Können sich Genesene wieder mit dem Coronavirus reinfizieren? (Foto: imago images, imago)

Neue Studie zu Reinfektionen

Können sich Genesene wieder mit dem Coronavirus infizieren?

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Eine neue Studie mehrerer Universitäten in den USA kommt zu dem Schluss, dass eine Corona-Reinfektion im Schnitt alle 16 Monate möglich sein könnte. Aber heißt das, dass wir Corona und damit einhergehende Maßnahmen, Beschränkungen und Lockdowns nie überwinden werden? Eine Einschätzung.

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Wer eine Infektion mit SARS-CoV-2 durchgemacht hat, steckt sich nach drei Monaten bis fünf Jahren wieder an, sagen die US-amerikanischen Forschenden voraus. Das ist relativ schnell, auch im Vergleich mit anderen Coronaviren. Bei HCoV-OC43, einem Erkältungs-Coronavirus zum Beispiel, kommt es nur etwa alle 15 Monate bis zehn Jahre zu einer sogenannten Reinfektion.

In beiden Fällen liegt das hauptsächlich daran, dass die Antikörperspiegel im Blut mit der Zeit nachlassen und so eine erneute Infektion wahrscheinlicher wird. Die Forschenden ziehen daraus den Schluss, dass eine Herdenimmunität unmöglich sei und auch langfristig Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus in Kraft sein müssten.

Ist eine Herdenimmunität wirklich möglich, wenn man sich regelmäßig wieder infizieren kann? (Foto: imago images, imago/C.Hardt/FutureImage)
Ist eine Herdenimmunität wirklich möglich, wenn man sich regelmäßig wieder infizieren kann? imago/C.Hardt/FutureImage

Nicht nur Antikörper schützen vor Infektionen

Aber es ist doch wichtig, diese Schlussfolgerungen ein bisschen zu relativieren – denn das bedeutet nicht, dass die Pandemie niemals aufhören wird. Es sind nämlich nicht nur Antikörper, die uns schützen. Nach einer Infektion oder Impfung bildet der Körper auch sogenannte T- und B-Zellen gegen den Erreger. Die sind sehr viel langlebiger als Antikörper – zum Teil bleiben sie ein Leben lang erhalten. 

T-Zellen erkennen im Gegensatz zu Antikörpern nicht die Erreger selbst, sondern infizierte Zellen und zerstören diese. Das bedeutet, dieser Teil der Immunität läuft erst dann an, wenn man bereits infiziert ist. B-Zellen sind Antikörperproduzierende Zellen, aber auch sie müssen erst mit dem Erreger in Kontakt kommen, um neue Antikörper herzustellen. Obwohl diese Systeme erst hochfahren müssen, wird eine Infektion schneller abgewehrt als ohne Immunität, wodurch der Krankheitsverlauf bei einer Reinfektion in der Regel deutlich schwächer ausfällt. 

Immunabwehr (Symbolbild) (Foto: imago images, imago images/Shotshop)
Die menschliche Immunabwehr ist sehr komplex. Vor Infektionen schützen nicht nur Antikörper, sondern auch T- oder B-Helferzellen. (Symbolbild) imago images/Shotshop

Vielleicht längere Immunisierung nach Reinfektion oder Impfdurchbruch

Für das Immunsystem ist es übrigens egal, ob wir uns infizieren oder impfen lassen. Die Immunität ist im Prinzip die gleiche, auch wenn sie auf die eine oder andere Art vielleicht etwas stärker oder schwächer ausfällt. Eine Reinfektion ist deswegen praktisch das gleiche wie ein Impfdurchbruch und wirkt gleichzeitig wie eine Auffrischungsimpfung.

Nach einer Reinfektion oder einem Impfdurchbruch dürfte die Immunität – wie nach einer Auffrischungsimpfung – also stärker sein als nach der ursprünglichen Infektion oder der Impfung. Der Schutz vor einer erneuten Infektion könnte dann auch länger anhalten als die in der Studie genannten im Schnitt 16 Monate.

Eine Reinfektion oder regelmäßige Auffrischungsimpfungen könnten mittelfristig dazu führen, dass die SARS-CoV-2-Viren ihre Gefährlichkeit verlieren. (Foto: imago images, imago images/Andre Lenthe)
Eine Reinfektion oder regelmäßige Auffrischungsimpfungen könnten mittelfristig dazu führen, dass die SARS-CoV-2-Viren ihre Gefährlichkeit verlieren. imago images/Andre Lenthe

Wachsende Grundimmunität durch Reinfektionen und Auffrischungsimpfungen

Für die nächsten Jahre bedeutet das, dass wir noch vorsichtig bleiben müssen. Mit Impfungen und Auffrischungsimpfungen wird die Belastung des Gesundheitssystems – vor allem der Intensivstationen – aber immer weiter abnehmen. Und sehr wahrscheinlich wird irgendwann der Punkt kommen, an dem die allermeisten entweder geimpft sind oder sich schon mal mit dem Virus angesteckt haben.

Dann besteht eine Grundimmunität in der Bevölkerung, die sich durch Reinfektionen und Auffrischungsimpfungen immer weiter verstärken wird. Infektionen werden dann immer ungefährlicher und irgendwann gesellt sich das Virus endgültig zu den anderen Erkältungsviren.

Können sich Genesene wieder mit dem Coronavirus reinfizieren? (Foto: imago images, imago images/Christian Ohde)
Geimpft, genesen, getestet? Der Immunschutz wird nach einer Auffrischungsimpfung oder eine Reinfektion bzw. einem Impfdruchbruch stärker – allerdings geht auch für Genesene und Geimpfte noch eine gewissen Gefahr von dem Virus aus, man sollte also immer eine Impfung bzw. eine Auffrischungsimpfung einer (Re-)Infektion vorziehen imago images/Christian Ohde

Viren können im Laufe der Jahre an Gefährlichkeit verlieren

Dass dieses Szenario nicht unrealistisch ist, zeigt auch das Coronavirus OC43, mit dem SARS-CoV-2 in der Reinfektionsstudie unter anderem verglichen wurde. Dieses Virus war vermutlich für die Russische Grippe der 1890er-Jahre verantwortlich, die weltweit mehr als eine Million Menschenleben forderte – eine Pandemie vergleichbar mit der Aktuellen. Heute aber ist OC43 so ungefährlich, dass die allermeisten wahrscheinlich noch gar nie davon gehört haben – obwohl sehr viele Menschen auf der ganzen Welt bereits mehrfach damit infiziert waren.

Aber auch OC43 kann noch gefährlich werden. Säuglinge, ältere Menschen oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem können schwer erkranken. Das wird sich auch bei SARS-CoV-2 nicht ändern. Mit diesem Risiko müssen wir natürlich umgehen – diese Menschen müssen geschützt werden – aber wir müssen auch lernen mit dem Risiko zu leben, so wie wir auch mit dem Risiko leben, das immer noch von OC43 und anderen vermeintlich ungefährlichen Viren ausgeht.

Frau mit Fieberthermometer (Foto: imago images, imago/PantherMedia / DAVID HERRAEZ CALZADA)
Letztlich müssen wir lernen, mit dem Coronavirus leben. Momentan wäre es aber wohl verfrüht, alle Maßnahmen zu beenden. imago/PantherMedia / DAVID HERRAEZ CALZADA
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