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Deutsche Intensivmediziner sind besorgt: Sie gehen für die kommenden Wochen von einer weiteren Zunahme der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen aus. Droht ein Kollaps?

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Auf einer Pressekonferenz der DIVI, der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, in Berlin wurde es noch einmal deutlich: Viele Intensivstation sind mittlerweile am Limit. Man rechnet mit circa 6.000 Patienten im Januar 2021. Die Intensivmediziner haben auch ausdrücklich gesagt, es habe bis jetzt keine Triage gegeben, und es werde auch keine geben.

Was bedeutet der Begriff Triage in Bezug auf Covid-19 und die Intensivmedizin?

Triage bedeutet: Wenn ganz viele Patientinnen und Patienten auf einmal zum Beispiel auf der Intensivstation ankommen, dann auszuwählen, wen man behandelt und wen nicht. Triage kann also letztlich auch eine Frage von Leben und Tod sein.

Bei vielen schweren Verläufen von Covid-19 können Intensivstationen möglicherweise an ihr Limit kommen. Es droht die sogenannte "Triage". (Symbolfoto) (Foto: Imago, imago images/Steinach)
Bei vielen schweren Verläufen von Covid-19 können Intensivstationen möglicherweise an ihr Limit kommen. Es droht die sogenannte "Triage". Imago imago images/Steinach

Gibt es medizinische oder moralische Leitlinien für so eine Triage während der Pandemie oder muss jeder Arzt vor Ort selbst entscheiden?

Es gibt so etwas schon, aber nicht speziell für Pandemiesituationen. Es gibt zum Beispiel gesetzliche Regelungen für die Triage bei Organtransplantationen. Aber in der Pandemie hat sich der Gesetzgeber bisher seit dem Frühjahr zurückgehalten. Die DIVI hat dann selbst einen Leitfaden erstellt und demnach soll sich die Entscheidung, wer einen Beatmungsplatz bekommt, danach richten, wie die Überlebenschancen der Erkrankten stehen.

Also je besser die Aussichten, desto eher soll man einen Platz bekommen. So wollen die Ärztinnen und Ärzte dann möglichst viele Leben retten. Aber sie haben keine Rechtssicherheit. Und es gibt auch noch ein weiteres Problem: Weil die Covid-19 Patientinnen und Patienten teilweise über viele Wochen auf den Intensivstationen liegen, müssten die Medizinerinnen im Zweifel dann ja auch entscheiden, wen sie von einem Beatmungsgerät entfernen, damit jemand mit einer besseren Aussicht beatmet werden kann. Und das würde dann unter Umständen den unmittelbaren Tod für die Person bedeuten, die nicht mehr beatmet wird. Und so etwas zu machen wäre faktisch nicht rechtens.

Deshalb wünscht sich die DIVI eine gesetzliche Regelung. Es gibt aber auch Skeptiker, zum Beispiel vom Deutschen Ethikrat, die sagen: Der Staat darf gar keine Vorgaben für eine solche Triage machen, weil alle Menschen laut dem Grundgesetz gleich zu behandeln sind. Nun kann es eben sein, dass das irgendwann nicht mehr möglich ist. Aber bisher sieht es in Deutschland nicht danach aus.

Engpässe gibt es vor allem beim Intensiv-Pflegepersonal. (Foto: Imago, imago images/xcitepress)
Engpässe gibt es vor allem beim Intensiv-Pflegepersonal. Imago imago images/xcitepress

Intensivpatienten werden schon auf Krankenhäuser bundesweit verteilt - damit soll momentan eine Triage verhindert werden. Wie geht das logistisch?

Das Bundesinnenministerium hat sich da etwas einfallen lassen, das sogenannte Kleeblatt-Prinzip. Man hat Deutschland quasi in fünf Kleeblätter eingeteilt, also in fünf Regionen. Zum südwestlichen Kleeblatt gehören zum Beispiel Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland. Die Kliniken jeder Region sollen sich dann untereinander aushelfen. Es gibt dazu noch ein Ampelsystem: Das zeigt die Auslastung der einzelnen Kliniken an.

Und wenn die Ampel auf Rot springt, wird zusammen mit einem zentralen Koordinator der jeweiligen Region geschaut, wie die Patientinnen und Patienten möglichst effizient verlegt werden können. Das Ziel ist, große Gruppen von Erkrankten strategisch zu verlegen, damit sich besonders belastete Regionen erholen können. Das heißt, man kann dann auch schon mal 100 Kilometer oder noch weiter verlegt werden.

Gibt es neben Sachsen und Brandenburg noch weitere Hotspots mit angespannter Lage auf den Intensivstationen?

Insgesamt kann man sagen, dass gerade vor allem der Osten Deutschlands betroffen ist. Aber es gibt auch in anderen Bundesländern Regionen oder zumindest einzelne Krankenhäuser, die schon an ihre Grenzen gekommen sind.

Wurde das Personal auf den Intensivstationen aufgestockt?

Nicht wirklich. Es werden wieder Operationen verlegt, die aufschiebbar sind. Und so kann dann Personal aus anderen Stationen hinzugezogen werden. Allerdings können die Operationen nicht ewig aufgeschoben werden. Da wird es dann früher oder später einen Stau geben.

Und es ist auch gar nicht so einfach, Personal für die Intensivstation zu bekommen, weil die Personen ja speziell ausgebildet sein müssen. Außerdem kommt jetzt auch noch erschwerend hinzu, dass sich die Pflegekräfte und Mediziner auch selbst mit Covid-19 infizieren oder in Quarantäne müssen. Und deshalb gibt es eigentlich noch weniger Personal als sonst.

Wenn sich medizinisches Personal selbst mit Covid-19 infiziert, kann das die Lage auf den Intensivstationen noch einmal verschärfen. (Foto: Imago, imago images/Pixsell)
Wenn sich medizinisches Personal selbst mit Covid-19 infiziert, kann das die Lage auf den Intensivstationen noch einmal verschärfen. Imago imago images/Pixsell

Wie lange liegt durchschnittliche ein Covid-19-Patient mit schwerem Verlauf auf der Intensivstation?

Laut RKI liegen die dort im Schnitt 18 Tage, also so zwei bis drei Wochen, was schon ganz schön lange ist - länger als zum Beispiel Grippe-Erkrankte. Es gibt anscheinend sogar Fälle, die mehrere Monate, also zum Beispiel ein halbes Jahr auf der Intensivstation verbringen müssen. Und für diese Zeit ist dann natürlich das Bett durchgehend blockiert.

Kann man diese schweren Verläufe mittlerweile auch mit Medikamenten gut versorgen? Hat man da Erfahrungen sammeln können in den letzten Monaten?

Ja, es gibt ein paar Therapien. Die DIVI empfiehlt zum Beispiel ganz klar Blutverdünner. Denn so können Thrombosen, also Blutgerinnsel zum Beispiel in der Lunge, aber auch in Herz und Gehirn, vermieden werden. Dann gibt es da noch Remdesivir, dass ist eigentlich ein Ebola Medikament, und das wird von der Weltgesundheitsorganisation auch nicht mehr explizit empfohlen, weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse einfach zu dürftig waren.

Weltweit wird fieberhaft nach Medikamenten gegen die von Coronaviren ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 gesucht. (Foto: Imago, imago images/ZUMA Wire)
Weltweit wird fieberhaft nach Medikamenten gegen die von Coronaviren ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 gesucht. Imago imago images/ZUMA Wire

Allerdings wird das auf deutschen Intensivstationen immer wieder angewendet. Denn scheinbar hängt der Erfolg der Therapie mit Remdesivir einfach vom Zeitpunkt der Einnahme ab, also in der Frühphase von Covid-19.

Laut DIVI kann dieses Medikament also schon was bringen. Außerdem empfiehlt die DIVI die Gabe von Dexamethason, also Cortison. Da ist die Wirksamkeit auch tatsächlich wissenschaftlich belegt. Und die DIVI hat sich auch zu Vitaminpräparaten geäußert, vor allem die Gabe von Vitamin D, aber auch Vitamin C wird immer wieder diskutiert.

Aber da gibt es keine stichhaltigen wissenschaftlichen Belege für eine Wirksamkeit. Laut DIVI könnte eine frühzeitige Einnahme helfen, aber explizit empfehlen können sie es nicht.

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