Die Lebenszufriedenheit von Abiturientinnen und Abiturienten ist während der Corona-Pandemie drastisch gesunken. (Foto: IMAGO, imago)

Psychologie

Corona-Pandemie raubt Abiturient*innen die Lebenszufriedenheit

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Anja Braun, Reporterin und Redakteurin SWR Wissen aktuell. (Foto: SWR, Christian Koch)
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Ralf Kölbel, Online-Redakteur bei SWR Wissen aktuell sowie Redakteur bei SWR2 Wissen. (Foto: SWR, Christian Koch)

Die Lebenszufriedenheit von Abiturientinnen und Abiturienten ist während der Corona-Pandemie so drastisch gesunken, wie es bei jungen Menschen sonst nur in Kriegsgebieten festzustellen ist.

Dies zeigt eine Studie der Universität Bamberg und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Forscherinnen und Forscher fürchten, dass damit das Risiko von Ausbildungs- oder Studienabbrüchen steigt. Die Studie zeigt erstmals die anhaltenden negativen Effekte der Pandemie auf Bildungsentscheidungen und Karrierepläne von Abiturienten. Malte Sandner beschäftigt sich mit Bildungskarrieren und hat die Studie im Team geleitet. Für die Studie wurden bundesweit in 217 Schulen rund 8.000 Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs 2020 und 2021 befragt. Darunter etwa ein Fünfttel aus Baden-Württemberg.

Lockdowns haben großen Einfluss auf Lebenszufriedenheit von Abiturient*innen

Beobachten ließ sich, so Sandner, dass das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit bei den Abiturjahrgängen 2020 und 2021 langfristig gesunken ist. Besonders drastisch aber bei den Schülerinnen und Schülern, die im Jahr 2021 ihr Abitur machten. Jene, die im Winter im zweiten Lockdown noch in der Abiturvorbereitung waren, zeigen einen viel stärkeren Einbruch in ihrer Lebenszufriedenheit als diejenigen, die nach dem Abitur im Sommer 2020 dann ins Studium, in die Ausbildung oder vielleicht auch in ein Auslandsjahr gewechselt sind.

Während der Pandemie ist die durchschnittliche Lebenszufriedenheit in ganz Deutschland und in allen Bevölkerungsgruppen zurückgegangen, aber in keiner Bevölkerungsgruppe so stark wie bei den Abiturienten und vor allem bei denen des Jahrganges 2021. Dieser Rückgang an Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden und auch Zuversicht ist eigentlich sehr untypisch für junge Menschen – und kommt sonst in dieser Altersgruppe nur in Kriegsgebieten vor, so Malte Sandner.

Wir sehen, dass die Schülerinnen und Schüler dieses Abschlussjahrganges sehr vulnerabel waren und sehr unter der Pandemie gelitten haben.

Die Lebenszufriedenheit von Abiturientinnen und Abiturienten ist während der Corona-Pandemie drastisch gesunken. (Foto: IMAGO, imago images/Michael Weber)
Schulschließungen, Lockdowns, Wechselunterricht scheinen auch längerfristig negative Auswirkungen auf die berufliche Laufbahn von Schülerinnen und Schülern zu haben.

Die niedrige Lebenszufriedenheit bleibt bestehen

Auch nach dem Abitur ist die Lebenszufriedenheit der Jugendlichen weiter auf einem ungewöhnlich niedrigen Niveau geblieben, obwohl sie sich im Rest der Bevölkerung wieder erholt hat. Den Abiturienten 2021 fehlt oft die Zuversicht, auch was ihre berufliche Zukunft angeht. Ihre Aussagen und ERwartungen sind deutlich negativer als die anderer Abiturjahrgänge:

Sie gehen davon aus, dass sie ein schlechteres Abitur machen, sie sind unsicherer in ihrer Berufswahl und gehen auch davon aus, dass sie das, was sie nach der Schule machen, auch seltener erfolgreich abschließen werden.

Die Forscher konnten beobachten, dass diese schlechten Erwartungen tatsächlich direkt mit dem Einbruch der Lebenszufriedenheit und dem Wohlbefinden zusammenhängen. Insgesamt schätzt der Abiturjahrgang 21 seine mögliche berufliche Zukunft eher düster ein.

Düstere Zukunftsaussichten unter jungen Erwachsenen gehören auch zu den "Nebenwirkungen" der Corona-Maßnahmen. (Foto: IMAGO, imago images/Michael Gstettenbauer)
Düstere Zukunftsaussichten unter jungen Erwachsenen gehören auch zu den "Nebenwirkungen" der Corona-Maßnahmen.

Die Studienautorinnen und Autoren warnen daher, dass gerade bei dem Jahrgang 21 das Risiko von vorzeitigen Ausbildungs- oder Studienabbrüchen steigt, weil es sein könnte, dass sie nicht die Ressourcen dafür mitbringen. Malte Sandner verdeutlicht:

Ob man für ein Studium lernen kann, hängt natürlich auch stark mit dem Wohlbefinden zusammen und wieviel Zeit man investiert. Wenn man immer erschöpft oder schlecht gelaunt ist, es einem nicht gut geht, dann hat man natürlich im Schnitt weniger Kapazitäten und weniger Ressourcen, um ins Studium zu investieren.

Der angestaute Frust scheint sich auch negativ auf den weiteren Bildungsweg auszuwirken. (Foto: IMAGO, IMAGO/Cavan Images)
Der angestaute Frust scheint sich auch negativ auf den weiteren Bildungsweg auszuwirken.

Gerade für diesen Abiturjahrgang 2021 sollten daher Beratungsleistungen und Hilfestellungen von seiten der Hochschulen und Ausbilder verstärkt werden. Studienautor Sandner schlägt außerdem vor, diesem Jahrgang Abi 2021 zum Beispiel den Wechsel in ein anderes Studienfach zu erleichtern und die Bafögzahlung zu verlängern, falls es zu Verzögerungen kommt.

Doch es gibt auch die Hoffnung, dass der Abi-Jahrgang 2021 durch die erlebte Krise längerfristig gestärkt wird und zu einer ganz besonders zähen und auch widerstandsfähigen Generation wird, weil sie so etwas Unschönes erlebt haben in einer sehr wichtigen Zeit ihres Lebens.

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