Wissenschaft

Bekommen attraktive Eltern häufiger Mädchen?

STAND
AUTOR/IN
Gábor Paál
Gábor Paál (Foto: SWR, Oliver Reuther)

Audio herunterladen ( | MP3)

Umstrittene Studie bestätigt das angebliche Phänomen

Es klingt verrückt, aber es gibt tatsächlich eine Studie, die das behauptet. Sie ist allerdings sehr umstritten. Der Wissenschaftler, der sie publiziert hat, Satoshi Kanazawa, ist immerhin Professor an der renommierten London School of Economics. Er hat 3.000 Eltern untersucht. Nach seiner Studie haben die attraktivsten von ihnen tatsächlich ein paar Prozent mehr Mädchen bekommen als die anderen. Oder anders ausgedrückt: Die 600 schönsten Eltern hatten, verglichen mit den anderen Eltern, scheinbar eine um fast 8 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit, ein Mädchen zu bekommen.

Schönheit ist subjektiv

Der springende Punkt bei der Kritik ist die Subjektivität von Schönheit. Denn für diese Theorie ist nicht wichtig, ob die Eltern wirklich in einem "objektiven" Sinne schön sind, sondern ob sie von anderen als attraktiv empfunden werden; das lässt sich durchaus testen. Attraktiv im Sinne der Studie ist also, wer von vielen anderen als attraktiv beurteilt wird.

Die Kritik entzündet sich eher daran, ob die Zahlen der Wissenschaftler wirklich so aussagekräftig sind. Kann das Ergebnis nicht auch einfach Zufall sein? Es ist ja so: Wenn wir eine Münze werfen, ist die Wahrscheinlichkeit für "Kopf" bzw. "Zahl" bekanntlich halbe/halbe. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass wir, wenn wir hundert Mal eine Münze werfen, immer genau 50-mal "Kopf" werfen. Wenn wir 55-mal "Kopf" bekommen und nur 45-mal "Zahl", dann wäre das auch noch normal. Wir hätten noch keinen Anlass anzunehmen, dass etwas mit der Münze nicht stimmt. Und ähnlich ist das mit der Geburt von Mädchen und Jungen.

Wahrscheinlich Zufall

Es gibt nun in der Statistik sehr ausgefeilte Methoden, um große Datensätze zu analysieren und festzustellen, ob bestimmte Verteilungsmuster wirklich signifikant sind. Das heißt: So auffällig, dass es sich lohnt, nach einem verborgenen Effekt zu suchen, oder ob es sich um "zufällige" Schwankungen handelt. Und wenn man das bei dieser Studie wirklich statistisch fair macht, lautet das Ergebnis klar: Die paar mehr Töchter, die man bei den attraktiven Eltern findet, sind nicht signifikant. Das heißt, es ist wahrscheinlicher, dass sich das in dieser Studie zufällig so ergeben hat.

Die "50 schönsten Menschen" der People-Liste haben nicht mehr Töchter

Das heißt, wenn man morgen die Studie wiederholen würde, könnte auch etwas ganz anderes herauskommen. Es gibt zwei amerikanische Wissenschaftler, die das zum Spaß mal mit einer ganz anderen Stichprobe gegengecheckt heben: Die Zeitschrift "People" veröffentlicht jedes Jahr die Liste der angeblich "50 schönsten Menschen". Natürlich ist das auch eine willkürliche Auswahl, aber man kann ja davon ausgehen, dass unabhängig von der Reihenfolge diese Liste einen gewissen Mehrheitsgeschmack abbildet. Haben nun diese schönen Menschen mehr Töchter als der Bevölkerungsdurchschnitt? Nein! Die "50 schönsten Menschen" zwischen 1995 und 2000 haben sogar im Schnitt weniger Mädchen als der Rest der Bevölkerung. Dieses Ergebnis ist zwar auch nicht repräsentativ bzw. signifikant, aber es zeigt, wie leicht man, wenn man es darauf anlegt, irgendwelche Zahlen bekommen kann, die scheinbar auf einen verblüffenden Zusammenhang hinweisen, den es vermutlich in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Wer das übrigens mal genauer nachlesen möchte: Die Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" hat in ihrer Februar-Ausgabe 2010 dieses Beispiel mit den schönen Eltern und ihren Töchtern eingehend analysiert.

Hirnforschung Was ist der Unterschied zwischen Schönheit und Attraktivität?

Attraktivität hat mit Symmetrie zu tun, die Entscheidung fällt unbewusst und hat mir Partnerwahl und Evolution zu tun. Der Schönheitsbegriff dagegen ist umfassender. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

SWR2 Impuls SWR2

Ästhetik Was macht schöne Landschaften aus?

Experimentell kann man zeigen, dass Menschen sich vor allem von solchen Landschaften angezogen fühlen, die Wasser und Vegetation enthalten: Die Nähe zu Flüssen, Seen, aber auch zum Meer ist also hochattraktiv. Menschen verbringen gerne Zeit am Wasser. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

SWR2 Impuls SWR2

Psychologie Die Vermessung der Schönheit

Welche Faktoren bestimmen, was wir schön finden? Lohnt es sich überhaupt, eine wissenschaftliche Antwort auf diese Frage zu suchen, wenn doch die Geschmäcker verschieden sind? Ja!

SWR2 Wissen am Feiertag SWR2

Derzeit gefragt

Redensart Woher kommt "der Teufel ist ein Eichhörnchen"?

Der weit verbreitete Spruch hängt damit zusammen, dass das Eichhörnchen immer schon im Aberglauben negativ besetzt war. Denn zwei Faktoren verbinden es mit dem Teufel. Von Rolf-Bernhard Essig.

Klima Führt der Klimawandel zu mehr Erdbeben?

Kurzfristig nein, langfristig möglicherweise. Und die Frage ist völlig berechtigt. Denn wenn das Eis der Pole und Gletscher schmilzt, dann heben sich die Kontinentalplatten. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Geschichte Woher kamen die Kelten ursprünglich?

Die Kelten stammen aus der Zone nördlich der Alpen, aus einer Region zwischen Böhmen und Ostfrankreich. Dort ist ihre Heimat. Von Markus Egg

Zeitgeschichte Gab es Zusagen an Moskau, die NATO nicht nach Osten zu erweitern?

Das wurde vom russischen Präsidenten Putin immer wieder behauptet, ist aber historisch so nicht richtig. Die Behauptung bezieht sich auf die sogenannten Zwei-plus-Vier-Verhandlungen 1990. Bei diesen Gesprächen ging es um die deutsche Wiedervereinigung nach dem Fall der Mauer. Beteiligt waren: Die noch zwei deutschen Staaten Bundesrepublik und DDR sowie die vier Siegermächte, USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion. Angeblich, so lautet die Behauptung, gab es bei diesen Gesprächen eine Zusicherung des Westens, die NATO nicht über Deutschland hinaus auszudehnen. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

SWR2 Impuls SWR2

Gesellschaft Darf man noch "Indianer" sagen?

Ja. Das mag überraschen, denn das Wort stammt aus der Kolonialzeit und ist eine Fremdbezeichnung. Doch das sind nicht die einzigen Kriterien. Von Gábor Paál | http://swr.li/indianer | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Holocaust 6 Millionen ermordete Juden – Woher stammt diese Zahl?

6 Millionen Juden haben die Nationalsozialisten ermordet. Rund 4 Millionen Menschen starben in Konzentrations- und Vernichtungslagern, 2 Millionen durch Massaker. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0. | http://swr.li/holocaust

Erdkern Woher weiß man, wie es im Inneren der Erde aussieht?

Man kann nur bis zu einer bestimmten Tiefe in die Erde hineingucken. Bis zum Mittelpunkt der Erde sind es 6.000 Kilometer. Die weltweit tiefste Bohrung geht aber nur bis in 12 Kilometer Tiefe. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Identität Wie viele Geschlechter gibt es – und was folgt daraus?

Alles hängt davon ab, wie man Geschlecht definiert. Die Biologie macht Geschlechter an der Rolle in der Fortpflanzung fest. Demnach gibt es zwei Geschlechter. Doch bei aktuellen politischen Fragen hilft das nicht weiter, denn es gibt noch andere Gesichtspunkte.| Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Religion Wie wird man Jude?

Das Judentum ist im Gegensatz zu Christentum und Islam keine missionierende Religion. Es ist nicht darauf aus, dass Nicht-Juden konvertieren. Aber wer will, kann Jude werden. Von Edna Brocke

Astronomie Wie lautet der Merkspruch für die Reihenfolge der Planeten?

Früher hieß er "Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten." Seit Pluto weggefallen ist kann man sagen: "Mein Vater erklärt mir jeden Samstag unseren Nachthimmel." Von Tilman Spohn