Lisa Federle, Notärztin und Initiatorin eines mobilen Testbusses für Corona-Schnelltests, führt während einer Schulung für die Durchführung von Corona-Schnelltests für Erzieherinnen und Lehrerinnen einen Antigentest an einem Kind durch. Der Test muss nicht so tief in die Nase eingeführt werden. In Baden-Württemberg will die Landesregierung am 17. Februar über die Teststrategie für Schulen und Kindergärten diskutiert. (Foto: dpa Bildfunk, Archivbild von Juni 2021 | picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Vier Jahre nach erstem Lockdown

Tübinger Ärztin Federle: "Corona ist in meinem Alltag immer noch präsent"

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Vor vier Jahren begann der erste Lockdown. Schulen, Kitas, Restaurants, Kinos - fast alles war zu. Es gab weder Impfungen noch Schnelltests. Die bekannte Notärztin Lisa Federle blickt zurück.

Lisa Federle ist Pandemiebeauftragte im Kreis Tübingen und Deutschlands wohl bekannteste Notärztin. Im Interview mit dem SWR blickt sie auf die Corona-Zeit zurück, die sie endgültig zu einer öffentlichen Person gemacht hat. Denn bereits vor Corona war sie bundesweit für ihre rollende Arztpraxis für Geflüchtete und Obdachlose bekannt. Unter anderem mit einer Fieberambulanz und kostenlosen Corona-Tests machte sie Tübingen früh in der Pandemie zum bundesweiten Vorreiter.

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SWR Aktuell: Ist Corona für Sie denn tatsächlich komplett vorbei - haben Sie das gedanklich abgehakt, oder ist die Pandemie noch immer präsent?

Lisa Federle: Für mich ist nichts vorbei, es gibt ja da auch einige Schicksale. Nämlich bei Leuten, die Corona-Langzeitfolgen haben und solche, die unter Impfschäden leiden. Die muss man weiterhin schon im Blick behalten und nicht sagen, nun ist es vorbei und interessiert uns nicht mehr.

SWR Aktuell: Begegnet Ihnen die Pandemie auch nach wie vor in Ihrem Alltag?

Federle: Natürlich, ich habe immer wieder Patienten, die Corona haben und immer wieder über erhebliche Probleme damit klagen. Also bestimmt nicht lebensbedrohlich, aber lange Zeit nichts schmecken oder sich wochenlang müde fühlen, völlig erschöpft sind. Das gibt es nach wie vor.

SWR Aktuell: Können Sie sich erinnern, als es losging, vor vier Jahren, wann Sie zum ersten Mal gedacht haben, wir müssen hier in Tübingen etwas anders machen?

Federle: Ja, das war ganz zu Beginn im Februar 2020 als das noch niemand richtig ernst genommen hat um mich herum. Da habe ich ein paar Leute vom Roten Kreuz zusammengetrommelt, um das zu besprechen. Die meinten übrigens zwei Wochen später, sie hätten mich erst belächelt und waren aber froh, dass ich sie so schnell mit auf diesen Dampfer gebracht habe. Dadurch waren wir schneller ausgerüstet und besser vorbereitet.

SWR Aktuell: Pragmatische Lösungen, so könnte man Ihre Strategie in Tübingen wohl beschreiben. Warum ist das vielen anderen Verantwortlichen in der Medizin, der Politik, den Verwaltungen schwer gefallen?

Federle: Ich glaube, dass jeder erstmal Angst hat, wenn etwas Neues, Unbekanntes kommt. Wir neigen dazu, die Verantwortung immer mehr abzugeben an andere oder einfach keine Entscheidung zu treffen. In einer Pandemie müssen sie aber entscheiden - auch wenn die Entscheidungen vielleicht nicht immer die richtigen sind. Aber da muss man einfach anpacken, denn nichts zu tun, ist dann schlimmer, als etwas zu tun. Wie bei einem Unfall: Anpacken ist immer noch besser, auch wenn man sich nicht hundertprozentig auskennt, als einfach weiterzufahren.

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SWR Aktuell: Kam das auch aus Ihrer Haltung als Notärztin heraus?

Federle: Selbstverständlich. Ich bin es gewohnt, dass ich schnell reagieren muss und dass ich mir die Situation vor Ort anschaue und darauf reagiere. Und dann womöglich aber auch nachjustieren muss. Das heißt, meine Entscheidung nochmal überdenken muss. Das war ganz schwierig in Corona-Zeiten. Denn oft gab es Situationen, wo die Politik einfach verhaftet war in ihrem Denken und sich auch nicht hat abbringen lassen und andere Ideen ausprobiert hat. Oder es wurde gesagt: Wir sind jetzt einen Schritt weiter, wir machen es jetzt anders.

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SWR Aktuell: Bei den Entwicklungsschritten in der Pandemie gab es oft neue Situationen: Was haben Sie da über sich selbst gelernt?

Federle: Ich habe schon gemerkt, dass ich mich nicht nur darauf verlassen darf, was die Menschen in der Bevölkerung mir rückmelden, sondern ich muss schon darauf hören, was das Robert Koch-Institut und andere Forschungseinrichtungen sagen. Auf der anderen Seite: Wenn ich sehe, dass das Robert Koch-Institut mehr als tausend Seiten geschwärzt hat in seinen Protokollen, da kommen mir dann doch erhebliche Zweifel.

Was ich auch gelernt habe: Wie schwierig es ist, sich gegenüber der Politik durchzusetzen. Das hat mich wahnsinnig viel Kraft gekostet, mehr als der Kampf gegen Corona. Wie oft ich mich angelegt habe oder auch Schwierigkeiten hatte, das war schon hart.

SWR Aktuell: Da prallen natürlich auch unterschiedliche Meinungen aufeinander. Haben Sie denn das Gefühl, dass wir als Gesellschaft oder auch als Land insgesamt einen Lernprozess durchlaufen haben?

Federle: Da bin ich ehrlich gestanden momentan noch nicht so sicher. Ich glaube, dass sich gezeigt hat, wie stark sich die Gesellschaft gespalten hat. Und was ich merke: Wie aggressiv bestimmte Leute einem gegenüber sind. Das finde ich problematisch, das habe ich früher so nie erlebt. Egal, wie schlimm irgendwelche Grippewellen oder Sonstiges war.

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Das finde ich, ist schon stärker geworden und daraus sollten wir auf alle Fälle lernen. Was ich aber auch festgestellt habe in dieser Zeit: Wie wahnsinnig Tübingen in dieser Zeit zusammengehalten hat. Das fand ich irgendwie grandios. Die ganze Stadt, einschließlich OB, aber auch die ganze Bevölkerung, alle haben irgendwie mit angepackt. Alle haben alles getan, was sie konnten, um uns zu helfen und zu unterstützen. So einen Zusammenhalt habe ich vorher nie erlebt. Und der hat mich irgendwie sehr mutig gemacht.

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