Geschmackssinn

Wie misst man "Schärfe" und warum sind Chilis "anders" scharf als Senf oder Wasabi?

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Gábor Paál
Gábor Paál (Foto: SWR, Oliver Reuther)

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Tatsächlich gibt unterschiedliche Arten von "Schärfe". Bei den paprikaverwandten Gewächsen wie Chili, Peperoni oder Cayenne-Pfeffer gibt es seit knapp 100 Jahren eine Maßeinheit für Schärfe. Das sind die sogenannten Scoville-Einheiten, benannt nach dem amerikanischen Chemiker Wilbur Scoville.

Scharf wird die Chili durch bestimmte chemische Stoffe – Capsaicine. Beim Kontakt mit der Schleimhaut im Mund täuschen sie dem Nervensystem eine Verletzung vor; deswegen haben wir das Gefühl, dass es "brennt". Wie scharf eine Chili ist, hängt deshalb von der Capsaicin-Konzentration im Fruchtfleisch ab. Zu den schärfsten Chili-Sorten gehört die Habanero; da ist die Capsaicin-Konzentration am stärksten. In der konventionellen Gemüsepaprika dagegen sind gar keine Scharfmacher mehr enthalten – die wurden rausgezüchtet.

Wie kann man Schärfe messen?

Wilbur Scoville hat aus der Capsaicin-Konzentration eine Maßeinheit gemacht, und zwar mithilfe von Testpersonen. Dazu hat er Chilis püriert und dann so lange mit Zuckerwasser verdünnt, bis die Versuchsperson nichts Scharfes mehr geschmeckt hat. Je mehr Capsaicin in der Probe war, desto mehr musste er verdünnen. Auf diese Weise erhielt er eine Skala von 0 bis 16 Millionen. 16 Millionen wäre reines Capsaicin. Das heißt, wenn man ein Gramm reines Capsaicin hat, müsste man 16 Millionen Gramm – 16.000 Liter – Wasser dazugeben, damit man die Schärfe nicht mehr schmeckt.

Allerdings ist es ein bisschen unpraktisch, im Alltag eine Skala zu verwenden, die von 1 bis 16 Millionen reicht. Deshalb wurden diese 16 Millionen Scoville-Einheiten bald in einer Skala von 0 bis 10 zusammengefasst. In dem Fall ist also Gemüsepaprika auf der Stufe 0 und besagte Habanero-Chilies liegen in der Scoville-Skala bei 10.

Wie scharf eine Chili ist, hängt doch auch vom subjektiven Empfinden ab – die einen vertragen mehr, die anderen weniger …?

Das ist der andere Grund, warum das ursprüngliche Messverfahren unpraktisch war. Bei manchen Versuchspersonen musste mehr verdünnt werden als bei anderen, bis sie die Schärfe nicht mehr schmeckten. Deshalb war das ungenau. Heute haben die Chemiker objektivere analytische Methoden, um die Konzentration von Capsaicin genau zu bestimmen.

Bei der Schärfe von Senf oder Meerrettich geht das nicht

Komplett anders ist es zum Beispiel bei Senf. Hier ist nicht Capsaicin, sondern Senföl für die Schärfe verantwortlich. Dieses Senföl kommt nicht nur im Senf vor, sondern auch in Radieschen, Meerrettich oder Kresse. Da schmeckt man ja auch, dass das eine ganz andere Art von Schärfe ist als bei Chili. Die Senföl-Schärfe kommt von den ätherischen Ölen, die im Senföl enthalten sind. Der Haken dabei ist: Ätherische Öle sind flüchtig; die Schärfe lässt mit der Zeit nach, weil die Öle verdampfen. Daher verliert Meerrettich nach einer Weile an Würze und schmeckt lasch. Im Gegensatz zum Chili, der scharf bleibt, auch wenn er lange an der Luft hängt und trocknet.

Bei den paprikaverwandten Gewächsen lässt sich deshalb der Schärfegrad leichter bestimmten als beim Senf oder bei Radieschen.

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