Torfersatz aus Mühlacker (Foto: SWR)

Modellprojekt für Torfersatz stößt europaweit auf Interesse

Mühlacker: Tüftler wollen Torfabbau überflüssig machen

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Peter Lauber
Ein Bild von Peter Lauber (Foto: SWR, Patricia Neligan)

In der Biogasanlage der Stadtwerke Mühlacker soll schon bald hochwertiger Torfersatz produziert werden. Möglich macht das die von einem örtlichen Unternehmer entwickelte Technik.

Torf ist ein Naturprodukt, das im Garten von großem Nutzen ist. Er lockert die Erde, speichert Wasser, befördert das Wurzelwachstum. Deshalb ist Torf fast jeder Blumen- und Gartenerde beigemischt. Und das ist ein Problem, denn das Material stammt häufig von den letzten Mooren Europas, die aber als CO2-Speicher immens wichtig für den Klimaschutz sind.

Ein neugegründetes Unternehmen in Mühlacker will dieses Problem jetzt lösen, mit hochwertigem Torfersatz aus Gülle und Pflanzenmaterial. Hergestellt werden soll es in der Biogasanlage der Stadtwerke Mühlacker. Landwirte aus der Region liefern dort jährlich rund 40.000 Tonnen Mist, minderwertiges Getreide, Gras oder Mais-Silage ab. Daraus entsteht Biogas, mit dem stündlich 6.500 Kilowattstunden Energie erzeugt werden.

"Trotz Torfabbau besteht in Deutschland ein Mangel von jährlich 900.000 Kubikmetern Torf."

Die festen Reststoffe bekommen die Bauern als hochwertigen Dünger zurück. Das Problem bisher: das an Phosphaten, Kalium und mineralischem Stickstoff reiche Material passt häufig nicht zu deren Bedürfnissen, weil sie im falschen Verhältnis zusammengesetzt sind.

Torfersatz aus  Mühlacker (Foto: Upcycling plus GmbH)
Dieser Prototyp in Kupferzell liefert bereits Torfersatz aus Gülle und Pflanzenresten Upcycling plus GmbH

Neues Verfahren filtert Nährstoffe heraus

Genau hier setzt die Erfindung von Ulrich Geltz an, der in Mühlacker ein Unternehmen für Umwelttechnologie führt. Mit dem von ihm entwickelten Verfahren könnten sämtliche Nährstoffe ausgewaschen werden. So entstehe zum einen nährstoffarmes Material, das dieselben Eigenschaften wie Torf hat: fluffig, geruchsneutral, wasserspeichernd. Aus den herausgewaschenen Nährstoffen entstehe Spezialdünger, der individuell nach den Bedürfnissen zusammengesetzt werden könne. Eine Überdüngung könne so verhindert werden.

Bis Jahresende soll Anlage stehen

Gemeinsam mit den Stadtwerken Mühlacker und einem Blumenerde-Hersteller aus Marxzell hat Geltz ein Unternehmen gegründet, das bereits einen Prototypen gebaut hat. Bis zum Jahresende soll nun in Mühlacker eine Großanlage entstehen. Bis zu 30.000 Kubikmeter nährstoffarmen Torfersatz und nährstoffreichen Spezialdünger soll sie jährlich produzieren.   

"Wir recyceln perfekt die Nährstoffe Stickstoff, Phosphor, Kalium und brauchen deswegen deutllich weniger Importe.“

Unternehmen sieht europaweites Potenzial

Rund acht Millionen Euro investiert das neue Unternehmen in das Modellprojekt. Die EU und das Land Baden-Württemberg fördern das Vorhaben, die Universität Hohenheim begleitet es wissenschaftlich. Schon jetzt stoße die Idee europaweit auf großes Interesse, freut sich Ulrich Geltz. Deutschlands größter Blumenerde-Produzent wolle gar seine eigenen Forschungen zum Thema Torfersatz zugunsten der neuen Technik einstellen.

Torfersatz aus Mühlacker (Foto: SWR)
Unternehmer Ulrich Geltz (li.) und Betriebsleiter Thomas Gutjahr vor der Biogasanlage in Mühlacker

"Wir haben europaweit genug Material in den Biogasanlagen, dass wir komplett auf Torfabbau verzichten könnten.“

Das neue Verfahren könnte die Produktion von Pflanzen- und Blumenerde geradezu revolutionieren, sind die Tüftler aus Mühlacker überzeugt. Denn dort könnte künftig komplett auf Torf verzichtet werden, das sonst in Mooren abgebaut wird. Somit könne die Technik zur Rettung der als CO2-Speicher so wichtigen Moore beitragen.

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