Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ahtten weitreichende Folgen für die Bildung in Deutschland. (Foto: imago images,  imago images/Eibner)

Schulbarometer

Große Lernrückstände bei Schüler*innen durch Corona-Pandemie

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Lehrkräfte an deutschen Schulen sehen laut einer neuen Umfrage der Robert Bosch-Stiftung deutliche Lernrückstände und eine starke Zunahme von psychosozialen Problemen bei Kindern und Jugendlichen.

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Um zu erfassen, wie in deutschen Schulen mit den Folgen der langen Schulschließungen umgegangen wird, hat die Robert Bosch-Stiftung im September 2021 eine repräsentative Umfrage unter Lehrkräften erstellen lassen. Das deutsche "Schulbarometer - Spezial zur Pandemie".

Schüler an Brennpunktschulen haben am meisten nachzuholen

Die wichtigste Erkenntnis: Deutlich weniger Kinder und Jugendliche als vor der Pandemie konnten ihre Lernziele erreichen – das berichten die Lehrerinnen und Lehrer in der aktuellen Umfrage. Krasse Lernrückstände sehen sie im Schnitt bei jedem dritten Schüler.

Dabei hat es einige Schularten härter getroffen als andere. Am besten haben es die Gymnasien geschafft mit den Folgen der Schulschließungen umzugehen – hier hatten die meisten Schülerinnen und Schüler eben auch die nötigen Ressourcen wie eigene Rechner und eigenes Zimmer, Zugang zum Netz, unterstützende Eltern – und die Schulen selbst hatten vielerorts schon relativ gute Voraussetzungen, was die Ausstattung angeht.

Schülerinnen und Schüler von Gymnasien hatten während der Schulschließungen meist bessere technische Möglichkeiten für den Fernunterricht als Betroffene anderer Schularten. (Foto: imago images, imago images/Jochen Tack)
Schülerinnen und Schüler von Gymnasien hatten während der Schulschließungen meist bessere technische Möglichkeiten für den Fernunterricht als Betroffene anderer Schularten. imago images/Jochen Tack

Trotzdem sagen auch die Lehrkräfte dieser Schulen, dass viele Lernlücken bestehen. Schwieriger ist die Situation an den Grundschulen. Bei den Kleinen war der Fernunterricht sehr schwer umzusetzen. Hier muss noch viel nachgeholt werden. Die Situation ist ähnlich wie an den Sonderschulen, auch dort war kaum Fernunterricht möglich.

Und wirklich schlimm scheint die Situation an den Brennpunktschulen, also an Schulen an sozial benachteiligten Standorten. Sie waren und sind immer noch von der technischen Ausstattung und vom Lehrpersonal her am schlechtesten auf eine mögliche weitere Corona-Welle vorbereitet und ihre Schülerinnen und Schüler leiden jetzt schon unter den größten Lernrückständen.

Vor allem an Brennpunktschulen gibt es nach gut eineinhalb Jahren Pandemie große Bildungslücken. (Foto: imago images, imago images/Michael Gstettenbauer)
Vor allem an Brennpunktschulen gibt es nach gut eineinhalb Jahren Pandemie große Bildungslücken. imago images/Michael Gstettenbauer

Schulschließungen verstärken soziale Ungleichheit

80 Prozent der Lehrenden sagen, durch die Schulschließungen habe sich die soziale Ungleichheit weiter verstärkt. Auf die Frage, wie denn jetzt versucht wird, die Lernrückstände aufzuholen, geben Dreiviertel der Lehrenden an, dass die Lernrückstände im laufendem Unterricht aufgefangen werden sollen – durch Differenzierung. Das heißt die Schwächeren bekommen leichtere Aufgaben, die etwas Stärkeren kompliziertere.

Nur 40 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer sagen, es gibt Zusatzstunden zur Förderung von Schüler*innen mit besonders großen Lernlücken. Doch Kinder und Jugendliche haben durch die Schulschließungen nicht nur Lerndefizite aufgehäuft, sondern auch psychisch und sozial oft gelitten.

Viele Schülerinnen und Schüler litten auch psychisch an den Folgen der Pandemie-Beschränkungen. (Foto: imago images,  imago images/MiS)
Viele Schülerinnen und Schüler litten auch psychisch an den Folgen der Pandemie-Beschränkungen. imago images/MiS

Schulschließungen hatten weitreichende psychische Folgen

Der Rückgang von sozialen Beziehungen, verstärkte Einsamkeit aber auch starke Belastungen in der Familie, all das hat Spuren hinterlassen. Die große Mehrheit der Lehrkräfte berichtet von Motivationsproblemen und Konzentrationsproblemen ihrer Schüler*innen. Dazu kommt häufig Zurückgezogenheit und Niedergeschlagenheit unter ihren Schüler*innen.

Ein Viertel der Lehrkräfte meldet, Schuleschwänzen und aggressives Verhalten habe deutlich zugenommen. Das ist vor allem ein Problem an Haupt-, Real- und Gesamtschulen und insbesondere an Brennpunktschulen. Doch es gibt an den Schulen bisher kaum zusätzliche Angebote etwa durch Schulpsychologen oder Schulsozialarbeiterinnen. Etwa ein Drittel der Lehrer*innen sagt sogar, an ihrer Schule gibt es aktuell gar keine solchen Unterstützungsangebote, das liegt aber vermutlich noch an den Corona-Beschränkungen.

Digitaler Unterricht ist nicht für alle Kinder und Jugendliche gleichermaßen gut geeignet.  (Foto: imago images, imago images/MiS)
Digitaler Unterricht ist nicht für alle Kinder und Jugendliche gleichermaßen gut geeignet. imago images/MiS

Konzepte für guten Fernunterricht fehlen noch immer

Die Mehrheit der Lehrenden findet es weit wichtiger jetzt erstmal die sozialen und psychischen Folgen der Pandemie zu bewältigen. Dabei setzen sie vor allem auf ihre  Beziehung zu den Schüler*innen. Das Schließen der Lernlücken kommt erst an zweiter Stelle. Die Lehrkräfte hoffen außerdem, dass es nicht zu weiteren Schulschließungen kommt.

95 Prozent der Lehrkräfte sind geimpft

95 Prozent der Lehrkräfte sind nach der Umfrage bereits geimpft und die große Mehrheit will auch bei steigenden Infektionszahlen in Präsenz unterrichten. Wirklich vorbereitet und gerüstet für weiteren Fernunterricht sind aber nur rund die Hälfte aller Schulen. An den anderen fehlt immer noch ein verbindliches Konzept für den Fernunterricht. Und knapp 60 Prozent aller Schulen haben offenbar auch immer noch nicht die notwendige technische Ausstattung dafür- zumindest nach Aussagen der Lehrerinnen und Lehrer.

Für den Fernunterricht fehlt häufig ein verbindliches Konzept.  (Foto: imago images, imago images/MiS)
Für den Fernunterricht fehlt häufig ein verbindliches Konzept. imago images/MiS
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