Symbolbild (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Felix Kästle)

Viele Förderungen für Eltern und Kinder

Familien und Singles: Wie (un)gerecht ist die Familienpolitik?

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In Deutschland leben Millionen Menschen allein. Sie zahlen üppige Steuern. Viele Förderungen zielen auf verheiratete Paare und auf die mit Kindern ab. Ist das noch zeitgemäß? 

In Deutschland gibt es Millionen Menschen, die ohne Partner leben. Alleinstehende wie Singles oder auch unverheiratete Paare ohne Kinder zahlen bei uns die höchsten Steuern und Abgaben. Ihr Einkommen wird einer Studie zufolge durchschnittlich mit 47,8 Prozent belastet. Das belegt eine Auswertung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) unter 38 Staaten. Danach liegt Deutschland auf Platz zwei, hinter Belgien und vor Frankreich. Ein verheiratetes Paar mit Kindern hat in Deutschland rund 40,8 Prozent Steuern und Abgaben zu zahlen - und damit sieben Prozentpunkte weniger als Alleinstehende.

"Familien fördern - Singles bestrafen" war ein Themenschwerpunkt in der aktuellen Ausgabe von "Zur Sache Baden-Württemberg" im SWR Fernsehen:

Versicherung oder Hotelzimmer: Singles müssen oft mehr zahlen

Alleine zu leben macht finanziell einen Unterschied. Singles müssen oft mehr zahlen. Für Paare sind Versicherungen günstiger, Hotelzimmer auch. Zudem haben sie Vorteile bei der Steuerklasse.

Es sei absolut in Ordnung, wenn man sich darüber Gedanken mache, wie man Familien unterstützen könne, sagte Single Andrea Kempf aus Hockenheim (Rhein-Neckar-Kreis) in der SWR-Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg" am Donnerstagabend. Aber niemand habe jemals gefragt, wie man denn Alleinlebende oder Singles unterstützen könne: "Die zahlen doch auch ihre Steuern", ärgerte sie sich. "Und da geht keiner auf die Straße mit dem Schild, sondern das wird einfach hingenommen, dass man da schlechtergestellt ist."

Die Berliner Autorin Gunda Windmüller hat ein Buch über das Thema geschrieben. Für sie ist die hohe Belastung für Menschen, die alleine leben, ungerecht. Sie ist selbst Single und der Meinung, in Deutschland würden viele andere Lebens- und Verantwortungsmodelle nicht genug wahrgenommen und hätten politisch keine Lobby. Windmüller forderte ebenfalls in der Sendung, auch andere Lebensmodelle zu fördern, die Verantwortung übernähmen.

Als Beispiele nannte sie zwei Frauen, die zusammen ein Kind hätten oder auch nicht verheiratete Menschen, die Verantwortung für Kinder oder für ältere Menschen übernähmen. Windmüller verlangte Entlastungen generell für Menschen, die sich um Kinder kümmerten. Kinder aufzuziehen sei das Wichtigste.

Alexander Himpel und Jasmin Triebkorn aus Metzingen (Kreis Reutlingen) leben dagegen zusammen mit ihren beiden Kindern. Es gebe natürlich Momente, in denen man denke, es wäre eigentlich einfacher, wenn man für sich weitergelebt hätte, sagte Himpel in "Zur Sache Baden-Württemberg". Aber das Positive überwiege.

Geschätzte Kosten für ein Kind im Schnitt: 763 Euro im Monat

Kinder aufzuziehen ist in Deutschland teuer. Ob Kitagebühren oder Sportschuhe, Schulranzen oder Frühstücksbrote - die Ausgaben von Eltern für ihre Kinder sind vielfältig. Im Jahr 2018 gaben Paare mit einem Kind nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes im Schnitt 763 Euro im Monat für ihren Nachwuchs aus. Allerdings wies ein Behördensprecher dem SWR gegenüber darauf hin, dass die Kosten vor allem davon abhingen, wie alt das Kind sei. Je älter, desto höhere Kosten, so der Sprecher. Die Zahl 763 Euro bezieht sich demnach allein auf die reinen Ausgaben. Die Einnahmen wie staatliche Leistung etwa seien hier nicht berücksichtigt, hieß es. 

Der Staat unterstützt mit zahlreichen Förderungen wie dem Kindergeld, Kinderfreibeträgen und Elterngeld. Besonders günstig für Familien: die gesetzliche Krankenversicherung. Kinder und nicht erwerbstätige Ehepartner können beitragsfrei mitversichert werden.

Für unverheiratete Paare gibt es keine gemeinsame Familienversicherung. Stirbt ein Partner, erbt der andere nicht automatisch. Auch Ansprüche auf die Rente des Partners gibt es nicht.

CDU legt Fokus weiter auf Familien

Für die CDU bleibt der Fokus weiter auf dem klassischen Familienbild. Das machte die stellvertretende Generalsekretärin der CDU im Bund, Christina Stumpp, deutlich. Der Anspruch ihrer Partei sei es eine "Familienpartei" zu sein, sagte Stumpp ebenfalls in "Zur Sache Baden-Württemberg". Allerdings habe sich die Gesellschaft weiterentwickelt und das müsse auch politisch abgebildet werden. Ihren Angaben zufolge soll das auch Inhalt sein im neuen Grundsatzprogramm der CDU, das im Mai 2024 fertig sein soll. Wie das Familienbild aussehe, ob mit zwei Männern oder zwei Frauen, da sei sie persönlich relativ offen, sagte die 35-Jährige.

"Es wird auch in die Richtung: Was können wir für Singles tun, wie gehen wir mit Singles um?" Man mache Politik für alle, betonte Stumpp. Kinder aber seien die Zukunft und dafür setze sich ihre Partei ein. Die Bundestagsabgeordnete aus Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) verwies auf das sogenannte Kinderzukunftspaket ihrer Partei, das steuerliche Vorteile bei Betreuungskosten vorsehe.

In Baden-Württemberg dominiert Familie mit Vater, Mutter, Kind

In Baden-Württemberg gibt es bei Familien am häufigsten das klassische Modell mit Vater, Mutter, Kind. Das belegen Erstergebnisse des Mikrozensus 2022 vom Statistischen Landesamt, die dem SWR vorliegen. Demnach leben im Land rund 1,2 Millionen verheiratete Paare mit Kind, davon circa 6.000 gleichgeschlechtliche Paare mit Kind. Unverheiratete Paare mit Kind wurden im vergangenen Jahr insgesamt 116.000 registriert, davon waren rund 1.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften.

Die Zahl der Alleinerziehenden wird mit insgesamt 348.000 angegeben, davon machen mit 284.000 Frauen den größten Teil aus.

Konkrete Zahlen zum Anteil von Singles in der Bevölkerung liegen der Behörde nicht vor. In Ein-Personen-Haushalten leben in Baden-Württemberg rund 2,1 Millionen Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass die Personen keinen Partner haben.

"Kleinfamilie nach wie vor das häufigste Lebensmodell"

Laut der Soziologin Mona Motakef von der Technischen Universität in Dortmund wachsen nach wie vor am meisten Kinder in Deutschland in einer Kleinfamilie auf. Der Vater sei der Haupternährer, die Mutter arbeite in Teilzeit, so Motakef im SWR. Ihrer Meinung nach "wird immer so getan", als hätte es die Kleinfamilie schon immer gegeben und als würde sie es immer geben. "Dabei hatte sie ihre Hochzeit in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Damals wurden alle anderen Lebensformen, die abgewichen sind, stigmatisiert und diesen Geist in der Gesellschaft merkt man auch heute noch ein bisschen." Was man aber beobachten könne, so Motakef, sei, dass es in der Gesellschaft eine größere Sichtbarkeit gebe von Lebens- und Familienmodellen jenseits der Kleinfamilie.  

Sollte der Begriff der Familie neu definiert werden?

Die Autorin Gunda Windmüller schlug vor, den Begriff der Familie angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen neu zu definieren und ihn weiter zu fassen. Für sie ist die Familie nicht eine heterosexuelle Kernfamilie, sondern es könnten auch Konstellationen sein, die aus mehreren Menschen bestehen. Sie lebe in einer Wohngemeinschaft und habe auch da den Eindruck, das habe etwas Familiäres. Man stehe füreinander ein, nehme Verantwortung wahr. Das könne man auch für nicht leibliche Kinder tun, erzählte die Autorin. Deshalb sollte die Politik ihrer Meinung nach alle Menschen, die für Kinder Verantwortung übernehmen, gleich fördern.

Wie könnten andere Lebensentwürfe außerhalb der Ehe eingestuft werden?

In der Ampelkoalition im Bund gibt es Diskussionen über ein moderneres Familienrecht. Geplant ist die Einführung einer Verantwortungsgemeinschaft als alternatives Modell des Zusammenlebens. Laut Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) geht es allerdings nicht um eine Alternative zur Ehe. An ihrem besonderen Schutz werde sich nichts ändern, sagte Buschmann im März dieses Jahres. Der Minister will zügig Vorschläge für eine Reform vorlegen. Ziel ist es, dass sich etwa ältere Menschen oder Alleinerziehende, die sich gegenseitig unterstützen wollen, rechtlich absichern können. Auch Regenbogenfamilien sollten diese Form nutzen können, so Buschmann.

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