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Die Lage ist angespannt. Bei steigenden Fallzahlen könnte es tatsächlich sein, dass manche Covid-19-Betroffene nicht mehr behandelt werden.

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Der Begriff Triage kommt eigentlich aus dem Militär oder der Katastrophenmedizin. Beispiel: Busunfall 20 Verletzte, zwei Helfer teilen die Patienten dann in drei Kategorien auf. Daher das Wort Triage: leicht verletzt, schwer verletzt, lebensgefährlich schwer verletzt, mit nur geringen Überlebenschancen. Manchmal werden die Patienten auch mit Karten oder Farben gekennzeichnet.

Ethisch schwierige Entscheidung

Die Leichtverletzten können warten, und es hat auch keinen Sinn, jemanden mit Kreislaufstillstand wiederzubeleben, dafür aber die Mittelschwerverletzten verbluten zu lassen. Sprich, es werden erstmal die behandelt, bei denen die Behandlung vermutlich am meisten bringt und sicher Leben rettet.

Also die Frau mit der offenen Bauchverletzung vor dem Mann mit dem gebrochenen Arm. Bei einem Massenanfall von Patienten wird so eine Ersteinschätzung, manchmal auch in Notaufnahmen angewendet, auch auf Intensivstation.

Notfallaufnahme (Foto: Imago, imago images/Italy Photo Press)
Wenn Intensivstationen an ihr Limit kommen oder vor Ort z.B. bei Massenunfällen sehr viele Patienten oder Patientinnen gleichzeitig behandelt werden müssen, muss entschieden werden, wer zuerst behandelt wird und wer möglicherweise nicht. Imago imago images/Italy Photo Press

Triage – eine schwierige Situation für ärztliches Personal

Was einfach klingt, ist ethisch aber sehr, sehr schwierig. Denn wer sich für jemanden entscheidet, entscheidet sich gleichzeitig auch gegen jemand anderen. Der frühere Notarzt und Internist Jens Matthies sagt, konkret heißt das:

Ob der Patient auf die Intensivstation geht und dort künstlich beatmet wird oder auch nicht. Dabei müssen wir bedenken, dass der Patient vielleicht für 14 Tage oder drei Wochen diesen Intensivplatz braucht. Und wer kommt schon morgen oder übermorgen nach und bräuchte den vielleicht ebenso dringlich, hat aber möglicherweise eine bessere Chance, das gut zu überstehen. Das ist eine schreckliche Situation,

Jens Matthies, Internist

Eine Situation, in die kein Arzt kommen will. Auch Bayerns Ministerpräsident Söder hat das Thema schon vor ein paar Tagen ins Gespräch gebracht:

Die Kliniken ächzen, die ächzen derzeit unter der Belastung. Teilweise gibt es schon Triage in Deutschland nämlich, dass man entscheidet, wer behandelt wird oder wer woanders hin verlegt werden muss.

Markus Söder, Ministerpräsident Bayern
Bei vielen schweren Verläufen von Covid-19 können Intensivstationen möglicherweise an ihr Limit kommen. (Foto: Imago, imago images/xcitepress)
Bei vielen schweren Verläufen von Covid-19 können Intensivstationen möglicherweise an ihr Limit kommen. Imago imago images/xcitepress

Verlegung von Patienten ist keine Triage

Aber das ist streng genommen eigentlich keine Triage. In Deutschland war und ist es schon immer so, dass besonders schwere Fälle aus kleineren Krankenhäusern in besser ausgerüstete Kliniken verlegt werden.

Als vor einigen Tagen aus der Klinik in Zittau acht Patienten nach Leipzig, Sachsen-Anhalt und Brandenburg ausgeflogen wurden wollte Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping im MDR ebenfalls nicht von Triage sprechen, sagt aber:

Das war eine sehr schwierige Lage in Sachsen haben und das sagen wir nicht erst seit heute. Ich glaube, das ist allen bekannt, und deswegen glaube ich, dass es ein Warnruf war – dass man einen Weckruf gestartet hat – dass man gesagt hat, wir wissen bald nicht mehr, wie wir Patienten versorgen sollen.

Petra Köpping, Gesundheitsministerin Sachsen
Engpässe gibt es möglicherweise nicht nur bei den Intensivbetten, sondern vor allem auch beim Pflegepersonal. (Foto: Imago, imago images/Ralph Lueger)
Engpässe gibt es möglicherweise nicht nur bei den Intensivbetten, sondern vor allem auch beim Pflegepersonal. Imago imago images/Ralph Lueger

Alter und soziale Kriterien dürfen bei Entscheidungen keine Rolle spielen

Denn in diese Lage will natürlich kein Arzt geraten, damit er eben nicht dazu gezwungen wird, Prioritäten zu setzen, auch wenn ein Triage-System nur im absoluten Notfall zur Anwendung kommt. Im Frühjahr gab es beispielsweise, die später dementierte, Meldung, in Straßburger Kliniken würden über 80-Jährige nicht mehr beatmet.

In Italien haben Intensivmediziner damals vorgeschlagen, erstmal diejenigen zu retten, die noch am meisten Lebensjahre vor sich haben. Bei uns in Deutschland dürfen Alter und auch soziale Kriterien laut dem Gleichheitsgrundsatz in der Verfassung bei derartigen Bewertungen keine Rolle spielen. Der Bonner Ethik-Professor Bernd Heinrichs:

Das biologische Alter allein sagt vielleicht auch in ethischer Hinsicht nicht besonders viel aus. Es scheint irgendwie wenig plausibel zu sein, zu sagen, dass man ab einem bestimmten Alter sein Leben aufgelebt hat oder sowas. Dafür sind die Lebenslängen und -verläufe beim Menschen einfach viel, viel zu unterschiedlich,

Bernd Heinrichs, Ethik-Professor Bonn

Weil es nicht um Lebensjahre geht und die Beurteilung, was denn lebenswert ist, sondern um Menschen. Patientenschützer wie die evangelische Behindertenhilfe haben sicher auch in Erinnerung an Verbrechen aus der Nazizeit Gesetze gefordert, die die Auswahl von Beatmungspatienten festlegen.

Die klinischen Erfolgsaussichten spielen einen wesentliche Rolle bei der Entscheidung darüber, wer bei Engpässen noch behandelt wird. (Foto: Imago, imago images/Ralph Lueger)
Die klinischen Erfolgsaussichten spielen einen wesentliche Rolle bei der Entscheidung darüber, wer bei Engpässen noch behandelt wird. Imago imago images/Ralph Lueger

Klinische Erfolgsaussicht als wesentliches Kriterium

Aber ist es wirklich sinnvoll, medizinische Notfallsituationen gesetzlich zu regeln? In den klinisch-ethischen Empfehlungen von sieben deutschen Berufsverbänden der Intensiv- und Rettungsmedizin, die deutsche Ärzte anwenden, zählt bei einer Priorisierung alleine das "Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht". Zudem müssen mindestens drei Ärzte an solchen Entscheidungen beteiligt sein.

Aber so weit ist es bei Corona noch nicht. Auch wenn Weltärztepräsident Montgomery beklagt, Mediziner würden mit dieser Entscheidung alleine gelassen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat im ZDF gesagt, alle Patientinnen und Patienten könnten versorgt werden, aber eben unter größter Belastungen und teilweise auch Überlastung in den einzelnen Kliniken und Intensivstationen.

Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft Georg Baum, bestätigt, rein rechnerisch reiche die Kapazität sogar für die doppelte Zahl der aktuellen Intensivpatienten. Ob das beim Pflegepersonal auch so ist, hatte er aber nicht gesagt.

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