Haus bei dem aus den Fenstern Rauch austritt  (Foto: SWR)

Explosion, 14 Tote, Großeinsatz

Vor zehn Jahren in Titisee-Neustadt: Brandkatastrophe in Werkstätte

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Maya Rollberg & Annette Rohrer

Zehn Jahre nach der verheerenden Brandkatastrophe in einer Werkstätte für Menschen mit Beeinträchtigung erinnern sich Rettungskräfte, Feuerwehr und Beschäftigte an das Unglück.

Es war eine der furchtbarsten Brandkatastrophen der letzten Jahrzehnte: Am 26. November 2012 bricht in Titisee-Neustadt in der Zweigwerkstätte St. Georg der Caritas ein Feuer aus. Zeugen berichteten von einer Explosion, es wird der größte Rettungseinsatz in der Region für Jahrzehnte. Für 14 Menschen im Alter von 28 bis 68 Jahren kam dennoch jede Hilfe zu spät. Sie starben an einer Rauchvergiftung.

Mobiler Gasofen war Brandursache

Gegen 14 Uhr brach an diesem Novembertag, an dem eigentlich der Advents- und Weihnachtsmarkt beginnen sollte, der Brand aus. Das Ventil des mobilen Gasofens für die Weihnachtsfeier war aus Versehen aufgedreht worden. Unter dem Dachstuhl waren Chemikalien gelagert, das austretende Gas führte zu einer gigantischen Explosion. Das Feuer breitete sich rasch aus, viele Menschen gerieten in Panik, wie die Einsatzleitung berichtete. 120 Menschen hatten sich zu diesem Zeitpunkt im Haus befunden.

Großeinsatz mit 300 Rettungskräften

Als der Alarm bei der Feuerwehr einging, war man zunächst nur von einem harmlosen Einsatz oder gar Fehlalarm eines Rauchmelders ausgegangen. Doch schnell wurde das Feuer zu einem Alarm der Stufe vier. Fast 300 Rettungskräfte waren im Einsatz. Sie erinnern sich noch alle minutiös an die überfordernden Zustände, die sie vor Ort antrafen.

"Normalerweise dauert die Chaosphase 15 Minuten, aber da ging sie ungefähr eine Stunde. Es war ein riesiges Durcheinander.” 

Feuerwehr musste Tote bergen

Doch auch in dem Durcheinander mussten die Einsatzkräfte funktionieren. Viele der Räume in der Werkstatt waren Lagerräume und schwer zu überblicken. Unter schwierigsten Bedingungen mussten die Einsatzkräfte mit Atemschutzgeräten in das Gebäude vordringen und auf dem Boden nach Menschen suchen.

Zwei Feuerwehrmänner laufen durch die Feuerwehrhalle (Foto: SWR)
Gottfried Benetz und Andreas Reiner waren bei dem Unglück als Rettungskräfte der Feuerwehr im Einsatz

“Da reagiert man wie eine Maschine, der Körper funktioniert, und dann lief der Einsatz im Gebäude: dort wurden die Menschen geborgen."

Angst um die eigene Tochter

Martin Vogelbacher war damals ebenfalls als Rettungskraft im Einsatz. Er hatte die Aufgabe, an der Hinterseite des Gebäudes Opfer aus dem Haus zu bergen. Besonders belastend war dies für ihn, da seine Tochter zu dieser Zeit ihr freiwilliges soziales Jahr in der Einrichtung machte. Lange Zeit wusste er nicht, ob sie zum Zeitpunkt der Katastrophe im Gebäude war.

"Ich habe die Opfer übernommen und in der Halle aufgebahrt. Ich hatte die Angst, dass das Nächste, was ich sehe, meine Tochter ist."
 

14 Menschen gestorben

Die erlösende Nachricht kam für Vogelbacher noch während des Einsatzes: Seine Tochter war an diesem Tag auf einer Fortbildung in Freiburg. Für 13 Menschen, die in der Einrichtung gearbeitet haben, und eine Betreuerin, kam jedoch jede Hilfe zu spät. Sie starben an einer Rauchvergiftung. Acht Menschen wurden schwer verletzt, 97 Menschen konnten sich aus dem Gebäude retten.

Hilfe bei der Trauerarbeit

Die Erinnerung und der Schmerz sitzen nach wie vor tief bei den Beteiligten und Betroffenen. Oftmals kommt der Schmerz auch erst lange nach dem Einsatz. Sowohl Rettungskräfte als auch Betroffene haben Unterstützung durch Seelsorge und Therapieangebote, sowie gemeinsam entwickelte Trauerrituale erhalten können. Das gemeinsame Besprechen und Erinnern hilft, auch wenn die Erinnerung oftmals weh tut.

Bürostuhl ragt aus qualmenden Fenster (Foto: SWR)
Das Feuer breitete sich schnell in der Werkstätte der Caritas in Titisee-Neustadt aus

"Sich mit den Einsatzkräften auszutauschen, die erlebten Bilder zu besprechen und sich gegenseitig die Sachen von der Seele zu reden - so bleiben Sachen auch nicht zurück und so kann man gesund weiter in den nächsten Einsatz gehen."

Neugestaltung statt Abriss

Die Caritas hatte sich damals entschieden, das Gebäude nicht abzureißen, sondern zu sanieren. Eine gute Entscheidung, wie Nora Kelm, Pressesprecherin der Caritas, findet. Denn die Menschen bräuchten einen Ort, an dem sie sich aktiv austauschen, trauern und gedenken können. Der Raum, in dem sich das Unglück ereignet hat, ist unter Beteiligung von Menschen mit Behinderung neugestaltet worden. Es ist ein Raum der Begegnung geworden, in dem auch Rückzug und Austausch möglich ist. Zudem erinnert ein Gedenkstein vor dem Haus an die Opfer und den Schmerz, der zurückbleibt. Am Samstag, dem 26. November 2022, findet zudem eine Gedenkfeier statt, bei dem an das Unglück erinnert wird.

November - Zeit des Gedenkens

Jedes Jahr im November steigt die Anspannung und das Bedürfnis nach gemeinsamer Trauer in der inklusiven Werkstätte St. Georg der Caritas. Das Personal ist darauf vorbereitet: Durch Gesprächs- und Therapieangebote werden die derzeit etwa 120 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung aufgefangen, wie Nora Kelm berichtet. Die Beschäftigten arbeiten dort vor allem in der Metallverarbeitung, Montage, Elektromontage, Konfektionierung und Verpackung. Darüber hinaus werden sie weitergebildet, begleitet, gefördert und rehabilitiert.

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