Landesärztekammer über medizinische Versorgung

Ärztemangel: "Auf dem Land spitzt sich die Lage zu"

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Michael Lueg
SWR1-Moderator Michael Lueg (Foto: SWR, SWR1 -)
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Jeder zweite Arzt in Rheinland-Pfalz ist laut Landesärztekammer älter als 50 Jahre. Bei Haus- und Fachärzten auf dem Land sieht es noch schlechter aus. Die Lage soll sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen.

Wir haben mit Dr. Günther Matheis über den Ärztemangel im Land gesprochen. Er ist der Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz.

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SWR1: Die Lage in Rheinland-Pfalz wird sich in den nächsten drei bis vier Jahren ziemlich zuspitzen. Das heißt also, wir werden einen dramatischen Ärztemangel in Rheinland-Pfalz spüren. Wie merken das dann die Menschen?

Dr. Günther Matheis: Die Menschen werden das merken, indem sie plötzlich feststellen, dass der Hausarzt in der Fläche, also im ländlichen Bereich, keinen Praxisnachfolger mehr findet und man vor verschlossenen Türen steht.

SWR1: Geht es nur um die Hausärzte oder auch um Fachärzte?

Matheis: Es geht auch um die fachärztliche Grundversorgung. Gemeint ist damit der Augenarzt oder HNO-Arzt, da gilt genau das Gleiche. Etwas entspannter ist es jetzt noch, aber wenn Sie mal fünf Jahre draufrechnen, haben wir genau dieselbe Situation wie bei den Hausärzten.

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SWR1: Gibt es denn große Unterschiede zwischen der Versorgung in Städten und auf dem Land?

Matheis: Ja, es ist so, dass in den Metropolregionen oder in den Oberzentren die Situation etwas besser ist. Natürlich geht das damit einher, dass viele jüngere Kolleginnen und Kollegen sich in diesen Regionen bewegen und auch da leben möchten.

Aber insbesondere im ländlichen Bereich haben wir beispielsweise prekäre Situationen in der Eifel, im Hunsrück und im Westerwald. Da spitzt sich die Lage zu, da ist es bedeutsam schlechter.

In den Metropolregionen ist die Situation besser. (...) Im ländlichen Bereich haben wir prekäre Situationen.

SWR1: Ich habe gehört, dass teilweise Menschen vom Land bis nach Koblenz fahren müssen, um einen Augenarzt zu finden.

Matheis: Das wird so sein, vermutlich. Wir haben kein patentes Mittel, um dem zu begegnen. Die Menschen müssen sich damit abfinden und anfreunden, dass das auf sie zukommt.

SWR1: Warum müssen sich die Menschen eigentlich damit abfinden? Es ist doch eine lange Zeit gut gelaufen in Deutschland. Wo klemmt es denn jetzt?

Matheis: Es klemmt natürlich am Nachwuchs. Wir bilden nicht genug Medizinerinnen und Mediziner aus. Und wir haben eine Demografie vor uns, die die Ärzteschaft genauso trifft wie alle anderen Berufe.

Das heißt im Klartext, dass in den nächsten Jahren die Babyboomer alle in Rente gehen und zum Teil jetzt schon länger arbeiten, als das eigentlich üblich ist. Und das wird die Entwicklung sein, mit der man konfrontiert ist. Deswegen haben wir diese Situation.

Wir bilden nicht genug Medizinerinnen und Mediziner aus.

SWR1: Wieso werden in Deutschland so wenig Ärzte ausgebildet? Man hört ja von Studenten, die hier gar nicht studieren dürfen und dann für teures Geld irgendwo im Ausland ein Medizinstudium machen.

Matheis: Wir haben zur Wendezeit in Deutschland etwa 16.000 bis 17.000 Medizinstudienplätze gehabt – in beiden Teilen Deutschlands. Diese Medizinstudiumplätze sind sukzessiv abgerüstet worden. Wir haben zurzeit vielleicht noch 11.000 Plätze. Daran können Sie ermessen, dass wir bedeutsam weniger ausbilden, obwohl nach und nach wieder Studienplätze entstehen. Aber die Kapazität reicht eben lange nicht aus. Es sind auch noch andere Faktoren, die dazu beitragen, insgesamt die ärztliche Versorgung prekär zu machen.

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SWR1: Auffallend ist, dass im Jahr 2022 zwei Prozent mehr Ärzte in Rheinland-Pfalz registriert waren als im Vorjahr. Aber die Lage hat sich trotzdem nicht entspannt.

Matheis: Stimmt, es geht nicht nach der Zahl der Köpfe, sondern nach der Anzahl der Arztstunden, die uns zur Verfügung stehen. Und die sind bedeutsam zurückgegangen. Deswegen haben wir zwar zwei Prozent mehr, aber bedeutend weniger ärztliche Leistungen, die von diesen Menschen erbracht werden.

SWR1: Rund zehn Prozent der Ärzte in Rheinland-Pfalz kommen aus dem Ausland. Ist das in Ihren Augen eine Lösung?

Matheis: Das ist ein Teil der Lösung, kann aber nicht das sein, was wir am Ende adressieren. Denn wir müssen immer bedenken, dass die Situation in anderen Ländern, insbesondere in Drittstaaten, noch dramatischer ist als bei uns. Wir müssen vorsichtig sein, dass wir in diesen Ländern die medizinische Versorgung nicht so zurückführen, dass sie sich asymptotisch der X-Achse nähert, möchte ich mal sagen.

Das Gespräch führte SWR1 Moderator Michael Lueg.

Zur Webseite der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz geht es hier.

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