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Wer in der Wissenschaft Erfolg haben will, muss viel veröffentlichen. Die Folge: Halbgare Ergebnisse, nicht wiederholbare Versuche, Pseudo-Journale. Der Publikationsdruck ist groß.

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Impact Factor (IF): Leitwährung des Wissenschaftsbetriebs

Fast 80 Prozent der Forschenden an deutschen Hochschulen haben befristete Verträge. Für Verlängerungen sind sie auf den guten Willen ihrer Vorgesetzten angewiesen. „Publish or perish“ – Veröffentlichen oder Verschwinden – das gilt vor allem für diese Personengruppe. Wer darüber öffentlich spricht, muss mit Nachteilen rechnen.

Bevor es zu einer Veröffentlichung bei einem Fachmagazin kommt, wird der Beitrag von Kolleginnen und Kollegen begutachtet. Dieses sogenannte „Peer review“-Verfahren soll die Qualität sichern. Dabei gilt: Je bekannter das Journal ist, desto besser für die Reputation und damit für die Karriere. Im Publikations-Wettlauf zählt vor allem, wie häufig das wissenschaftliche Journal zitiert wird. Daraus ergibt sich der sogenannte Impact-Faktor. Er ist eine wichtige Leitwährung des Wissenschaftsbetriebes.

"Datenmassage" und Produktion von Forschungsmüll

2014 veröffentlichte das Magazin „The Lancet“ – eines der weltweit renommiertesten Medizinjournale – eine Artikel-Serie. Titel: „Increasing value, reducing waste“, zu Deutsch: „Wert erhöhen, Müll vermeiden“. Mehr als zwei Drittel aller Studien im Bereich der biomedizinischen Forschung, so das Fazit, seien einfach Müll. Nicht reproduzierbar, nicht relevant.

2011 veröffentlichten Forscher von der Universität Pennsylvania einen Artikel zur „Falsch positiven Psychologie“. Darin zeigten sie, wie einfach es ist, mit ein paar Tricks und Kniffen ein signifikant positives – also nicht zufälliges – Ergebnis herbeizurechnen. „Datenmassage“ wird das selbstironisch genannt.

Forscher in einem Labor: Die renommierte medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ fand heraus, dass mehr als zwei Drittel aller Studien im Bereich der biomedizinischen Forschung Müll sind: nicht reproduzierbar, nicht relevant (Foto: Imago, imago images/Addictive Stock/Carlos Pintau)
Die renommierte medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ fand heraus, dass mehr als zwei Drittel aller Studien im Bereich der biomedizinischen Forschung Müll sind: nicht reproduzierbar, nicht relevant Imago imago images/Addictive Stock/Carlos Pintau

"Open Data": offene Daten ermöglichen Nachprüfung von Ergebnissen

Felix Schönbrodt, Professor für Psychologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München, hat mit Kollegen ein „Commitment to research transparency“ entwickelt. Eine „Selbstverpflichtung zur Forschungstransparenz“. Dazu gehört auch das sogenannte „Open Data“, bei allen veröffentlichten Forschungsprojekten werden die Rohdaten ebenfalls zur Verfügung gestellt. Vor allem die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen Druck, beobachtet Schönbrodt – für mehr Transparenz und Qualität.

Anhand der offengelegten Daten lassen sich Untersuchungen gleich nach Veröffentlichung überprüfen. Die sogenannte „Präregistrierung“ von Studien ist eine weitere Forderung, um die Studienqualität zu verbessern. Dabei wird das methodische Vorgehen inklusive Forschungshypothese und -design sowie die Art der statistischen Auswertung vor Studienbeginn festgeschrieben. So lassen sich Untersuchungen einfacher wiederholen und weiterentwickeln. Das war in der Vergangenheit oft ein Problem.

Preprints ermöglichen wissenschaftlichen Austausch schon vor der Peer Review

Auch die Dynamik der Corona-Pandemie hat die Schwächen des traditionellen Publikationssystems deutlich gemacht. Vor allem durch den „Peer Review“, die vorherige wissenschaftliche Beurteilung, dauert es zu lange, bis die Ergebnisse veröffentlicht werden. Deshalb bestimmen auch derzeit sogenannte „Preprints“ die wissenschaftliche Debatte. Studien, die ohne eine vorherige Begutachtung, online auf Wissenschaftsplattformen veröffentlicht und von den Forschern diskutiert werden können.

Wer zahlt, wird veröffentlicht: System ist anfällig für Missbrauch

Der Publikationsdruck treibt nicht nur viele Wissenschaftler an. Auch zwielichtige Verlage versuchen, daraus Kapital zu schlagen – mit pseudowissenschaftlichen Angeboten. Dabei sind Fake-Konferenzen nur ein kleiner Teil des Geschäfts. „Predator Journals“ – Raubjournale – werden die Fachmagazine genannt, die fast jede Arbeit veröffentlichen, solange der Autor oder die Autorin eine entsprechende Gebühr dafür überweist. Wer zahlt, dessen Arbeit wird veröffentlicht – unabhängig von der Qualität.

Fake-Autor wird häufiger zitiert als Albert Einstein

Wie beliebig die Publikationspraxis ist, demonstrierten Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sie entwickelten ein Computer-Programm, das nach Eingabe von einigen Fachwörtern selbständig Wissenschaftsartikel zusammenfabulierte und veröffentlichte. Dazu erfanden sie einen Autor und eine Software, die den Autor immer wieder wechselseitig zwischen den Artikeln zitiert. Der Fake-Autor stand am Ende des Experimentes auf der Zitationsliste noch vor Albert Einstein.

Qualitätsoffensive an Berliner Gesundheitsforschungseinrichtung

In Berlin arbeitet Neurologie-Professor Ulrich Dirnagl seit drei Jahren an einer Qualitätsoffensive für die Biowissenschaft. Er ist Gründungsdirektor des sogenannten „QUEST-Centers“. QUEST steht für „Quality, Ethics, Open Science, Translation“. Das Zentrum arbeitet am Berlin Institute of Health, einer Gesundheitsforschungseinrichtung der Charité und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin.

Begabte Wissenschaftler*innen vor Frust schützen und in der Forschung halten

7.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten an der Charité und dem Max-Delbrück-Centrum. Ihnen soll das QUEST-Center Anreize bieten, sich verstärkt um die Qualität ihrer Forschung zu kümmern. Auch, um zu verhindern, dass frustrierte Nachwuchswissenschaftler aufgeben. Für Dirnagl sind sie das schwächste Glied im System, denn viele tolle junge Forscherinnen und Forscher geben nach wenigen Jahren das Veröffentlichen auf.

„QUEST“ versucht, dem Frust über die derzeitige Wissenschaftskultur gegenzusteuern und lobt regelmäßig Preise zur Unterstützung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus. Für Veröffentlichungen, die im althergebrachten Publikationssystem durchs Raster fallen. Replikationsstudien etwa, mit denen Ergebnisse überprüft werden. Oder Artikel über sogenannte Negativ-Resultate, die wissenschaftlich wichtig sind, aber kaum publiziert werden.

Bonus für Datentransparenz

Auch wer seine Untersuchungsdaten komplett veröffentlicht, wird belohnt. Alle Autoren, die ihre Roh-Daten mit den Ergebnissen zur Verfügung stellen, bekommen seit 2019 an der Charité automatisch einen Bonus für Datentransparenz. Fortbildungen, Preise, Boni für mehr Qualität in der Wissenschaft – das ist ein Experiment für alle Beteiligten, sagt Dirnagl.

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