Ohne Paragraf 175: Das Strafgesetzbuch

Gesetz stigmatisierte über 120 Jahre lang homosexuelle Männer

Vor 30 Jahren wurde der "Schwulen-Paragraf" 175 abgeschafft

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Dirk Polzin
SWR-Redakteur Dirk Polzin Autor Bild

Liebe und Sexualität zwischen Männern - lange war sie durch den Paragrafen 175 in Deutschland verboten. Es drohten gar Haftstrafen. Vor 30 Jahren wurde der Paragraf abgeschafft.

123 Jahre lang standen homosexuelle Handlungen unter Strafe. Zwar gab es 1969 bereits eine Lockerung. In der Bundesrepublik wurden die Liebe und Sexualität zwischen Männern über 21 Jahren straflos gestellt. Die endgültige Streichung des Paragrafen aus dem Strafgesetzbuch beschloss der Bundestag aber erst 1994. Am 11. Juni 1994 war Schluss mit dem "Schwulen-Paragrafen".

Was das für Betroffene bedeutete, wie sie davor unter dem Paragrafen gelitten haben und was sich seit der Abschaffung für homosexuelle Männer geändert hat, davon erzählt der in Weingarten (Kreis Ravensburg) lebende Brauchtumsexperte Jürgen Hohl.

Festnahme nach Treff mit anderem Mann

Der heute 80-Jährige blickt mit Schaudern auf die Jahre zurück, in denen er in Weingarten wegen seiner Homosexualität diskriminiert und 1962 sogar festgenommen wurde. Hohl war 18 Jahre alt und an einem bekannten Treffpunkt von Homosexuellen einem anderen Mann nähergekommen. Dabei wurde er beobachtet. Kurz darauf sei die Polizei aufgetaucht, so Hohl.

Gerichtsverhandlung mit fragwürdiger Wortwahl

Besonders schlimm sei für ihn die Fahrt zum Revier gewesen. Einer der beiden Beamten habe ihm immer wieder vorgehalten, er reiße mit seiner Neigung die gesamte Familie Hohl in den Abgrund. Unangenehm sei auch die spätere Gerichtsverhandlung gewesen. Der Richter habe ständig vom "deutschen Samen" gesprochen und der Pflicht, eine Frau zu begatten, anstatt mit Männern zu verkehren. "Der Richter muss aus dem Dritten Reich gewesen sein", mutmaßt Jürgen Hohl.

Jürgen Hohl und der Paragraf 175
Jürgen Hohl erzählt über seine Erfahrungen mit dem einstigen Paragrafen 175

Gerichtsurteil entwickelt sich zum Glücksfall

Ins Gefängnis musste der damals 18-Jährige nicht. Das Gericht verurteilte ihn zu einer psychologischen Behandlung. Und das sei am Ende sein Glück gewesen, erzählt Hohl. Die Psychologin habe ihn über die unterschiedlichsten Facetten der Homosexualität aufgeklärt, über die er bislang teils nichts wusste. Das habe ihm den Umgang mit seiner sexuellen Ausrichtung wesentlich erleichtert.

Ehe mit einer Frau trotz Homosexualität

Öffentlich leben konnte Hohl seine Homosexualität hingegen nicht. Um im katholisch konservativen Weingarten den Schein eines gut bürgerlichen Daseins zu wahren, heiratete er 1969 seine Friseurin, die von Hohls Liebe zu Männern wusste. Die Ehe hielt zehn Jahre. Und nach und nach sprach sich herum, dass er vom "anderen Ufer" sei, so der 80-Jährige.

Schmerzhafte Erfahrungen in Weingarten

Der gelernte Hutmacher und Dekorateur war wegen seiner Homosexualität aus mehreren Weingartener Vereinen rausgeflogen, auch aus der Plätzlerzunft. Und das, obwohl er für sie sowie andere Zünfte bekannte Narrenfiguren entworfen hatte und als Brauchtumsexperte Anerkennung genoss. Größte Demütigung sei gewesen, wenn Leute die Straßenseite wechselten, wenn sie ihn sahen, erinnert sich Hohl mit feuchten Augen. Man habe ihn überall rausgeekelt. Hohl verließ Weingarten deshalb und zog 1983 nach Eggmannsried bei Bad Wurzach.

Abschaffung des Paragrafen 175 war tiefe Befriedigung

Gut zehn Jahre später erfuhr Hohl dann von der endgültigen Abschaffung des Paragrafen 175. Freunde aus München hatten ihn 1994 darüber informiert. Die Abschaffung war laut Hohl eine tiefe Befriedigung, als Homosexueller nun nicht mehr als Verbrecher zu gelten. "Man war Verbrecher, ein 175er war einer, wo Kinder verführt. Dazu muss man sagen, da war die katholische Kirche schuldig. Die hat Päderasten und erwachsene Homosexuelle in einen Topf geworfen", kritisiert der gläubige Katholik.

Aussöhnung im neuen Jahrtausend

Heute wohnt Jürgen Hohl wieder in Weingarten, betreibt dort unter anderem ein Museum für Klosterkultur und ist längst wieder Mitglied in der Plätzlerzunft als auch in der Trachtengilde. Und er ist Träger der Ehrenmedaille der Stadt. Der einstige Oberbürgermeister Gerd Gerber habe ihn Anfang des neuen Jahrtausends zurückgeholt, sagt Hohl. Gerber habe damals gesagt: "Sie haben so viel für das Brauchtum der Stadt getan, warum wohnen Sie nicht hier?".

Vieles wurde besser seit dem Wegfall des "Schwulen-Paragrafen"

Aus heutiger Sicht sieht Jürgen Hohl den Umgang mit Homosexuellen auf einem guten Weg. Die Jugend wachse mit dem Bewusstsein auf "es gibt solche und solche". Und in Weingarten sei seine Homosexualität gar kein Thema mehr, freut sich der 80-Jährige. Er lebt dort zusammen mit seinem 36 Jahre jüngeren Partner.