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Kurz nach nebenan ins Testzentrum und dann zur Weihnachtsfeier bei den Großeltern – so wünschen es sich derzeit wahrscheinlich viele. Tatsächlich gibt es in einigen Städten Deutschlands schon solche Zentren. Aber ist es wirklich so einfach? Und wie aussagekräftig sind die Schnelltests, die dort angeboten werden?

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Großes Versprechen des Herstellers

Mehr als 96% aller Infektionen mit dem Coronavirus aufdecken – das verspricht das Pharmaunternehmen Roche auf seiner Homepage für den Antigen-Schnelltest. Und die Zahlen, die Roche dazu veröffentlicht sind gut, sehr gut sogar. So gut, dass der Test fast schon mit den PCR-Tests mithalten könnte. 

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Schnelltests sind nicht zuverlässig

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts zeichnet allerdings ein anderes Bild. Im Alltag der Notaufnahme des Katharinenhospitals des Klinikum Stuttgart wurden im Oktober knapp 470 Patientinnen und Patienten mit dem Schnelltest von Roche und zusätzlich mit einem PCR-Test getestet. Das Ergebnis: Nur etwas mehr als sieben von zehn PCR-positiven wurden auch durch den Antigen-Test erkannt. Bei Patienten ohne Symptome waren es sogar weniger als vier von zehn. 

Auf Nachfrage verweist Roche darauf, dass die Studie des RKI auch ergeben hat, dass der Test bei hoher Viruslast nahezu alle Infektionen erkennt. Das ist richtig, trotzdem seien die Ergebnisse aus Stuttgart mit ihren eigenen nicht vergleichbar, denn der Klinikalltag sei nun mal keine wissenschaftliche Studie.

Schweizer Pharmaunternehmen Roche (Foto: Imago, imago images / Geisser)
Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche wirbt für seine Schnelltests. In nur 15 Minuten soll man wissen, ob eine Sars-CoV-2 Infektion vorliegt. Doch die Tests sind anfällig für Fehler. Imago imago images / Geisser

Video zur Analyse von Testergebnissen

Auf der Homepage von Roche findet sich ein schön animiertes Video, das bei der Interpretation von Testergebnissen helfen soll. Der Test erkennt eine Infektion zuverlässig erst ab einer gewissen Viruskonzentration, darauf beziehen sich wahrscheinlich die angegebenen 96% Sensitivität. Und dem Video nach zu urteilen ist diese Nachweisgrenze auch kein Makel, sondern eher sogar eine positive Eigenschaft des Tests. Denn auch erst ab einer hohen Viruslast sein Infizierte auch ansteckend. 

Wissenschaftlichen Belege fehlen

Aber rein wissenschaftlich betrachtet muss man sagen, die Zahlen, die Roche vorlegt, sind mindestens irreführend, wenn nicht sogar regelrecht falsch. Rechtlich sind sie wahrscheinlich auf der sicheren Seite, denn der Beipackzettel wiederholt den Hinweis aus dem Erklärvideo: Der Test schlägt nur an, wenn die Viruskonzentration über der Nachweisgrenze liegt – ein Hinweis, der sich übrigens in vielen, wahrscheinlich allen Antigentest-Beipackzetteln findet – aber ob eine Konzentration unterhalb dieser Nachweisgrenze trotzdem eine Infektion oder noch viel wichtiger: Infektiosität bedeuten kann? Der Beipackzettel liefert darauf keine Antwort und das animierte Video impliziert: wahrscheinlich nicht. 

Wegweise mit Aufschrift: Eingang Corona-Schnelltestzentrum  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Friso Gentsch)
Corona-Schnelltests haben den Vorteil, dass sie vor Ort noch ausgewertet werden. Bei den zuverlässigeren PCR-Tests sieht das anders aus. Da müssen die Proben in ein Labor geschickt werden. picture alliance/dpa | Friso Gentsch

Und genau hier liegt die ganz große Krux dieser Tests. Denn ein “wahrscheinlich” ist dem Virus im Zweifel egal. Die Hersteller picken sich die Rosinen aus Studien und präsentieren Ergebnisse, ohne sie richtig einzuordnen. Als Endverbraucher wiege ich mich dann mit einem negativen Testergebnis in vermeintlicher Sicherheit und ja, das kann bedeuten, dass ich weder infiziert noch infektiös bin – fairerweise muss man sagen, dass es das meistens auch tut. Es kann aber auch bedeuten, dass ich infiziert, aber noch nicht infektiös bin. Oder dass ich infiziert und trotz niedriger Viruslast infektiös bin. Oder dass ich infiziert und infektiös bin und der Test ganz einfach daneben lag. 

Schnelltests bei bestimmten Personengruppen sinnvoll

Das heißt aber auch nicht, dass diese Tests völlig unbrauchbar sind. Ein bewusster Einsatz als Teil einer durchdachten Teststrategie kann sinnvoll sein – wenn man weiß, wie man damit umgehen muss. Wenn ich eine bestimmte Gruppe von Menschen teste, zum Beispiel die Belegschaft eines Krankenhauses, könnten einzelne falsch-negative Ergebnisse nicht über die vielen korrekt-positiven Ergebnisse eines lokalen Ausbruchs hinwegtäuschen. Und eine nachgelegte Testung aller Beteiligter mittels PCR würde dann auch im individuellen Fall eine deutlich größere Gewissheit bringen. 

Antigen-Schnelltest (Foto: Imago, imago images / xcitepress)
Eine Infektion kann man mit einem Schnelltest nicht sicher ausschließen. Imago imago images / xcitepress

Aber ganz egal welcher Test und welches Ergebnis – immer gilt der mittlerweile fast schon zur Floskel gewordene Satz: Es ist nur eine Momentaufnahme. Auf dem Heimweg vom Arzt oder dem Testzentrum kann ich mich in der Bahn infizieren und schon ist das Ergebnis wertlos – und das, ohne dass ich etwas davon mitbekomme. 

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