Dampf und Abgase kommen aus einem Schornstein einer Fabrik.

Braucht BW eine Pipeline für klimaschädliches Kohlendioxid?

Klimaexperten fordern von Landesregierung Einsatz für umstrittene CO2-Speichertechnik

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Christian Susanka
Henning Otte
SWR-Reporter und -Redakteur Henning Otte, SWR Landespolitik

Die einen fürchten CO2-Mülldeponien unter dem Meer, die anderen sehen darin einen Meilenstein für mehr Klimaschutz. Die Verpressung von CO2 unter der Erde ist hochumstritten. Aber was hat das mit der Zementindustrie in BW zu tun?

Die Klima-Sachverständigen in Baden-Württemberg haben sich in die Debatte um die unterirdische Speicherung von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) eingeschaltet und für eine eingeschränkte Nutzung plädiert. Ohne die neue CO2-Speichertechnik werde es für Baden-Württemberg schwer, an die selbstgesteckten Klimaziele heranzukommen.

Das sogenannte Carbon Management sei "verantwortungsvoll eingesetzt - eine unverzichtbare Ergänzung zu umfassenden Klimaschutzmaßnahmen zur CO2-Emissionsvermeidung, um das Ziel der Netto-Treibhausgasneutralität bis 2040 zu erreichen", heißt es in einem Impulspapier des Klima-Sachverständigenrats BW, das dem SWR vorliegt.

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Habeck will CO2-Speicherung unter der Nordsee erlauben

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte Ende Februar angekündigt, die Speicherung von industriell verursachten Kohlendioxidemissionen unter der Nordsee erlauben zu wollen. Seine Strategie sieht die Abscheidung, Transport und Verpressung von CO2 unter der Erde (CCS) vor.

Es gebe industrielle Sektoren, für die Klimaneutralität schwer oder gar nicht zu erreichen sei, beispielsweise bei der Herstellung von Zement und Kalk sowie der Abfallverbrennung. Erlauben will er die unterirdische Speicherung auch in Deutschland, allerdings nur auf hoher See, nicht an Land. Bei Umweltschützern ist die CO2-Speicherung hochumstritten.

Experten wollen Speichertechnik nur für unvermeidbaren CO2-Ausstoß

Die Klima-Sachverständigen in BW dringen darauf, dass das neue Verfahren nur für unvermeidbare CO2-Emissionen zugelassen werden dürfe. "Diese entstehen unmittelbar prozessbedingt, in Prozessen, die nicht durch emissionsfreie Prozesse ersetzt werden können und deren Produkte auch zukünftig unverzichtbar sein werden - wie die Zementproduktion, die Kalkherstellung, Prozesse in der Chemischen Industrie, Prozesse in Raffinerien oder die thermische Abfallverwertung."

Ohne CO2-Speicherung keine Zementproduktion mehr in BW

Es gehe hier um nichts weniger als die Frage, ob Zement auch künftig noch in Baden-Württemberg produziert werden kann. Maike Schmidt, Vorsitzende des Klimagremiums erklärte im SWR: "Aktuell haben wir auf der europäischen Ebene das Emissionshandelssystem, das bis 2039 noch Zertifikate ausgibt. Danach ist Schluss. Wenn die Zementindustrie bis dahin nicht die Möglichkeit hat, das CO2 abzuscheiden und abzutransportieren, werden wir in Baden-Württemberg in 15 Jahren keinen Zement mehr produzieren können. Insofern ist es hier wichtig, schnell zu handeln."

Baden-Württemberg

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Landesregierung soll sich für CO2-Pipeline einsetzen

Die Klimaexpertin fordert, dass die Landesregierung nicht nur solche Abscheideprojekte weiter unterstützt, sondern sich auch beim Abtransport des CO2 einschaltet. Es brauche eine geeignete Infrastruktur dafür und die müsse geplant werden, ergänzt Schmidt. Man wolle, dass abgeschiedenes und gefiltertes CO2 auch als Rohstoff in der chemischen Industrie weiterverwendet werde.

Dazu brauche es ein CO2-Pipelinesystem, das Baden-Württemberg mit anderen Zementherstellern in Bayern und der Schweiz verbindet und Anschluss bringt an die Nordsee, fordert auch der Hauptgeschäftsführer des Verbands Steine und Erden, Thomas Beißwenger. Er ist sich sicher, dass Baden-Württemberg das Potenzial zur Drehscheibe für CO2-Transport habe. "Ich glaube die Landesregierung hat schon verstanden, dass sie hier Gas geben muss. Nordrhein-Westfalen und Bayern sind hier schon vorangegangen, Baden-Württemberg will sehr früh klimaneutral werden und dieses Rennen werden wir nicht durch einen Schlussspurt gewinnen, sondern wir müssen im Prinzip schnell beginnen."

Ortstermin bei Pilotanlage in Heidenheim

Ortstermin in Heidenheim an der Brenz, Ortsteil Mergelstetten: Es ist ein Labor auf einer Fläche, die größer ist als ein ganzes Fußballfeld - und trotzdem gilt die Pilotanlage als Kleinformat. Zwei Betonskelette ragen in den gräulichen Aprilhimmel, wenige Meter vor dem Ortsausgang und knapp 50 Kilometer nördlich von Ulm. In etwa 25 Meter Höhe schwebt ein dreistöckiger Treppenaufgang an einem Kran durch die Luft. Das Stahl-Bauteil wird auf einen bereits zwölfstöckigen Treppen-Turm einer Außentreppe aufgesetzt: Zementwerksbau im Modulformat.

"Wir hatten Schwierigkeiten einen Stahlbauer zu finden, der uns die ganze Anlage in deutlich kleinerer Größe baut als üblich", erklärt Elke Schönig, Sprecherin bei Heidelberg Materials, dem Konzern, der früher einmal Heidelberg Zement hieß. Nun sei man aber optimistisch, dass das Bauprojekt vorankomme.

Heidelberg

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Der Chef des Baustoff- und Zementkonzerns Heidelberg Materials fordert, dass auch in Deutschland klimaschädliches CO2 im Boden gespeichert werden kann. Die Methode ist umstritten.

Internationale Zementhersteller forschen auf der Ostalb

Drei weitere Zementhersteller, darunter auch aus Italien und Frankreich, wollen hier auf der Ostalb zusammen mit Heidelberg Materials die Zement-Zukunft neu definieren. Dazu forschen sie an einem neuen Herstellungsprozess. Die Ergebnisse aus der kleinen Anlage sollen dann wieder hochgerechnet werden, auf die übliche Größe eines Zementwerks, heißt es von Heidelberg Materials, dem wichtigsten Zementherstellers Deutschlands.

Ziel ist es, mit dem neuen Verfahren, den CO2-Fußabdruck der Zementherstellung zu verringern. "Capture for climate" steht auf dem zukünftigen Drehrohrofen, der wie eine Riesenschlange die beiden Betonskelette verbindet.

Warum kann Zement nicht grün hergestellt werden?

In dieser Röhre passiert normalerweise das, was die Zementproduktion zu einem der größten Emittenten von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) weltweit macht: Aus dem kohlenstoffhaltigen Kalkstein wird bei über 1.400 Grad dunkler Klinker gebrannt, der dann wiederum zu Zement zermahlen wird.

Nicht die hohe Temperatur im Drehrohrofen ist die große CO2-Quelle, sondern die chemische Entsäuerungs-Reaktion, die hier beginnt und den gebundenen Kohlenstoff aus dem Kalkstein in Kohlendioxid verwandelt. Das freiströmende Klimagas entweicht im bisherigen Zementwerk in den freien Himmel; in Mergelstetten soll es künftig abgeschieden, verflüssigt und gespeichert werden. CCS heißt das Verfahren: Carbon Capture and Storage.

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Klima-Experten sehen in Speichertechnik kein "Greenwashing"

Im Fall der Zementindustrie sei das CCS und der Abtransport in Richtung Norden tatsächlich kein "Greenwashing" einer fossilen Industrie, erklärt die Klimaexpertin Schmidt. CO2-Emissionen seien bei der Herstellung von Zement einfach unvermeidbar, da helfe kein E-Motor und kein Solarpanel, die Abscheidung von CO2 sei tatsächlich der einzige Weg für klimafreundlichen Zement. Man fordere die Technik weder für Kohlekraftwerke noch für Verbrennungsmotoren, sagt Schmidt.

Landesregierung soll Dialogprozess ins Leben rufen

Die Experten empfehlen der Landesregierung dringend, einen Dialogprozess ins Leben zu rufen. "Denn die Bedenken gegenüber Carbon Capture and Storage sind bislang nicht vollständig ausgeräumt, auch wenn sich Positionen verändert haben."

Ziel müsse eine konsensfähige Strategie sein. "Denn ohne Zustimmung der Bevölkerung ist ein Bau von CO2-Infrastrukturen nicht umsetzbar und CCS für Baden-Württemberg nicht nutzbar."

Manche Umweltschützer befürchten CO2-Mülldeponien unter dem Meer

Tatsächlich gehen selbst bei den Umweltschutzverbänden die Meinungen auseinander. Die Deutsche Umwelthilfe, der BUND und Greenpeace hatten Habecks Pläne kritisiert. Damit könnten "CO2-Mülldeponien unter dem Meer" entstehen, hieß es unter anderem. Nabu und WWF zeigten sich dagegen grundsätzlich offen für die Nutzung unterirdischer CO2-Speicher.

Klima-Sachverständige BW für Technologie-Wettbewerb

Rund um die CCS-Abscheideverfahren-Technologie könnte auch ein internationaler Wettbewerb entstehen und möglicherweise ein eigenes wirtschaftliches Potenzial, schätzt Klimaexpertin Schmidt. "Also auf jeden Fall ist es Know-how-Gewinn, den wir auch dringend brauchen und der dann auch in anderen Zement-Werken weltweit zum Einsatz kommen kann. Natürlich sind auch andere unterwegs, hier sich fit für die Zukunft zu machen. Insofern ist das vielleicht auch ein Technologie-Wettbewerb."

Tatsächlich sitzen die weltweit größten Zementhersteller in China, Indien und in den USA. Ist der Laborversuch von Mergelstetten erfolgreich, könnte es möglicherweise Interesse aus anderen Erdteilen geben - oder aber auch technologische Konkurrenz.

Bisher kann CO2 nur mit Frachtschiffen abtransportiert werden

Der Abtransport der großen Mengen CO2 aus der Zementherstellung ist aktuell mit einem Frachtschiff für Flüssiggastransport machbar, allerdings nur dort, wo es auch einen Schifffahrtsweg gibt. Im ostwürttembergischen Mergelstetten bräuchte es einen kilometerlangen Güterzug. Das würde nur in der Theorie funktionieren, warnt Klimaexpertin Schmidt. Deswegen sei hier dringend ein besonders dichtes Pipelinenetz nötig, um das CO2 zu transportieren.

Ohne eine solche Pipeline drohe das Ende des baden-württembergischen Zementindustrie. Dann müsste man in einem klimaneutralen Baden-Württemberg, wie es für 2040 im letzten grün-schwarzen Koalitionsvertrag vereinbart wurde, die Zementproduktion einstellen und möglicherweise nicht klimaneutralen Zement aus China importieren, möglicherweise unter Aufwendung von viel CO2 für den Transport, warnt der Hauptgeschäftsführer von Steine und Erden, Beißwenger. Das wäre dann tatsächlich das schlechteste aller Szenarien so die Befürchtung - nicht nur wirtschaftlich, sondern auch klimatechnisch.

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