"Babylon Berlin" und die Wirklichkeit Die "Neue Frau" der 20er

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Bubikopf, Zigarettenspitze, Fransenkleid: Der Typus der "Neuen Frau" wurde zu einer Ikone der 1920er-Jahre und lebt derzeit in Fernsehserien wie "Babylon Berlin" wieder auf.

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Die zwanziger Jahre gelten als goldenes Jahrzehnt. Der "Tanz auf dem Vulkan" weist einige Parallelen unserer Situation heute auf. Die kurze aber heftige Moderne zwischen den Weltkriegen war geprägt von reicher Kunst und Kultur und der Emanzipation von Frauen.

Die ARD-Serie „Babylon Berlin“ entwirft ein großes Gesellschaftspanorama, das auch die Schattenseiten zeigt: die politische Instabilität, Gewalt auf den Straßen, die Verarmung des Proletariats. Eine der Hauptfiguren ist die junge, dynamische Stenografin Charlotte Ritter: ein Prototyp der so genannten Neuen Frau. Im männerdominierten Polizeipräsidium träumt sie selbstbewusst von einer Karriere als Kriminalassistentin in der Mordkommission.

Ein neuer Typus von Frau taucht auf: unverheiratet, berufstätig, frei

Die Frauenbewegung der Jahrhundertwende hat für politische Rechte gekämpft und 1918 das Wahlrecht erstritten. Jetzt geht es den Frauen um gesellschaftliche Teilhabe. Der gesellschaftliche Wandel beginnt zunächst als ökonomische Notwendigkeit. Durch den Ersten Weltkrieg fehlen Männer als Arbeitskräfte und auch als eheliche Versorger. Notgedrungen bleiben viele Frauen erst einmal ledig und beginnen zu arbeiten. Aber eben nicht mehr wie bislang vor allem als Hausmädchen oder in der Landwirtschaft, sondern in den Städten.

Die junge Weimarer Republik bringt einen neuen Berufszweig hervor: die Büro-Angestellte. Das ist das Berufsfeld, in das Frauen in großer Anzahl nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eintreten. Es ist ein neuer Typus von Frau: unverheiratet, berufstätig und orientiert am Fortkommen in diesem Beruf, wobei man immer sagen muss: grundsätzlich schlechter bezahlt als Männer.

Telefonistin in den zwanziger Jahren (Foto: dpa -)
Telefonistin in den zwanziger Jahren dpa -

Erstmals arbeiten tausende Frauen in Bürojobs

Über 70 Prozent der weiblichen Angestellten sind in den beiden unteren Gehaltsklassen eingruppiert. Die Aufstiegschancen sind gering. Trotzdem gilt ein Bürojob als schick. Adrett gekleidet sitzen die jungen Frauen vor Telefon-Schaltbrettern oder hinter schwergängigen Schreibmaschinen. Mascha Engel ist eines dieser Büro-Fräuleins. Später als Dichterin nennt sie sich Mascha Kaléko.

Mit ihren Texten und Gedichten über die urbane Lebenswelt der kleinen Leute wird sie zu einer der wenigen weiblichen Stimmen der Neuen Sachlichkeit. Sie selbst arbeitet als Kontoristin im Berliner „Arbeiter-Fürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschland“. Der Alltag, den sie in Gedichten wie „Chanson vom Montag“ schildert, ist auch ihr eigener.

Montag hat die Welt noch kein Gesicht / Und kein Mensch kann ihr ins Auge sehen. / Montag heißt: Schon wieder früh aufstehen / Training für das Wochen-Schwergewicht. / Und die Bahnen brausen, das Auto kläfft / Die Arbeit marschiert in den Städten. / Alle Straßen hallen wider vom Betrieb und von Geschäft / Und die Riesensummen wachsen in ein unsichtbares Heft / Doch nie in das Heft des Proleten.

In der kurzen Zeitspanne ihrer Karriere ist Kaléko ein Shooting-Star. Im „Romanischen Café“ am Breitscheidplatz, dem Künstlertreff Berlins, steht die lebhafte Frau mit dem wilden, dunklen Lockenkopf schon bald im Mittelpunkt. Sie gilt als der weibliche Kästner, als Erbin Heinrich Heines, den sie selbst auch verehrt.

Für Künstlerinnen sind die 20er Jahre ein idealer Nährboden

Revolutionär ist auch das Werk der 17 Jahre älteren Malerin Jeanne Mammen. Viele ihrer Bilder von Frauen in der Großstadt wirken wie Illustrationen zu Mascha Kalékos Gedichten. Beide Künstlerinnen bewegen sich damals in den Cafés rund um den Kudamm. Aber auch in Tanzlokalen, Lesbenclubs und Varietés findet Mammen ihre Motive. Das war neu und ungewohnt: Bislang beschränkten sich die Motive der Malerinnen auf den häuslichen Bereich: Interieurs, Stillleben, Porträts. Doch Mammen zieht alleine durch die Amüsierbetriebe. Auf ihrem kleinen Skizzenblock hält sie mit energisch-präzisem Strich fest, was sie sieht.

Frau auf Motorrad (Foto: Dpa picture alliance -)
Junge Frau auf ihrem Motorrad 1926 Dpa picture alliance -

Zum ersten Mal allein im Nachtleben unterwegs

Es gibt Partys nur für Frauen, die lesbische Subkultur-Szene blüht. In ihren Bleistift- und Aquarellarbeiten porträtiert Jeanne Mammen Freundinnen im vertrauten Gespräch, wild feiernd oder eng umschlungen tanzend. Sie zeigt alle Spielarten des neuen Frauen-Typus: von der verwegen dreinblickenden Garconne mit Zigarette und Zylinder über die muskulöse Sportlerin in Hosen bis zum eleganten Girl, das den neuesten Topfhut anprobiert.

Unter dickem Make-Up Erschöpfung und Einsamkeit

In ihren Auftragsarbeiten feiert Mammen den Geist und den Schick der befreiten Frau. Doch in privaten Studien blickt sie auch hinter die glamouröse Fassade des beschleunigten Lebensstils. Unter den dicken Schichten von Make-Up entdeckt sie Erschöpfung, Einsamkeit und eine große Desillusionierung. Denn viele Frauen in der Weimarer Republik arbeiten hart und kommen doch kaum über die Runden. Vielen bleibt in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit als letzter Ausweg nur die Prostitution.

Für die Masse an Büroarbeiterinnen und Verkäuferinnen war es sehr schwer, dem Bild der neuen unabhängigen und wohlhabenden Frau zu entsprechen. Und bei Jeanne Mammens Aquarellen und Zeichnungen sieht man eigentlich sehr gut, wie viel Energie diese Frauen es kostet, sich diesem Bild anzupassen.

Die Mode bietet jede Menge emanzipatives Potential

Raus aus dem engen Korsett und den langen, schweren Kleidern – rein in lockere, kurze Röcke oder gar Hosen! Flache Schuhe! Haare abschneiden und zum Bubikopf frisieren! Abnehmen und eine knabenhafte, sportliche Silhouette präsentieren! Alles an der Mode ist auf Tempo, Bewegung und Mobilität ausgerichtet.

Frauen in Autos (Foto: dpa - dpa)
Die neuen unabhängigen Frauen in ihren eigenen Autos werden auf vielen Titelblättern wie hier in den "lustigen Blättern" 1926 hochstilisiert dpa - dpa

Frauen lassen die Muskeln spielen in den 20er Jahren. Sie haben erst das Wahlrecht erkämpft und dann ihren Platz im öffentlichen Raum. Selbst wenn der Großteil der Frauen weiterhin konventionellen Lebens- und Familienmodellen folgt - im urbanen, künstlerischen Milieu eröffnen sich Experimentierfelder für neue Lebensentwürfe.

Im Zuge der Wirtschaftskrise werden Frauen wieder aus dem Arbeitsmarkt gedrängt

Gegen Ende der Weimarer Republik werden die neuen Freiräume der Frauen enger, ihre gerade erworbenen Rechte werden beschnitten. Während der Wirtschaftskrise werden Frauen aus dem Arbeitsmarkt gedrängt. Auch die Politik macht gegen sie mobil mit der so genannten „Doppelverdienerkampagne“. Frauen, die verheiratet sind und deren Mann arbeitet, sollen auf ihren Beruf verzichten. Die Kampagne beginnt Mitte der 20er Jahre und wird von allen Parteien getragen, auch von der KPD.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendet die Freiheit von Frauen

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernehmen, sind Mascha Kaléko, Jeanne Mammen und Ruth Landshoff-Yorck auf dem Höhepunkt ihres Schaffens: produktiv, von der Kritik gelobt und glänzend im Geschäft. Doch eine Zukunft gibt es in Deutschland für keine der drei. Ruth Landshoff-Yorcks zweiter Roman „Die Schatzsucher von Venedig“ erscheint 1933 nicht mehr. Mascha Kaléko findet ab 1934 keine Zeitung mehr, die ihre Gedichte druckt. 1935 wird sie als Jüdin aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Das bedeutet: Berufsverbot. Jeanne Mammen ist zwar keine Jüdin. Ihre Existenzgrundlage verliert die Malerin aber ebenfalls, denn niemand druckt oder kauft mehr ihre Bilder.

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