Buch der Woche vom 1.7.2018 Aus dem Spanischen von Susanne Lange

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Aus dem Spanischen von Susanne Lange

Plötzlich blind: Die junge Chilenin Lucinda erlebt einen Blutsturz in den Augen. Von einem Tag auf den anderen ist sie von Freund und Familie abhängig. Ein schweres Schicksal, gegen das sie rebelliert.

Die chilenische Autorin Lina Meruane stammt aus einer Arztfamilie und hat schon mehrfach über schwerwiegende Krankheiten geschrieben. Mit „Rot vor Augen“ ist ihr ein medizinisch präziser und emotional sehr ergreifender Roman gelungen.

Obsessive Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper

Autorin Lina Meruane (Foto: Arche Verlag - Sebastián Utreras)
Autorin Lina Meruane Arche Verlag - Sebastián Utreras

Krankheit als zentraler Romanstoff ist ein eher seltenes Phänomen in der lateinamerikanischen Literatur. Umso erstaunlicher ist das Oeuvre der chilenischen Schriftstellerin Lina Meruane, denn sie hat körperliche Gebrechen zum Hauptthema von gleich drei Büchern gemacht: Diabetes in Fruta podrida (Verdorbene Frucht), Blindheit in Sangre en el ojo/ Rot vor Augen, und der von diversen Krankheiten befallene Körper in Sistema nervioso (Nervensystem), ihrer neuen, gerade in Berlin vollendeten Publikation. Diese obsessive Auseinandersetzung der Autorin mit dem Körper hat biografische Ursachen.

Lina Meruane sagt hierzu: „Ich bin Diabetikerin seit meiner Kindheit. Die Krankheit hat mein Leben bestimmt, und ich glaube, dass meine Vitalität darin ihren Ursprung hat. Als die Diabetes entdeckt wurde, war ich sechs Jahre alt und dem Tod nahe. Es ist deshalb eine Krankheit mit vielerlei Bedeutung für mich. Und sie ist in der Literatur kaum behandelt worden. Das Gleiche gilt auch für den Verlust der Sehkraft, der bei mir glücklicherweise nur kurz andauerte.“

Die Sprache der Medizin ist Meruanes „Muttersprache“

Außerdem stammt die 48-jährige Lina Meruane aus einer Arztfamilie italienischen und palästinensischen Ursprungs. Das Medizinische war ihr von Kindesbeinen an vertraut, denn darüber wurde ständig gesprochen. „Die medizinische Sprache beherrschte ich sozusagen noch vor dem Spanischen“ – hat sie einmal gesagt. Das erklärt auch ihr leidenschaftliches Interesse am Körper und die detailgenaue Darstellung einer Erblindung in ihrem neuen Roman, die sie wie ihre eigene beschreibt.

Lucina, die Ich-Erzählerin, erlebt dies in dem Roman Rot vor Augen. Sie gleicht in manchen Aspekten ihrer Autorin. Auch sie stammt aus Chile, ist Schriftstellerin und lebt in New York. Sogar ihr Nachnahme ist derselbe: Meruane. Und dennoch ist sie kein Abbild ihrer Schöpferin. Auf einer Party erleidet diese Lucina den beschriebenen Blutsturz im Auge, die Welt verschwindet allmählich aus ihrem Blick. Sie erblindet bald darauf auch auf dem anderen und muss von nun an versuchen, ihr abrupt verändertes Leben neu zu ordnen. Dabei hilft ihr aufopfernd Ignacio, ihr Freund und nun ihr Wegweiser durch die verdunkelte Wirklichkeit. Sie fliegen nach Chile, um Lucinas Familie zu besuchen. Auch ihre Eltern sind Ärzte. Mit solchem autobiografischen Material spielt die Autorin in dieser fiktionalen Geschichte, die nicht die ihre ist, jedoch einen autofiktionalen Kern besitzt.

Außerdem ist die blinde Lucina eine nicht gerade sympathische Figur:

„Normalerweise sind die Frauen in der Literatur von irgendjemandem abhängig, wenn sie krank werden oder Fähigkeiten verlieren. Sie werden als gute, umgängliche Menschen geschildert. Gegen dieses weibliche Stereotyp habe ich Lucina gestaltet. Sie ärgert sich über ihr Schicksal und verändert sich dadurch, wird immer gewissenloser. Anfangs empfindet der Leser oder die Leserin Sympathie für sie, verliert sie jedoch mit der Zeit“, sagt Autorin Lina Meruane.

Cliffhanger und zahlreiche Erzählfäden sorgen für viel Spannung

Andererseits reift in der auf sich zurückgeworfenen Blinden allmählich ein Erkenntnisprozess. Sie sieht manches mit neuer Klarheit: ihre Mutter, eine Ärztin, die sie unter allen Umständen zu einer hoffnungslosen Operation in Chile zwingen will; die politischen Verhältnisse in ihrem Heimatland Jahrzehnte nach dem Putsch von 1973 sowie ihre Lebenssituation in den USA; und nicht zuletzt ihre kreativen Möglichkeiten als Autorin.

Lina Meruane, die Literaturwissenschaftlerin, hat ihre dramatische Geschichte in kurze Kapitel gegliedert und jedes bis zu einem eigenen Spannungspunkt entwickelt. Dort bricht sie ab und nimmt einen neuen Erzählfaden auf. Dieser rasche Wechsel erhöht die Dynamik des Geschehens.

Zur Dynamik sagt die Autorin: „Für mich ist die Struktur eines Buches wichtiger als die Geschichte, denn darauf basiert die Erzählung. Doch diese ist eher zufällig entstanden, weil ein Herausgeber mich um einen Text über Krankheiten bat, zwanzig Seiten, die aus szenenartigen Kapiteln bestanden. Daraus entwickelte sich die Struktur der sehr kurzen Episoden, die Schlag auf Schlag folgen. Jede einzelne hat ein emotionales Zentrum.“

Die expressive Sprache entspricht dem Charakter der Ich-Erzählerin

Doch im Grunde dreht sich alles nur um die Ich-Erzählerin, die erblindete Lucina. Für sie hat Lina Meruane eine expressive, auf das Wesentliche verdichtete Sprache gefunden, für ihre Empfindungen, ihre Gefühlsausbrüche, ihre Egozentrik, ihre Gewissenlosigkeit gegenüber ihrem Freund Ignacio und für das Bedürfnis der beiden nach Liebe, dem Lebenselexier, dem sich auch Lucina unbehindert hingeben kann und das für sie einen Moment der Freiheit bedeutet – wie in dieser metaphorischen Szene.

Mit Rot vor Augen gelingt es Lina Meruane auf einzigartige Weise, das Thema Krankheit als Romanstoff in der lateinamerikanischen Literatur zu verankern und sich zugleich als eine außerordentliche Schriftstellerin zu beweisen. Das vermag vorzüglich die sensible Übersetzung von Susanne Lange zu vermitteln.

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