Gerhard Schnaitmann - Interview (Foto: SWR)

Vereinfachung gefordert

Tübinger Bahnexperte lobt 9-Euro-Ticket

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Der Tübinger Verkehrsexperte Gerhard Schnaitmann lobt das 9-Euro-Ticket. Es habe gezeigt, dass Bahnfahren einfach und übersichtlich sein könne. Eine Verpflichtung für die Zukunft.

Von Juni bis August konnten die Menschen in Deutschland für neun Euro pro Monat Bus und Bahn fahren. Gerhard Schnaitmann aus Tübingen, Fachmann für Nahverkehrsplanung, findet: Es war eine großartige Sache, und es hat gezeigt, was möglich ist.

Das Interview von Sandra Müller, SWR Studio Tübingen, mit dem Bahnexperten Gerhard Schnaitmann:

Gerhard Schnaitmann: Ich bin begeistert vom 9-Euro-Ticket. Und ich hätte das ehrlich gesagt der Politik nicht zugetraut, dass sie sowas hinbekommt. Und der Verband Deutscher Verkehrsbetriebe, der VDV mit seinem Präsidenten Ingo Wortmann, hat ja toll mitgezogen. Und das war nicht nur eine verkehrspolitische Großtat. Es war auch eine sozialpolitische Großtat, und natürlich auch für die Klimapolitik sehr wichtig. Man hat Menschen im Zug gesehen, große Familien, die sonst nie unterwegs sind, die schon am Fahrkartenautomaten oft scheitern. Und das 9-Euro-Ticket hat sich herumgesprochen, auch bei den Menschen mit Migrationshintergrund. Es war einfach zu verstehen, einmal pro Monat neun Euro, ganz Deutschland. Und das wurde wirklich toll in Anspruch genommen. Natürlich hat es da und dort auch mal überfüllte Züge gegeben. Denn eins war klar: Für die Verkehrsbetriebe war die Vorlaufzeit natürlich sehr kurz.

SWR: Das heißt, Sie ziehen als Lehre daraus: Es muss einfach einfacher werden?

Schnaitmann: Es muss einfacher werden, es muss übersichtlicher werden. Mein Traum ist noch fünf Nahverkehrs-Fahrkarten in ganz Deutschland: eine 2-Stunden-Karte, eine Tageskarte, eine Wochenkarte, eine Monatskarte, und eine Jahreskarte - fertig. Wie bei Lotto-Toto, beim Abreißblock, fertig! Das Gültigkeitsdatum trägt man selber ein und alles ist geritzt.

SWR: Und wie groß ist Ihre Hoffnung, dass das jetzt tatsächlich schon bald so kommt?

Schnaitmann: Also der Druck ist enorm, und da muss ich wirklich ausdrücklich den VDV loben, der da mitzieht, die Verkehrsbetriebe ziehen mit. Die Verkehrsbetriebe sehen da auch eine Riesenchance. Und jetzt muss sich eben der Bund einen Ruck geben. Und der Milliardenaufwand, der dafür notwendig ist, ist im Vergleich zu anderen Paketen wie zum Beispiel dem Tankrabatt-Paket überschaubar und kalkulierbar. Und dem stehen ja dann auch Einsparungen gegenüber, beim Vertrieb und überall. Natürlich braucht man da und dort etwas mehr Leistungen, die bestellt werden müssen. Aber ich halte das für stemmbar und gerade in der jetzigen Zeit auch für sozialpolitisch und klimapolitisch angesagt.

SWR: Und trotzdem sagen ja die Kritiker: Das Geld allein ist gar nicht das Thema. Sondern, dass die Bahn nicht in der Lage ist, so viele Passagiere aufzunehmen. Dass alles überlastet gewesen sei, habe man doch sehen können. Halten Sie es dennoch für machbar?

Schnaitmann: Es war nicht so. Die Diskussion lief am Anfang etwas in die falsche Richtung. Nach dem Motto: Tübingen-Berlin mit 13 Mal Umsteigen. Aber die Leute sind auch in die Fläche gefahren, in die Breite gefahren, haben Verwandtenbesuche gemacht. Und dann sind ganz wenige überlastete Linien wie Berlin-Warnemünde oder Stuttgart-Lindau übriggeblieben. Und wenn man da rechtzeitig Bescheid weiß, kann man da wirklich auch nachsteuern.

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