Der Wiener Comic-Künstler Nicolas Mahler hat schon so manchen schwergewichtigen Klassiker in wenige schlichte Skizzen gebannt. Zum 100. Todestag von Franz Kafka hat er eine Comic-Biographie gezeichnet: „Komplett Kafka“. Eine Auswahl daraus ist jetzt in einer Ausstellung im Stuttgarter Literaturhaus zu sehen. Eine tragisch-komische Erzählung, die Comic-Künstler und Schriftsteller auf derselben Wellenlänge zeigt.
Große Kunst in schwarz-weißen Tuschezeichnungen
Mal eben aufs Papier gekritzelt: schwarz-weiße Tuschzeichnungen, lässig übertrieben und fast schon provokant reduziert – das ist die große Kunst von Nicolas Mahler. Und so hat er auch seinen Kafka auf ein Strichmännchen verdichtet mit Mittelscheitel, Nase und Segelohren. Trotzdem unverkennbar Kafka. Ein Schriftsteller, dem das Klischee des Depressiven, Dunklen und Spröden anhaftet.
Gespräch mit Nicolas Mahler über seine Kafka-Comic-Biografie
Für den Comic-Künstler ist das geradezu eine Steilvorlage: „Man hat bestimmte Klischee-Vorstellungen. Das ist für einen Comic-Zeichner auch schon mal gut. Comics leben ja auch vom Klischee, die vereinfachte Zeichnung und das Klischee – das geht gut zusammen. Und das ist natürlich bei Kafka ideal, weil er ja schon eine gewisse Aura verströmt von dem Mysteriösen. Es gibt ja keine Tonaufnahme, ganz wenige Fotos, da baut sich wahrscheinlich jede und jeder einen anderen Kafka zusammen und bei mir ist das auch nicht anders“, sagt Nicolas Mahler.
Stuttgarter Schau konzentriert sich auf bekannte Kafka-Motive
Für die Ausstellung im Stuttgarter Literaturhaus musste Nicolas Mahler zwangsläufig eine Auswahl aus seiner Comic-Biographie „Komplett Kafka“ treffen. So konzentriert sich die Schau auf einige der bekannten Motive im Leben des Schriftstellers – auf den autoritären Vater, auf Frauenbekanntschaften, auf seine Werke, zu denen Kafka wiederum ein sehr ambivalentes Verhältnis hatte.
Prominenten Platz in der Ausstellung hat die „Verwandlung“ bekommen – die berühmte Erzählung von Gregor Samsa, der eines Tages aufwacht und feststellt, dass er zu einem Käfer mutiert ist.
An seinen Verleger Kurt Wolff schreibt Kafka im Oktober 1915: „Das Insekt selbst kann nicht gezeichnet werden“. Nicht einmal von der Ferne dürfe es gezeigt werden.
Das höchstautorielle Zeichenverbot hat Nicolas Mahler natürlich nicht abgehalten: „Na ja klar, den Käfer habe ich natürlich zeichnen wollen“, sagt er. Ein resoluter Käfer mit langer Nase trippelt nun durch Mahlers Bildergeschichte.
Zeichner und Schriftsteller liegen auf einer Wellenlänge
Der angeblich so spröde, weltfremde Kafka hat sich so manches Mal als gewitzter, scharfzüngiger Zeitgenosse entpuppt. Da ist zum Beispiel die Geschichte mit den Bestsellern. „Das ist so ein Kafka-Bild, das ich nicht hatte, dass er Reiseführer schreiben wollte, weil er gemeint hat, durch Reiseführer ist am ehesten noch Geld zu machen. Eine total logische und nachvollziehbare Überlegung“, sagt Nicolas Mahler.
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Seine Zeichnungen hat der Comic-Künstler überwiegend durch Zitate, Brief- und Tagebuchauszüge Kafkas kommentiert, manchmal hat er seinen eigenen Kommentar hinzugefügt.
Und es zeigt sich: Mit ihrer herrlich lakonisch-kargen Art, die Widersprüche und Brüche des Lebens auf den Punkt zu bringen, liegen Schriftsteller und Comic-Künstler absolut auf derselben Wellenlänge. Und das ist eben ein etwas anderer Humor.
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