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Wenn Nutztiere kognitiv und emotional angeregt werden, steigt ihre Gesundheit, sie benötigen weniger Medikamente und sind zufriedener. Wie viel Tierwohl verlangen die neuen Forschungsergebnisse – und wie viel davon lässt sich umsetzen?

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Der Stall der Zukunft soll intelligent werden

Thomas Amon leitet die Abteilung „Technik in der Tierhaltung“ am Potsdamer Leibniz-Institut. Sein Ziel ist, den Stall der Zukunft zu entwickeln, der dem Tierwohl und zugleich der Umwelt dient.

Die Forscher nutzen dabei Methoden der künstlichen Intelligenz, um die immensen Daten überhaupt analysieren zu können, die im Stallmodell auftreten: Windgeschwindigkeit, Strömungsrichtung, Temperatur, Konzentrationen von Methan und Staub und vieles mehr.

App im Stall, Kühe, Laptop, (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Eine App mit einem Bewegungsmuster der Kuh. Mit dem hier getesteten System sollen Milchbauern zum Beispiel lückenlos über Geburten im Kuhstall informiert werden. Bislang waren aufwändige Nachtwachen nötig. Foto: Colourbox.de -

So könnte ein intelligenter Stall im Falle einer Warmfront frühzeitig seine Zu- und Abluftöffnungen günstig einstellen. Oder andere Maßnahmen einleiten, damit die Tiere nicht so sehr unter der erwarteten Hitze leiden. Da gibt es eine ganze Fülle von technischen Möglichkeiten.

Ein intelligenter Stall kümmert sich um Tier und Umweltklima

Ein intelligenter Stall könnte darauf achten, dass die Emissionen verringert werden. Zum Beispiel, indem er dafür sorgt, dass weniger Ammoniak im Stall entsteht. Und er könnte drohenden Hitzestress der Tiere mithilfe von Kühlsystemen vermeiden, die vorausschauend auf Wetter und Klimameldungen reagieren. Sensoren an den Tieren würden dann permanent rückmelden, wie gut die aktuelle Steuerung des Stalls funktioniert.

Thomas Amon betont, der intelligente Stall soll eine Tierhaltung ermöglichen, die den Ansprüchen der Tiere, der Umwelt und den Landwirten gerecht wird. Ziel sei es, die Landwirtschaft im ländlichen Raum zu erhalten und damit auch die Erzeugung heimischer Lebensmittel zu sichern.

Kühe im Stall (Foto: SWR, SWR -)
Rinder können lernen, eine Klo-Ecke zu benutzen. So entsteht weniger Ammoniak im Stall. SWR -

Verhaltenforscher warnen vor zu viel Technik im Stall

Der Verhaltensforscher Lars Schrader kritisiert, dass intelligente Stallprojekte oft mit ihrer Komplexität zu kämpfen haben. Das Tierwohl ließe sich bereits mit wenig Technik verbessern. Zum Beispiel, indem man Rinder trainiert, eine Art Klo zu nutzen: "Unsere Idee ist, bei den Rindern die kognitive Leistungsfähigkeit zu nutzen zum Wohle der Umwelt und zum Wohle des Tieres. Wenn wir die Tiere trainieren könnten, in eine bestimmte Ecke nur zu koten und zu harnen, dann hätten wir schon mal gewonnen, dass die emissionsaktive Oberfläche sehr beschränkt ist. Wir können an dieser einen Stelle ein Klo integrieren."

Das Training von Stalltieren verbessert auch ihr Wohlbefinden

Verhaltensforscher Schrader nennt das Training eine kognitive Umweltanreicherung für die Tiere. Er stellt die Hypothese auf, dass sich das positiv auf das Wohlbefinden der Tiere auswirke. Schraders Institut gehört zum Friedrich-Loeffler-Institut, einer selbstständigen Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Seine Forschungen laden zum Umdenken ein.

Hühner können lernen verschiedene Symbole zu bedienen

Schraders Versuche mit Hühnern haben gezeigt, dass diese lernen können, unterschiedliche Symbole zu unterscheiden. Farbe, Form und Größe von Symbolen sind für Hühner sehr abstrakte Eigenschaften. Doch sie können regelhafte Zusammenhänge zwischen ihnen und der Futtergabe herstellen und flexibel auf Veränderungen reagieren.

Gesunde Hühner in Bodenhaltung im Stall (Foto: SWR, SWR -)
Von wegen dummes Huhn. Hühner können mindestens fünf verschiedene Symbole unterscheiden lernen. SWR -

Schlaue Schweine können sich selbst kontrollieren

Eine Studie am Institut für Verhaltensphysiologie in Rostock hat untersucht, inwieweit sich Mensch und Schwein in puncto Willenskraft unterscheiden.

Leiter Birger Puppe hat das berühmte Marshmallow-Experiment für Schweine umgesetzt. Beim Marshmallow-Experiment stellte der deutsch-amerikanische Forscher Walter Mischel zwei- bis sechsjährige Kinder vor die Wahl: Entweder bekommst Du einen Marshmallow sofort oder zwei Marshmallows später. Schon Vierjährige schafften es, sich zu beherrschen. Bei den Nutztieren waren es keine Marshmallows. Birger Puppe ließ seine Schweine zwischen normalem Futter oder leckeren Rosinen wählen: "Schweine sind in der Lage, ihre Impulse zu kontrollieren. Bei den letzten Versuchen warteten die Tiere fast eine Minute darauf, die höherwertige Belohnung zu bekommen und auf diese kurzfristige Belohnung zu verzichten. Sie haben eine gewisse planerische Voraussicht, was kommen wird. Das ist schon eine erstaunliche kognitive Leistung."

Birger Puppe will durch seine Versuche zeigen, dass Nutztiere auch Emotionen haben und über kognitive Fähigkeiten verfügen. Puppe fordert, wir sollten die Tiere in Zukunft entsprechend ihren Bedürfnissen und ihrem Verhalten halten.

Die psychische Gesundheit von Tieren soll wichtiger werden

Das deutsche Tierschutzgesetz verlangt, das Wohlbefinden der Tiere zu schützen. Der Corona-Skandal 2020 beim Massenschlachtbetrieb Tönnies hat der Öffentlichkeit drastisch vor Augen geführt, unter welch katastrophalen Bedingungen nicht nur Menschen arbeiten müssen, sondern Tiere gehalten und geschlachtet werden – um billiges Fleisch anbieten zu können.

Die weit verbreitete Empörung bietet mehrere Chancen. Umweltverbände und Verbraucherschützer unterstützen die Idee eines „Fleischzuschlags“ bzw einer „Tierwohlabgabe“. 40 Cent pro Kilogramm Fleisch hatte ein Beratergremium dem Bundeslandwirtschaftsministerium schon Anfang des Jahres empfohlen. Sie sollen den Umbau zu einer artgerechten Tierhaltung beschleunigen. Tierschützer hoffen, dass nun endlich ernster genommen wird, was das deutsche Tierschutzgesetz unter „Wohlbefinden“ der Tiere versteht. Birger Puppe möchte, dass die neuen Forschungsergebnisse in diesen Begriff einfließen: "Wohlbefinden soll als ein Zustand der physischen und psychischen Gesundheit von Tieren betrachtet werden."

Dazu sollen Geist und Psyche der Nutztiere im Stall stärker als bisher angeregt werden. Nutztiere müssten so gehalten werden, dass sie ihre Gefühle und ihre intellektuellen Fähigkeiten ausleben können. Das Konzept nennt sich kognitive Umweltanreicherung. Doch ist das überhaupt praktikabel? Gerade in Massenställen, in denen Tausende Tiere gehalten werden? Die Forscher experimentieren im Moment nur mit kleinen, übersichtlichen Ställen.

Schweine merken sich ihre Namen

Ein Projekt der kognitiven Umweltanreicherung in einem überschaubaren Stall in Dummerstorf liefert bereits gute Ergebnisse. Die Forscher haben Schweinen Namen antrainiert. Ein Schwein hört zum Beispiel auf den Namen „Turbino“, das andere auf „Beate“, das dritte auf „Adele“.

Entspannte Stimmung im Dummerstorfer Schweinestall. Mehrere Schweine stehen bewegungslos nebeneinander. Plötzlich kommt eine Lautsprecherdurchsage. Adele wird aufgerufen. Ein Schwein zuckt leicht, bleibt aber stehen und schaut nach rechts. Dort setzt sich ein anderes Schwein in Bewegung. Es ist – Adele! Adele läuft zu einer Box, deren Türen sich öffnen. Dahinter steht ein Futtertrog, an dem sie sich nun alleine versorgen kann. Die anderen Schweine bleiben zurück.

Namensfütterung Schweine (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Bei der sogenannten Aufruffütterung werden die Tiere per Lautsprecher an den Trog gerufen. Foto: Colourbox.de -

Normalerweise gibt es am Futtertrog Zank unter den Schweinen, erzählt Christian Manteuffel, der das Dummerstorfer Namensaufrufsystem betreut. Jedes Schwein will das erste sein, es kommt zu Gedränge und Verletzungen. Wenn die Schweine aber einzeln mit ihrem Namen aufgerufen werden, warten sie artig. Das Fütterungssystem arbeitet so erfolgreich, dass Christian Manteuffel es für landwirtschaftliche Betriebe finanziell interessant machen will.

Ziegen lernen Hütchenspiele

In einem anderen Stall schauen entspannte Ziegen neugierig zu, wie der Verhaltenswissenschaftler Jan Langbein zu den Hütchen greift. Sie müssen einer versteckten Futterbelohnung unter einem von mehreren Bechern folgen. Langbein ist begeistert von der Auffassungsgabe der Ziegen: "Die Tiere müssen sich im Kopf vorstellen, da ist immer noch eine Belohnung, obwohl sie sie gar nicht sehen. Das ist das, was man Objektpermanenz nennt. Und das ist natürlich eine tolle Leistung."

Geistig fitten Nutztieren geht es besser als gelangweilten Artgenossen

Mehrere Studien belegen inzwischen, dass sich solche „Anreicherungen“ des Stalllebens tatsächlich positiv auswirken, sagt Birger Puppe: "Wir konnten feststellen, dass Tiere, die erfolgreich Aufgaben lösen, keine erhöhte Stressbelastung haben, ihre Immunreaktivität ist tatsächlich besser, sie hatten eine verbesserte Wundheilung, sie hatten eine erhöhte Bewegungsaktivität, sie zeigten weniger Verhaltensanomalien und auch in bestimmten Tests verringerte Angst- und Furchtreaktionen."

Der tierrechtsbewegten Philosophin Friederike Schmitz vom Verein „Mensch, Tier, Bildung“ geht das aber nicht weit genug: "Ich denke, dass Schweine nicht nur das Bedürfnis haben, ein bisschen beschäftigt zu sein, sondern die haben auch das Bedürfnis, zu wühlen zum Beispiel, sich zu suhlen, wirklich Gelände zu erkunden, komplexe Sozialverhältnisse, Sozialbeziehungen zu pflegen."

Viele Tierrechtler halten die „kognitive Umweltanregung“ mit ihren Spielen und Übungen für die Stalltiere nur für einen künstlichen Ersatz. Besser sei eine ökologisch ausgerichtete Tierhaltung, wie sie Biobauern anstreben.

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