Amokalarmknopf (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / ZB | Arno Burgi)

Amoklauf als reale Gefahr

Interview: So können Schulen Amoktaten im Vorfeld erkennen

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Ein Amoklauf an einer Schule - für Lehrkräfte ist das heute ein realistisches Risiko. Hildegard Korbmacher hat vor 14 Jahren als Lehrerin eine Amoktat an der BBS in Ludwigshafen miterlebt. Seither gibt sie Seminare, wie man solche Taten vorhersehen und verhindern kann.  

SWR-Aktuell: Frau Korbmacher, Sie sind Lehrerin und derzeit Fachleiterin am Studienseminar für BBS in Speyer. Seit der Amoktat in Ludwigshafen, am 18. Februar 2010, beschäftigen Sie sich mit der Prävention von Amoktaten in Schulen. Sind solche Amoktaten vorhersehbar?

Hildegard Korbmacher: Bei der Prävention geht es darum, Verhaltensweisen und Anzeichen zu erkennen und richtig zu deuten. Das ist schwierig, da braucht man verlässliche Daten und diese Daten hat mir die Professorin für Kriminologie, Britta Bannenberg von der Universität Gießen überlassen. Und, ja, da lassen sich ganz klare Täterprofile ableiten, die im Vorfeld Hinweise auf solche Amoktaten geben. 

SWR Aktuell: Wie sieht so ein Täterprofil aus? 

Hildegard Korbmacher: Meistens fängt es an mit Rückzug von den Klassenkameradinnen und Klassenkameraden. Die Betreffenden distanzieren sich, sie werden abweisend. Sie sind still. Sie sind narzisstisch, extrem kränkbar. Also, das heißt, auch ein Lehrer, der den Schüler zum Beispiel rügt, könnte irritiert sein über die Reaktion des Schülers oder der Schülerin. Es ist ein ganzes Mosaik von verschiedenen Dingen, die man erkannt hat, die auf alle Täter oder zumindest auf die meisten Täter zutreffen. 

SWR Aktuell: Oft hört man von männlichen Jugendlichen, die Amoktaten planen oder durchführen - gibt es auch Täterinnen? 

Hildegard Korbmacher: Ja, das ist eigentlich auch so eine neue Entwicklung. Ursprünglich waren das rein männliche Taten - wir hatten jetzt allerdings in den letzten Jahren auch drei Täterinnen, das heißt, es ist keine rein männliche Tat mehr.  

Das ist eigentlich die große Chance in der Prävention. Das ist nie eine spontane Tat.

SWR Aktuell: Kündigen die betreffenden jungen Menschen ihre Tat vorher an? 

Hildegard Korbmacher: Es gibt eigentlich immer Drohungen. Das heißt nicht, dass jeder, der droht, auch tatsächlich zum Täter oder zur Täterin wird. Solche Droh-Äußerungen muss man versuchen zu unterscheiden. Das kann man nicht allein anhand der Drohung, aber man kann es dann, wenn man das Umfeld oder die Person näher in den Blick nimmt und entsprechende Schritte einleitet.  

SWR Aktuell: Kann man sagen, dass die Täter oder Täterinnen ihre Taten immer im Voraus planen?  

Hildegard Korbmacher: Das ist eigentlich die große Chance in der Prävention. Das ist nie eine spontane Tat. Aber wenn wir von schulischen Amokläufen reden, sind es immer lang geplante Taten, teilweise bis zu einem Jahr. Es ist bei uns sogar schon so gewesen, dass ein Schüler mittlerweile gar nicht mehr an der Schule war. Hier liegt die Chance, dass wir Signale erkennen, die die Täter aussenden und dass wir sie als solches verstehen und im Vorfeld schon aktiv werden. 

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SWR Aktuell: Wie kann ich dann als Lehrerin oder Lehrer konkret einschreiten? 

Hildegard Korbmacher: Als allererstes sollte man immer den Kontakt zu dem Schüler oder der Schülerin suchen - sagen, mir fällt auf, du distanzierst dich, mir fällt auf, du wirst immer kränkbarer, du wirst immer schneller aufbrausend. Das weitere ist der Kontakt mit den Kollegen, das ist ganz wichtig, dass man sich austauscht, wie verhält sich die betreffende Person bei euch im Unterricht? Ist euch auch aufgefallen, dass sie sich verändert?

Dann wäre das Nächste die Mitschülerinnen und Mitschüler. Ich habe einen guten Kontakt zu meinen Schülerinnen und Schülern, das heißt, sie würden mir sagen, wenn da etwas mit einem Mitschüler passiert, was ihnen Angst oder Sorge bereitet.

Das war übrigens in den meisten Fällen auch vorher der Fall. Das Tragische ist, dass es keiner ernst genommen hat und deswegen ist diese Präventions-Veranstaltung so wichtig, dass wir die Chance darin erkennen, diesen Amoklauf erst gar nicht geschehen zu lassen.

Wir müssen auch die Eltern mit einbeziehen, es geht ja nicht um verwahrloste Schülerinnen und Schüler, sondern in der Regel um Schülerinnen und Schüler aus wohlbehüteten Elternhäusern. Auch da sollten wir schon im Vorfeld die Eltern auf Veränderungen aufmerksam machen.  

SWR Aktuell: Ist das Internet eine Gefahr? 

Hildegard Korbmacher: Das Internet ist eine große Gefahr und Internet spielt auch hier eine ganz zentrale Rolle. Das heißt, die Eltern müssen aufmerksam sein: Wie viel Zeit verbringen ihre Kinder im Internet, was tun sie da im Internet? Ja, vielleicht auch mal nachts gucken: Schlafen die wirklich oder sitzen die am Computer? Und vielleicht reden sie auch mal mit ihrem Kind, wie es mit Kontakten zu anderen Gleichaltrigen aussieht.

Geht ihr Kind auch zu anderen Freunden? - Das ist wichtig, ein Jugendlicher braucht eine Peer Group. Im Internet gibt es diese Chatgruppen, die sich gegenseitig befeuern, die verstärken diese Hassgedanken und dann kann es tatsächlich dazu kommen, dass so ein Jugendlicher in seiner eigenen Welt lebt und sich von der Realität völlig abkapselt. 

SWR Aktuell: Welche Ursachen hat es, wenn ein junger Mensch eine Amoktat plant oder begeht?  

Hildegard Korbmacher: Letztendlich haben diese Jugendlichen eine besondere Auffassungsgabe, sie können nicht verzeihen und sie sind relativ schnell bereit zu hassen. Sie äußern unglaubliche Wut, Rachegedanken. Das alleine wird noch keinen zum Täter machen. Aber das Schlimme ist, wenn dann das Internet hinzukommt.

SWR Aktuell: Kann man sagen, es geht einer Amoktat immer eine psychosoziale Krise voraus, durch Mobbing oder andere Geschehnisse?  

Hildegard Korbmacher: Die Fälle, von denen ich die Untersuchungen hatte, bei denen war das so. 

Nach Amoklauf BBS Ludwigshafen 2010 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / dapd | Horst Welke/sb)
Polizeibeamte stehen am 18.02.2010 nach einem Amoklauf vor der Berufsschule BBS Naturwissenschaften / Technik in Ludwigshafen.

SWR Aktuell: Als es 2010 den Amoklauf in der Berufsbildenden Schule in Ludwigshafen gab, waren Sie auch in dem Gebäude. Damals war ein bewaffneter 23-Jähriger auf seine ehemaligen Lehrer losgegangen. Ein Pädagoge starb. Wie war das nach der Tat für Sie?

Hildegard Korbmacher: Ich bin jetzt nicht so der ganz ängstliche Typ. Also, ich konnte gut damit umgehen. Aber als ich dann gehört habe, dass meine Referendare Angst haben, da habe ich mir gedacht, dann müssen wir aktiv werden, da muss ich was tun. Das war so das Erste, dass ich dann diese Veranstaltung "Was tun im Amokfall", gemacht habe und damit dann also auch den Referendaren und Referendarinnen geholfen habe, mit der Situation besser klarzukommen. Es geht ja darum, dass Angst durchaus berechtigt ist, aber sie darf nicht irrational werden. 

SWR Aktuell: Was ist die zentrale Botschaft, die Sie mit Ihren Veranstaltungen, Seminaren transportieren wollen? 

Hildegard Korbmacher: Die zentrale Botschaft ist, dass wir die Anzeichen, die die Täter aussenden, dass wir die sensibel aufnehmen und dass wir in allen Schulen eine Art Konzept haben, wie man damit umgeht, um eben die schlimme Amoktat zu verhindern. 

SWR Aktuell: Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Polizei und Strafverfolgungsbehörden?  

Hildegard Korbmacher: Das ist, glaube ich, eine ganz wichtige Sache. Und da habe ich auch schon in manchen Schulen das Gefühl, da liegt es noch im Argen - dass da noch so eine Riesenhemmschwelle ist, die Polizei mit einzubeziehen. Da müssen wir noch viel tun, dass da die Zusammenarbeit erleichtert wird, dass Kolleginnen und Kollegen auch früh schon Kontakt zur Polizei aufnehmen und sagen, mir ist das und das aufgefallen, muss ich mir da Sorgen machen? 

SWR Aktuell: Was würden Sie sich für ihre künftige Präventions-Arbeit wünschen?

Dass mehr Schulen überhaupt wissen, dass es solche Veranstaltungen gibt, dass man solche Studientage durchführen kann und damit im Prinzip schon im Vorfeld aktiv werden kann, um solche Taten zu verhindern. Insofern wäre es schön, wenn hier mehr Schulen informiert wären, dass solche Veranstaltungen möglich sind. Ich bin ja auch ab Juli in der Pensionsphase und habe dann auch deutlich mehr Zeit, diese Studientage abzuhalten. Ich würde natürlich auch versuchen, da noch Multiplikatoren mit ins Boot zu nehmen, die dann, wenn ich ausscheiden sollte, das Ganze weiterführen. 

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