SWR2 Buch der Woche am 04.04.2016 Zweisprachige Ausgabe Niederländisch / Deutsch | Übersetzt von Christian Filips

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Übersetzt von Christian Filips

Empfindungen, Beobachtungen, Bilder – verknüpft in hüpfender Logik. Die Gedichte der flämischen Autorin Els Moors sind keine Kopfgeburten, sondern sinnlich und überraschend.

Der fein gestaltete Band "Lieder vom Pferd über Bord" umfasst zwei Original-Gedichtbände der Autorin und präsentiert die Texte auf Niederländisch und in deutscher Übersetzung.

llEine Beschreibung alltäglicher Impressionen und Erlebnisse

Els Moors Gedichte haben etwas ungemein Erfrischendes und Lebendiges. Sie geben sich nicht tiefschürfenden Gedanken oder sprachartistischen Experimenten hin, sondern beschreiben alltägliche Impressionen und Erlebnisse, oft ungeschönt und frech vorgetragen wie etwa ein Zyklus mit dem Titel "De witte fuckende konijen", also Gedichte über die "weißen fickenden Kaninchen".

Neben humorvoll gehaltenen Versen und der Darstellung von Alltagsszenen will Els Moors' Poesie die Liebe entromantisieren mit einem schalkhaften Seitenblick aufs Klischee und einem Schuss Selbstironie, wie in dem folgenden Gedicht über einen auf einem Fensterbrett herumstolzierenden Täuberich. 

Spielerische Signale statt thematische Schwerpunkte

Die Autorin Els Moors (Foto: Brueterich Press - Gelya Bogatischcheva)
Die Autorin Els Moors Brueterich Press - Gelya Bogatischcheva

Knapp sechzig Gedichte umfasst Els Moors' Gedichtband "Lieder vom Pferd über Bord". Aufgeteilt ist er in sechs Kapitel mit neugierig machenden Titeln wie "Ich bin der Gärtner mit dem Alibi" oder "Komm, ich leg deine Mutter um", die keine thematischen Schwerpunkte andeuten wollen, sondern spielerisch Signale setzen und aufhorchen lassen. Die dann folgenden Gedichte verzichten auf Überschriften, auf Punkt und Komma oder sinnvermittelnde Zeilenumbrüche und fallen gleichsam von der ersten Zeile an sprichwörtlich mit der Tür ins Haus.

Der Klang des Poetischen in alltäglichen Situationen

Man ist meist mitten drin in einer Situation, als würde jemand munter und voraussetzungslos mit dem Erzählen beginnen. "Als ich heimkam / warf ich meine Tasche / bleichschwer in den Gang" heißt es etwa, oder "die Felsen, die da liegen im Sand / liegen da seit Ewigkeiten" und unterstreichen so schon im Ansatz die Haltung der Schreibenden: Els Moors lässt uns teilhaben an ihrer fast naiv zu nennenden Art, ihre Umgebung wahrzunehmen, sie berichtet von dem, was sie interessiert oder bedrückt: Zwischenmenschliches, Enttäuschungen, Lebenssituationen.

Der Klang des Poetischen gerät ihr dabei scheinbar absichtslos in die Worte durch winzige Verrückungen, indem sie etwa notiert: "Das Wasser ist das treibende vorbei". Mit dem Präfix "vorbei" verdoppelt sie gleichsam das Vergängliche. Zum anderen liegt in ihren Blicken auf die sie umgebende Welt immer auch das absichtslose Hineinsehen in sich selbst, wie etwa in den folgenden Versen:

Das Fenster als typisches Motiv

In solchen Zeilen wie "dass (...) ich früher aufsteh, ohne / mich zu treffen" und: ich hab "so viele Geliebte abzufüllen wie / Tage zu stillen", formuliert Els Moors Gedanken über einen von Zwängen freien Umgang in der Beziehung zu anderen ebenso wie über die Gefahr, sich selbst darin zu verpassen.

Typisch für den ständigen Wechsel von Außen- und Innensicht ist das immer wieder auftauchende Motiv des Fensters. Es ermöglicht dem Blick, ein Geschehen aus sicherer Distanz zu verfolgen, und bringt es zugleich im Rahmen des Fensters zum Stillstand:

Eine eigenwillige Übersetzung

Els Moors Gedichte nehmen teil am Leben, zeigen Segmente der Erfahrung, schreiben uns nichts vor, vermitteln kein Wissen. Stattdessen reißen sie uns aus dem Gleichmaß der Wahrnehmung in die in uns zurückbleibenden Bildausschnitte, die uns dann in rätselhaften Träumen wiederbegegnen.

Insofern können wir Ulf Stolterfohts noch ganz jungem Verlag Brueterich Press dankbar sein, dass er uns die flämische Lyrikerin vorstellt: ihre störrisch-einfühlsamen Gedichte über sich selbst, Freunde, Bekannte oder Menschen auf der Straße, die "über Bord" gehen und kentern.

Dankenswert ist auch, dass die Ausgabe zweisprachig gestaltet ist. Auf diese Weise lässt sich nachvollziehen, dass Jan Filips' Übersetzungen an vielen Stellen äußerst eigenwillig sind und die melodische Sprache von Els Moors unnötig verhärten, als wollten sie die leicht hingesagten Impressionen der Lyrikerin zur Wortkunst erheben. Wenn Moors etwa eindeutig von "sich selbst (...) berühren" schreibt, benutzt Filips den artifiziell klingenden Ausdruck "sich fingern". Und die "fuckenden konijnen" auf einem morgendlichen Campingplatz verniedlicht er zu "bumsenden Karnickeln". Das klingt dumpf schwerfällig:

In einer früheren Übersetzung des Kaninchen-Zyklus' von Gregor Seferens heißt es dagegen sehr viel offener, lebendiger und näher am Spaß mit dem Spiel der Worte:

Eines liegt diesen Gedichten fern: der Wahrnehmung ein intellektuelles Korsett überzustülpen. Ihre Verse sind sinnlich und überraschend. Sie vermitteln die Freude am Aufschreiben und Nachempfinden von Erlebtem und Gesehenem, und das macht die Gedichte von Els Moors zu etwas Außergewöhnlichem.

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