Long Covid

Corona-Langzeitfolgen durch das Epstein-Barr-Virus?

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AUTOR/IN
Pascal Kiss
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Julian Aldinger

Noch ist nicht klar, wie Long Covid-19 genau entsteht. Ein Forschungsteam hat einen Verdacht: Das in uns schlummernde Epstein-Barr-Virus soll zu stärkeren Corona-Symptomen führen.

Das Epstein-Barr-Virus schlummert in uns

Laut dem Deutschen Infektionszentrum tragen 90 bis 95 Prozent aller Menschen das Epstein-Barr-Virus in sich. Fast alle infizieren sich schon als Kind mit dem Virus, das sich dann nicht weiter bemerkbar macht, aber oft auch nie wieder ganz aus dem Körper verschwindet.

Epstein-Barr-Virus-Partikel. Im Jugend- und Erwachsenenalter können sie das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen. Sie bleiben lebenslang im Körper erhalten und können bei Immunschwäche reaktiviert werden. (Foto: IMAGO, IMAGO / agefotostock)
Mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) kommen bis zum 40. Lebensjahr bis 95 Prozent der Menschheit in Kontakt. Anschließend bleibt es lebenslang im Körper. IMAGO / agefotostock

Nur wenn man sich erst als Jugendlicher oder Erwachsener infiziert, führen die Viren manchmal zum Pfeifferschen Drüsenfieber.

Doch nach überstandener Erkrankung schlummert das Epstein-Barr-Virus weiter im Körper vor sich hin. Durch Stress oder Infektionen mit anderen Viren können die inaktiven Epstein-Barr-Viren auch wieder aufwachen, also reaktiviert werden.

Reaktiviertes Epstein-Barr-Virus kann andere Krankheiten noch verstärken

Schon länger vermuten Forschende, dass das Epstein-Barr-Virus andere Krankheiten verstärken kann – Autoimmunerkrankungen, aber auch das chronische Erschöpfungssyndrom wird mit dem Epstein-Barr-Virus in Verbindung gebracht.

Patienten mit reaktiviertem Epstein-Barr-Virus klagen oft über Erschöpfungs-Symptome, wie es auch bei Long-Covid der Fall ist. (Foto: IMAGO, IMAGO / Jochen Tack)
Bei Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus klagen Patienten oft über Erschöpfungs-Symptome, so wie auch Long-Covid-19-Patienten. IMAGO / Jochen Tack

Wird das Virus reaktiviert, klagen Patienten oft über Kopfschmerzen, chronische Müdigkeit, Schlafstörungen, Muskelschwäche und Konzentrationsschwierigkeiten – alles Symptome über die auch Long-Covid-19-Patienten klagen – Zufall? Wahrscheinlich nicht, sagt ein US-Forschungsteam von der World Health Organization.

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Zusammenhang zwischen Epstein-Barr-Viren und Long Covid in Studie festgestellt

Die Forschenden haben 185 Patienten drei Monate nach dem ersten positiven Corona-Test genauer untersucht – also analysiert, ob bei ungewöhnlich vielen Covid-Patienten das Epstein-Virus aktiv ist.

Das Ergebnis: Etwa ein Drittel der Patienten hatte nach drei Monaten Long Covid. Unter diesen Long-Covid-19-Patienten haben die Forschenden bei mehr als 65 Prozent aktive Epstein-Barr-Viren im Körper nachgewiesen. Bei ehemaligen Covid-19-Patienten ohne Spätfolgen waren es nur zehn Prozent.

Bei symptomfreien Patienten sind also deutlich weniger Epstein-Barr-Viren reaktiviert worden. Für das Forschungsteam ist das ein konkreter Hinweis, dass das Epstein-Barr-Virus mit Long Covid zusammenhängen könnte.

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Auch bei einer akuten Covid-19-Infektion könnte das Epstein-Barr-Virus eine Rolle spielen

Ein internationales Forschungsteam hat bei 78 bis 95 Prozent der Patienten mit einer akuten Covid-19-Erkrankung reaktivierte Epstein-Bar-Viren gefunden. Das Epstein-Barr-Virus könnte also schon bei der akuten Corona-Infektion die Symptome verstärken.

Somit verdichten sich die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen einer folgenschweren Corona-Infektion und dem Epstein-Virus. Doch bisher sind nur wenige Patienten im Rahmen von Studien untersucht worden.

Weitere Forschung ermöglicht neue Therapie-Ansätze bei Corona-Infektionen

Noch ist unklar, warum die Epstein-Barr-Viren aktiviert werden könnten. Doch bestätigt sich der Verdacht, könnten neue Therapie-Ansätze entwickelt werden. So gibt es bereits antivirale Medikamente, die das Epstein-Barr-Virus zumindest ein wenig stoppen können.

Bei Corona-Langzeitfolgen könnten laut ersten Hinweisen auch Anti-Herpers-Mittel, wie z.B. Ganciclovir, helfen. (Foto: IMAGO, IMAGO / Westend61)
Anti-Herpes-Mittel, wie z.B. Ganciclovir, könnten laut ersten Hinweisen schwer erkrankten Covid-19-Patienten helfen. IMAGO / Westend61

Das Epstein-Barr-Virus gehört zu den Herpesviren. Laut einem chinesischen Forschungsteam gibt es erste Hinweise, dass das Anti-Herpes-Mittel Ganciclovir schwer kranken Patienten helfen kann.

Somit könnten auch Anti-Herpes-Mittel gegen Long Covid in Zukunft eingesetzt werden – sofern das Epstein-Barr-Virus auch tatsächlich bei Long Covid eine entscheidende Rolle spielt.

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