Ein Landwirt fährt mit einer Dünger- und Pestizidspritze über ein Feld mit jungem Getreide. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance/dpa | Patrick Pleul)

Auswirkungen des Ukraine-Kriegs

Trotz hoher Weizenpreise nicht mehr Gewinn für Bauern im Kreis Tübingen

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Der Weizenpreis ist durch den Krieg in der Ukraine stark gestiegen. Reich werden die Bauern in der Region Neckar-Alb trotzdem nicht. Betroffene aus dem Kreis Tübingen berichten.

Schon im Supermarkt am Mehlregal ist es offensichtlich: Weizen ist seit dem Ukraine-Krieg knapp und teurer geworden. Wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte, stiegen die Importpreise von Weizen im März im Vergleich zum März 2021 um 65,3 Prozent. Sie haben sich laut Statistiker bereits vorher verteuert, der Ukraine-Krieg habe den Preisanstieg aber nochmals verstärkt.

Ein Grund zur Freude für alle Weizenbauern in der Region Neckar-Alb, könnte man meinen, weil sie selbst dann mehr und teurer Getreide verkaufen können. Doch der Schein trügt, erzählt Philipp Wandel. Er ist Landwirt in Kusterdingen (Kreis Tübingen) und baut Getreide an. Denn auch das Düngemittel ist deutlich teurer geworden.

Philipp Wandel auf seinem Getreidefeld in Kusterdingen (Foto: SWR, Luisa Klink)
Philipp Wandel auf seinem Getreidefeld in Kusterdingen. Luisa Klink

"Millionär werde ich jetzt sicher nicht."

Kaum Gewinn mit Weizen trotz höherem Verkaufspreis

Er könne seinen Weizen zwar doppelt so teuer verkaufen wie vor dem Krieg, sagt Wandel. Aber gleichzeitig seien die Preise für Düngemittel von durchschnittlich 240 Euro pro Tonne auf rund 910 Euro pro Tonne gestiegen. Seine höheren Verkaufspreise für den Weizen deckten gerade so seine Mehrausgaben für den Dünger ab.

Düngemittel müssen im Voraus bezahlt werden

Philipp Wandel muss seine Düngemittel schon Anfang des Jahres kaufen, um sie rechtzeitig auf die Felder auszubringen. Sein Geld vom Weizenverkauf bekommt er aber erst, wenn das Getreide gewachsen ist und geerntet wurde, also ungefähr sechs bis neun Monate später.

"Die Zahlung im Voraus ist schon eine große finanzielle Herausforderung für mich."

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Hornspäne als Alternative?

Auch der Kreisbauernverband Tübingen kennt die Düngemittel-Problematik. Organische Dünger-Alternativen wie Hornspäne seien für konventionelle Betriebe nicht ausreichend verfügbar, sagt Kreisvorsitzender Jörg Kautt dem SWR. Auch dieser Dünger sei teuer, auch wenn bei der Produktion kein Gas verwendet werde wie bei Stickstoff-Düngemitteln.

Cem Özdemir will mehr Weizen anbauen

Ab 2023 schreibt die EU vor, dass auf einem Feld nicht zweimal hintereinander Weizen angebaut werden darf. Stattdessen müsse Raps, Mais oder eine andere Frucht folgen, um Monokulturen zu vermeiden. Die EU-Regelung betrifft schon die diesjährige Herbstaussaat. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) spricht sich dafür aus, diese Regelung zurückzustellen, damit wegen des Ukraine-Kriegs mehr Weizen produziert werden könne.

Laut Jörg Kautt sind vor allem ärmere Länder von der Weizenknappheit betroffen. Auf dem Weltmarkt an sich gebe es für ein reiches Land wie Deutschland genügend Weizen zu kaufen. Außerdem müsse man bedenken, wie man die Ackerflächen nutzt: entweder für Energiegewinnung wie Photovoltaikanlagen oder für Lebensmittel, so Kautt.

Monokultur: weniger Erträge und Nährstoffmangel

Auch Matthias Teufel von "rebio", der Regionalen Bioland Erzeugergemeinschaft aus Rottenburg (Kreis Tübingen), hat aufgrund des Ukraine-Kriegs mit Preissteigerungen zu kämpfen. Zwar würden in der Biolandwirtschaft organische Düngemittel wie Hornspäne verwendet, bei denen der Preis nicht so sehr gestiegen sei wie bei den konventionellen Düngemitteln.

Dennoch: Es gebe ein allgemeines Energieproblem. Denn auch die Traktoren würden eine Menge Diesel verbrauchen. Zudem befürchtet Teufel beim mehrmaligen Anbau von Weizen hintereinander einen Nährstoffmangel und weniger Erträge. Einmal könne man eventuell Weizen hintereinander anbauen, mehrmals nicht, sagt Teufel.

Im Hafen von Odessa wir Getreide auf einen Frachter, ein Schiff verladen. (Foto: © Elena – stock.adobe.com)
In Odessa und anderen ukrainischen Hafenstädten stecken Schiffe mit tonnenweise Getreide fest. Wegen des russischen Angriffskrieges kann die Ukraine ihr Getreide nicht ausliefern. Viele, vor allem ärmere Länder, sind aber dringend angewiesen auf den günstigen Weizen aus der Ukraine. © Elena – stock.adobe.com

Ukraine: wichtiger Getreide-Lieferant

Nach Angaben der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) stecken knapp 25 Millionen Tonnen Getreide fest. Die Getreidemenge könne eigentlich exportiert werden. Wegen der fehlenden Infrastruktur und der Blockade der Häfen könne das Getreide aber nicht die Ukraine verlassen. Insbesondere Länder im Nahen Osten und in Afrika sind von den Lebensmittelexporten abhängig.

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Im Interview mit dem Deutschlandfunk hat Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir Russland vorgeworfen, Hunger gezielt als Waffe einzusetzen, indem der Export von Weizen aus der Ukraine mit Hafen-Blockaden verhindert werde. Özdemir ist am Freitag und Samstag Gastgeber bei der Konferenz der G7-Agrarminister in Stuttgart-Hohenheim. Dort werden die Auswirkungen des Krieges auf die weltweite Ernährungssicherheit im Mittelpunkt stehen. Die Art der Kriegsführung von Putin sei "besonders perfide", weil die Ukraine so wichtig für die Weizenversorgung sei, so Özdemir. Allein die Hälfte des Weizens für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen komme aus der Ukraine.

Aktionsplan der EU-Kommission

Die EU-Kommission hat am Donnerstag vorgeschlagen, das Getreide per Bahn, Lkw und über Wasserstraßen aus der Ukraine zu transportieren. Dann könnte es in die Weltregionen kommen, in denen ohne ukrainische Lieferungen eine Nahrungsmittelknappheit drohe. Das ist das Ziel des Vorschlags der EU-Kommission. Damit das Getreide möglichst schnell die Ukraine verlassen kann, auch damit die belegten Getreidelager für die nächste Ernte frei werden, sei es wichtig, die Lieferketten zu koordinieren und zu optimieren und neue Routen zu etablieren, so die für Verkehr zuständige EU-Kommissarin Adina Valean.

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