STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Corona – kein Grund zur Panik. Unter diesem Titel verbreitet sich gerade ein Video im Internet. Darin erklärt der Lungenarzt Dr. Wolfgang Wodarg, die Panik-Meldungen seien vollkommen übertrieben.

Dr. Wolfgang Wodarg ist der Ansicht, die Maßnahmen und Reaktionen auf das neuartige Corona-Virus seien vollkommen übertrieben. Mit seinen Aussagen erreicht Wodarg derzeit Hunderttausende Menschen. Wir machen den Faktencheck: was ist von Wodargs Aussagen und Ansichten zu halten?

Das Virus ist nicht neu, es wird jetzt nur getestet - stimmt nicht

Dr. Wodarg ist der Auffassung, dass COVID-19 schon vor seiner Entdeckung existiert hat, möglicherweise saisonal wie eine Grippe aufgetreten ist und erst jetzt auffällt, weil man früher nicht danach gesucht habe.

Dagegen spricht, dass es in Wuhan eine Häufung von schweren Lungenerkrankungen gab, deren Ursache nicht bekannt war. Erst dann hat man getestet, woher diese Erkrankungen kommen und es fiel auf: Hier gibt es ein neues Virus. Erst danach wurden die gezielten Tests auf das Coronavirus entwickelt.

Dr. Wolfgang Wodarg, Lungenfacharzt, der zur Zeit im Netz behauptet, die Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus seien unnötige Panikmache. (Foto: Imago, imago images / Michael Schulz)
Dr. Wolfgang Wodarg, Lungenfacharzt, der zur Zeit im Netz behauptet, die Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus seien unnötige Panikmache. Imago imago images / Michael Schulz

Das Auftreten von neuen Viren ist nichts Ungewöhnliches - stimmt

Dr. Wodarg betont, dass das Auftreten eines neuen Coronavirus nichts Besonderes sei. Seiner Ansicht nach komme so etwas regelmäßig vor.

Mit dieser Aussage hat er grundsätzlich Recht. Viren verändern sich regelmäßig. In diesem Fall ist es aber nicht einfach nur ein neues Virus aus der Corona-Familie aufgetreten, das Schnupfen oder Ähnliches verursacht, sondern eben ein neuartiges Coronavirus, das teilweise schwere Lungenerkrankungen hervorruft.

Wäre Sars-Cov2 genauso milde wie andere Coronaviren, wäre es tatsächlich nicht weiter aufgefallen. Hier lässt sich auch ein Vergleich zum Auftreten von SARS im Jahr 2003 ziehen. Auch dieser Virus ist eine Coronavirus-Art, die sich neu entwickelt hat und durch den schweren Krankheitsverlauf bei manchen Menschen aufgefallen ist.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:05 Uhr
Sender
SWR2

Wenn wir nicht testen würden, würden wir es nicht merken - stimmt nicht

Wenn wir nicht testen würden, wüssten wir einfach nicht, woran die Menschen sterben. Wir wüssten auch nicht, wie sich das neuartige Coronavirus verbreitet. Die Menschen würden aber trotzdem krank und viele von den älteren Menschen würden sterben. Das Virus würde sich auch schneller ausbreiten, weil wir nichts dagegen tun würden. Die Krankenhäuser würden sich trotzdem füllen, denn die Krankheit ist ja nicht weg, wenn wir nicht testen.

Weniger Menschen sterben an Atemwegserkrankungen als im letzten Jahr - stimmt noch - bisher

Die Grippesaison ist in Deutschland diesem Jahr nicht besonders stark. Und im Vergleich zu den üblichen Grippefällen ist die Zahl der COVID-19-Fälle noch recht klein. Bei 165.036 Grippefällen (Zahlen des Robert-Koch-Instituts, Stand: KW11) in dieser Saison fallen die bisherigen Coronavirus-Fälle noch nicht so stark auf.

Aber das Virus hat sich in Deutschland auch noch nicht so umfassend verbreitet. Die massiven Eindämmungsmaßnahmen dienen genau dazu, das zu verhindern. Wenn die Zahl der Infizierten mit dem neuartigen Coronavirus weiter rapide steigt, dann stimmt die Aussage von Dr. Wodarg nicht mehr. Weltweit hat das Coronavirus nämlich schon Tausende Todesopfer gefordert – das zeigen aktuelle Zahlen der Johns Hopkins Universität.

Die Krankenhäuser werden durch Panik belastet, nicht durch neue Krankheitsfälle - stimmt nicht

Noch sind die deutschen Kliniken nicht überlastet, aber oft bereits am Rand der Belastbarkeit. Das Robert-Koch-Institut hat inzwischen das Risiko für die Bevölkerung von „mäßig“ auf „hoch“ hochgestuft. Auch deswegen, weil verschiedene Kliniken warnende Signale gesendet haben, dass sie auf eine Überlastung zusteuern.

Aus Italien und China wissen wir, dass die Krankenhäuser tatsächlich überlastet sind und dass deshalb auch mehr Menschen als nötig sterben, da sie nicht beatmet werden können. Das ist ganz eindeutig keine normale Grippesaison. Richtig ist sicherlich, dass Kliniken auch unter der Panik mancher Leute leiden, weil die sich teils wegen leichteren Krankheiten in Krankenhäusern melden und einliefern lassen.

Um genug Krankenbetten in Wien zur Verfügung zu haben, wurde in der Messehalle ein extra Corona Betreuungszentrum installiert. (Foto: Imago, imago images / Eibner Europa)
Um genug Krankenbetten in Wien zur Verfügung zu haben, wurde in der Messehalle ein extra Corona Betreuungszentrum installiert. Imago imago images / Eibner Europa

Die Maßnahmen der Regierung sind übertrieben - stimmt nicht

Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, sind alle größeren Veranstaltungen abgesagt worden. In vielen deutschen Städten bleiben Clubs und Bars komplett geschlossen, Kitas und Schulen sind zu. Die Regierung hat in den letzten Tagen die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus nach und nach verstärkt. Für Dr. Wodarg ist das ein Skandal. Er fordert, dass Rechtsanwälte die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen sollten. Mit dieser Einschätzung steht Dr. Wodarg ziemlich allein da.

Den Sinn von drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zweifelt Dr. Wolfgang Wodarg an. Sie würden die wirtschaftlichen Grundlagen vieler Betriebe und Unternehmen zerstören.  (Foto: Imago, imago images / Future Image)
Den Sinn von drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zweifelt Dr. Wolfgang Wodarg an. Sie würden die wirtschaftlichen Grundlagen vieler Betriebe und Unternehmen zerstören. Imago imago images / Future Image

Andere Gesundheitsexperten sagen, dass diese Maßnahmen die einzige Chance sind, die Ausbreitung des Virus zurzeit einzudämmen. All das geschieht mit dem Ziel, das Gesundheitssystem zu entlasten. Denn im Gegensatz zu den saisonalen Grippeviren gibt es gegen so einen Virus keine Grundimmunität in der Bevölkerung. Das bedeutet, dass sich mehr Leute schnell anstecken könnten.

Hier kommt der „Flatten the curve“-Aspekt zum Tragen: Wenn man durch die getroffenen Maßnahmen die Zahl der Ansteckungen auf einen längeren Zeitraum ausdehnen kann, dann ist für diejenigen, die das Coronavirus bekommen, die medizinische Versorgung gewährleistet. Insofern sind die Maßnahmen der Regierung nicht übertrieben

Der Corona-Test ist nicht wissenschaftlich geprüft und zu ungenau - stimmt nicht

Harte Kritik äußert Dr. Wodarg am sogenannten PCR-Test, der Coronaviren erkennen soll. Dieser Test ist vom Leiter der Virologie an der Berliner Charité Klinik, Dr. Christian Drosten, und dessen Team entwickelt worden und wird inzwischen weltweit angewandt. Dr. Wodarg kritisiert, der Test sei nicht wissenschaftlich geprüft und zu ungenau.

Die Corona-Tests seien nicht valide, behauptet der Lungenfacharzt Wolfgang Wodarg. (Foto: Imago, imago images / CTK Photo)
Die Corona-Tests seien nicht valide, behauptet der Lungenfacharzt Wolfgang Wodarg. Imago imago images / CTK Photo

Dr. Drosten hat auf die Kritik reagiert und erklärt, dass dieser Test bereits entwickelt worden ist, als die Berliner Wissenschaftler noch gar keine Proben des neuen Coronavirus im Labor und auch in Deutschland hatten, sondern nur Proben des nahe verwandten SARS-Coronavirus.

Als die Daten des neuen Coronavirus von den Ärzten und Forschern aus China veröffentlicht wurden, seien die Tests darauf angepasst worden. In hunderten Proben sei dieser neue Test dann bei älteren Formen des Coronavirus, sowie Erkältungsviren angewendet worden und habe nicht ein einziges Mal angeschlagen. Das heißt: der Test reagiert tatsächlich nur auf das aktuelle, neue Coronavirus und nicht auf ältere Formen oder andere Viren.

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG