SWR2 Wissen: Geschichte der Liebe (3/3)

Johanna Juni über ihre Recherche zur "Geschichte der Liebe"

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Die 1968er stellen Kleinfamilie und Ehe gehörig infrage. Heute gibt es die Ehe für alle, Polyamorie und Co-Parenting. Wieso hat sich die romantische Liebe so drastisch verändert?

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Generation Beziehungsunfähig – so wird meine Generation der Millenials immer wieder tituliert. Es wird gefragt, warum es so vielen von uns nicht gelingt, eine langfristige Bindung einzugehen und behauptet, dass wir nicht imstande seien, „richtig“ zu lieben. Ich habe das immer schon als verkürzt empfunden und mich stattdessen gefragt: Warum hielten Beziehungen früher ein Leben lang und verglühen heute oft nach dem ersten Windstoß? Und was bedeutet eigentlich Liebe? Immer wieder suchte ich nach Antworten: in meinem Studium der Geschichte und Soziologie, in meinen Artikeln – oder auch in meinem Podcast „In jeder Beziehung“. Und jetzt in der Reihe „Geschichte der Liebe“ bei SWR2 Wissen.

Recherche in Sachen Liebe in Antike & Co.

Für SWR2 Wissen gehe ich der Liebe in drei Akten auf den Grund: in der Antike, im Mittelalter inklusive der Romantik und in der heutigen Zeit. Selbst diese Reduzierung auf Schlaglichter entpuppte sich als kein leichtes Unterfangen. Doch je mehr Wissenschaftler*innen ich interviewte, desto besser konnte ich einen feinen Faden durch die Geschichte der Liebe spinnen.

Bei der Recherche stöberte ich durch historische wie philosophische Literatur und stieß auf ein Phänomen, das mich stutzig machte: Wie die männlichen alten Griechen Familie begriffen, ließ mich an einen Trend meiner Generation denken, das sogenannte Co-Parenting: Man tut sich freundschaftlich zusammen, um eine Familie zu gründen – leidenschaftliche Gefühle allerdings werden völlig legitim jenseits davon ausgelebt.

Ovid, Minnesang und die 1968er

Spannende O-Töne von Liebenden der 1968er Jahre und der Jetztzeit einzufangen gelang sehr schnell – mit Zeitzeug*innen aus Mittelalter und Antike sah es naturgemäß schlecht aus. Deshalb entschied ich mich für den Weg über Kunst und Kultur: Ein Musiktheaterstück über den römischen Dichter Ovid, eine Expertin für den mittelalterlichen Minnesang, ein Museum mit antiken Gegenständen: An vielen Orten traf ich Künstler*innen und Besucher*innen, um mit ihnen über Liebe zu sprechen.

Ganz egal, um welche Zeit es sich dabei handelte, zeigte sich etwas Wesentliches: Menschen erschaffen immer wieder Strukturen, um starke Gefühle in die soziale Ordnung zu integrieren. Bis heute versuchen Gesellschaften, den Wunsch nach Sicherheit und Zuhause mit dem Wunsch nach Freiheit und Leidenschaft zu vereinbaren.

Das Ideal der romantischen Liebe ist bekanntermaßen eine Erfindung der Moderne, die Liebesheirat gibt es erst seit 200 Jahren. Das Gefühl des Verliebtseins dagegen existiert schon viel länger. Dabei kommt es jedoch darauf an, wie Menschen im Lauf der Geschichte mit diesem komplexen Gefühl umgegangen sind.

Meine Interviewpartnerin, die Philosophin Nora Kreft, fasst es so zusammen: „Ein wichtiges Element von Liebe ist der drängende Wunsch, dem anderen nah zu sein. Deshalb hat Sokrates auch recht, dass Liebe etwas mit unserem Verlangen zu tun hat, die Welt zu verstehen. In beiden Fällen möchten wir verschmelzen. Aber nicht, indem wir die eigene Subjektivität aufgeben, sondern indem wir das, was an Subjektivität schmerzt – die Grenzen zwischen uns und anderen – niederreißen.“

SWR 2021

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