Ein Hörer in der Farbe Magenta hängt an einem öffentlichen Telekom-Münztelefon.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, Martin Gerten)

Keine Münzen mehr in Telefonzellen

Meinung: Zum Schwitzen in die Telefonzelle

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Martin Rupps
Martin Rupps (Foto: SWR, SWR/Kristina Schäfer)

Seit Montag nimmt keine Telefonzelle in Deutschland mehr Münzgeld an. Martin Rupps erinnert sich an viel Hitze und Schweiß in den Plexiglas-Häuschen.

Seit Montag nimmt keine Telefonzelle in Deutschland mehr Münzgeld an. Der Anfang vom Ende eines Angebots, das 142 Jahre Bestand hatte. Ende Januar funktionieren dann auch Telefonkarten nicht mehr. In drei Jahren sollen die letzten 12.000 Telefonzellen und -Säulen abgebaut sein.

Martin Rupps (Foto: SWR, SWR/Kristina Schäfer)
Die Meinung von Martin Rupps SWR/Kristina Schäfer

Wann haben Sie zum letzten Mal einen öffentlichen Münzfernsprecher genutzt? Ich selbst weiß es nicht mehr. Die Telefonzelle gehört für mich schon länger zu den verschwundenen Dingen meines Lebens wie die Schreibmaschine, die Kleinbildkamera und der VHS-Rekorder. Gleichwohl war die Telefonzelle hochwichtig zu einer Zeit, bevor es Handys gab. Als häufig einzige Möglichkeit, ungestört mit dem Freund bzw. der Freundin zu turteln. Oder bei der Zimmer- und Wohnungssuche in einer fremden Stadt.

Ungestörter Ort zum Telefonieren

Kulturgeschichtlich hat die Telefonzelle Unsterblichkeit erlangt. In Krimis wurden darin Menschen mit Kugeln durchsiebt, die bei der Polizei auspacken wollten. Zu meinen Lieblingsstreichen bei „Verstehen Sie Spaß?“ gehört, wie Jürgen Drews in einer Telefonzelle eingeschlossen wurde und mit ihr – beim Verladen auf einen Lkw – in die Luft ging.

Ich werde die Telefonzelle trotzdem nicht vermissen, am allerwenigsten im Sommer. Dann herrschte in dem Plexiglas-Kasten eine Bruthitze. Und wenn direkt davor jemand telefoniert hat, ließ er einen üblen Schweißgeruch zurück.

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