Kirchturm

1.002 Fälle in katholischer Kirche dokumentiert

Nach Missbrauchsstudie: Mehr Kirchenaustritte in der Schweiz

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Nadia El-Gonemy

Im September veröffentlichte die Universität Zürich eine Studie zu den Missbrauchsfällen der katholischen Kirche in der Schweiz. Seitdem gibt es deutlich mehr Kirchenaustritte.

Allein in den vergangenen zwei Wochen gab es in der Stadt Basel 140 Austritte aus der katholischen Kirche. Laut Berichten des Schweizer Rundfunks sind das deutlich mehr als die üblichen rund 50 Austritte im Monat. Die Zahl stieg, kurz nachdem die Universität Zürich die Ergebnisse der Missbrauchsstudie Mitte September veröffentlicht hatte.

Bericht über die Schweizer Kirchenaustritte in Dreiland Aktuell:

Studie: Missbrauch trifft vor allem Minderjährige

In der Studie wurden 1.002 Fälle von Missbrauch seit 1950 aufgedeckt und rund 500 Täter beschuldigt. Auch Kinder waren demnach unter den Opfern. Drei Viertel der Betroffenen in den von der Studie berücksichtigten Fällen waren minderjährig. Besonders viele Opfer gab es der Studie zufolge in den Bereichen der Seelsorge, im Religionsunterricht und im Ministrantendienst.  

Forschende untersuchten geheime Akten

Erstmals konnten unabhängige Forscher und Forscherinnen des Historischen Seminars der Universität Zürich die Archive der Schweizer Kirche untersuchen. Die Universität spricht von "zehntausenden Seiten bisher geheim gehaltener Akten", zu denen noch Gespräche mit Betroffenen gekommen seien. Allerdings hätten noch nicht alle Archive miteinbezogen werden können. Die Auftraggeber der Studie waren die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz, die katholischen Ordensgemeinschaften der Schweiz und die Schweizer Bischofskonferenz.

Forscherinnen: "Die Spitze des Eisbergs"

Die Forscherinnen Monika Dommann und Marietta Meier wiesen in der Mitteilung der Universität darauf hin, dass von einer Dunkelziffer auszugehen sei.

Bei den identifizierten Fällen handelt es sich zweifellos nur um die Spitze des Eisbergs.

Vernichtete Akten konnten demnach in zwei Diözesen nachgewiesen werden, dazu kommen ausgebliebene Meldungen und Anzeigen von Fällen. Die Forscherinnen stellten fest: "In den ausgewerteten Fällen wurde das kirchliche Strafrecht über weite Strecken des Untersuchungszeitraums kaum angewandt. Stattdessen wurden zahlreiche Fälle verschwiegen, vertuscht oder bagatellisiert".

Bisherige Reaktionen der Schweizer katholischen Kirche

Die Bischofskonferenz und die weiteren Auftraggeber reagierten mit fünf geplanten Maßnahmen, die sie auf der Website zur Studie veröffentlichten. Darunter sind psychologische Tests für künftige Mitarbeitende in der Seelsorge und unabhängige Meldestellen, bei denen Betroffene Missbrauch künftig melden können. Auch folgte die schriftliche Verpflichtung, dass keine Akten, mehr vernichtet werden dürfen, die für die Missbrauchsfälle relevant seien. Bisher war aufgrund einer Kirchenvorschrift eine Aktenvernichtung in regelmäßigen Abständen vorgesehen.

Auch die Präventionsbeauftragte des Bistums Basel hatte sich Anfang Oktober schriftlich auf der Internetseite zur präventiven Wirkung der Aufarbeitung und den Konsequenzen geäußert.

Das Bistum Basel geht den Weg der Nulltoleranz. Alle Mitarbeitenden sind verpflichtet, jeden Fall oder Verdacht von sexuellem Missbrauch zu melden.

Zudem weist sie auf das bereits bestehende Schutzkonzept aus dem Jahr 2020 hin. Mitarbeitende und Freiwillige müssten die eigene Unbedenklichkeit nachweisen und Präventionskurse besuchen. Die Erkenntnisse sollen durch eine weitere, größere Untersuchung ergänzt werden, die im nächsten Jahr beginnt und drei Jahre dauert.

Betroffenenverbände kritisieren Vatikan und Schweizer Geistliche

Auch die Betroffenenverbände äußerten sich in einer Mitteilung zu den Ergebnissen und forderten insbesondere den Zugang zu Archiven. Jahrzehntelang, kritisierten sie, hätten die Behörden der katholischen Kirche in der Schweiz diese Verbrechen vertuscht und die Täter und den Ruf ihrer Institution geschützt - auf Kosten der Opfer, die zum Schweigen gebracht worden seien. Weiterhin gewährten Papst und Kardinäle keinen vollständigen Einblick in die Archive.

Der Papst und die Kardinäle der katholischen Kirche geben heute vor, Licht ins Dunkel bringen zu wollen, doch sie verweigern weiterhin den Zugang zu den Archiven der Nuntiatur und des Vatikans.

Kardinal Kurt Koch und Basler Bischof Felix Gmür reagieren auf Kritik

Anfang des Monats äußerte sich auch Kardinal Kurt Koch zu Vorwürfen gegen ihn im Schweizer "Sonntagsblick". Kurt Koch ist jetzt Ökumenenminister und war zwischen 1996 bis 2010 Bischof in Basel. Der Vorwurf: Er hätte zu seiner Zeit in Basel auf mehrere Missbrauchsvorwürfe gegen einen Priester nicht angemessen reagiert und sie nicht gemeldet. Er gestehe einen Fehler ein, erklärte er, sein "Vorgehen hat nicht die Intention gehabt, irgendetwas vertuschen zu wollen." Dennoch entschuldigte er sich, "dass es ein Fehler gewesen ist, die vorgesehenen Massnahmen nicht ergriffen zu haben. Ich bedaure dies vor allem im Hinblick auf die Opfer (...). Dafür bitte ich um Entschuldigung."

Auch gegen den aktuellen Bischof Felix Gmür gab es in anderen Medien Rücktrittsforderungen, einen Missbrauchvorwurf und den Vorwurf des Täterschutzes. Das Bistum Basel äußerte sich Mitte September dazu in einer Mitteilung. Die Vorwürfe seien "nachweislich falsch." Der Bischof handelte laut dem Statement auf der Website des Bistums "gemäss den kirchenrechtlichen Vorschriften und vertuschte nichts."  Der SRF berichtete bereits im Sommer über Vorwürfe gegen Bischof Felix Gmür.

Neben den Kirchenaustritten ging es in der Sendung "Dreiland Aktuell" vom 7.10.2023 auch um die Schließung des Straßburger Goetheinstituts, neue Entdeckungen zum romanischen Teil des Straßburger Münsters und eine Ausstellung in Straßburg, die ins "Zeitalter Aids" zurückführt - 40 Jahre nach der Entdeckung des HI-Virus:

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