kommt und trauern kann. Das ist bei uns nicht gewesen bis jetzt. Und ich hoffe, dass wir jetzt damit umgehen können, auch mit dem Urteil, dass wir da irgendwie einen Weg für uns finden, das zu akzeptieren.

Das Interview führte Alexandra Dietz.
*In Absprache veröffentlichen wir nicht den vollen Namen, zum Schutz der Privatsphäre der Familie.

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