SWR2 Wissen

Nachhaltige Mode – Die Kleidung von morgen

Stand
AUTOR/IN
Stephanie Eichler
Stephanie Eichler
ONLINEFASSUNG
Ulrike Barwanietz
Ralf Kölbel
Ralf Kölbel, Online-Redakteur bei SWR Wissen aktuell sowie Redakteur bei Redakteur bei SWR Kultur DAS Wissen.

Umweltfreundliche Kleidung wird ohne belastende Chemikalien hergestellt, bestenfalls aus recyceltem Stoff oder mit Fasern, die in der Region angebaut werden und hält lange. Das finden die meisten gut, doch nur wenige kaufen sie tatsächlich.

Audio herunterladen (25,1 MB | MP3)

Das Forschungsprojekt Slow Fashion an der Hochschule Hannover will herausfinden, wie die Modebranche umweltfreundlich und fair werden kann. Leiterin Martina Glomb hat da einige Ideen:

  • Umweltfreundliche Kleidung schont Ressourcen. Wenn die Qualität stimmt, hält ein Kleidungsstück lange. Ein Ramschpullover aber geht schnell kaputt, leiert aus, zieht Fäden -  ein neuer Pulli muss her. Auf diese Weise werden Ressourcen verschwendet: zum Beispiel die Anbaufläche, auf der die Baumwolle wächst. Oder Erdöl, aus dem Chemiefasern hergestellt sind.
  • Stoffabfälle vermeiden. Im Allgemeinen werden beim Zuschneiden von Kleidung rund 20 Prozent eines Stoffes weggeschnitten. Wenn man auf der Stoffbahn die einzelnen Schnittteile ineinander puzzelt statt sie nur nebeneinander zu legen, spart man Material. Diese Zero-Waste-Technik könnten auch die Designer für die großen Modehäuser anwenden.
  • Verwerten statt entsorgen. Designer sollten dazu beitragen, dass Kleidung nicht entsorgt, sondern wieder verwertet wird. Denn das klappt heute meistens nicht: Baumwolljeans beispielsweise werden weltweit mit einem Polyesterfaden verarbeitet. Die beiden Materialien lassen sich nicht voneinander trennen. Wird die Baumwolle recycelt, enthält sie eine Fremdfaser, die sich nach dem Färben als andersfarbige Stelle bemerkbar macht. Der Modemarkt fragt solche Stoffe nicht nach. Ehemalige Lieblingshosen oder -jacken enden deshalb in vielen Fällen als Putzlappen oder Dämmmaterial für Autos.
  • Um zu verhindern, dass Kleidung auf dem Müll oder im Schredder landet, sollten öffentliche Einrichtungen und Behörden mit Designern zusammenarbeiten. Zum Beispiel dann, wenn Uniformen ausgewechselt werden. So wurden an der Hochschule Hannover tausend giftgrüne Polizei-Motorradoveralls zu Reisetaschen und Rucksäcken umgearbeitet. Nach einem Entwurf von Studierenden gingen sie in die serielle Produktion.

Wie finde ich heraus, ob Mode umweltfreundlich ist?

Doch durch “Fridays for future” hat sich in den vergangenen Monaten das Bewusstsein für mehr Umweltschutz geschärft. Viele Menschen entscheiden sich dafür, auf neue Kleidung zu verzichten oder auf Nachhaltigkeit zu achten, auf Öko-Label wie GOTS, IVN Best und Made in Green. Oder auf den “grünen Knopf”, den die Bundesregierung im September 2019 eingeführt hat. Sie alle garantieren Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöfpungskette, vom Anbau der Faser auf dem Feld bis zum Verkauf des fertigen Kleidungsstücks im Laden.

Nachhaltige Mode findet sich selten in Fußgängerzone

Nach Umfragen des Slow Fashion Forschungsprojektes findet rund die Hälfte der Konsumenten umweltfreundliche und faire Kleidung gut, aber kauft sie nicht. Ein Grund dafür: Kleidung wird häufig beim Bummeln durch die Stadt spontan erworben. Und in den üblichen Einkaufsgegenden ist nachhaltige Mode so gut wie nicht zu finden.

Das bedeutet: wer auf Öko-Kleidung umsteigen will, muss Pläne schmieden: Spezialisierte Geschäfte suchen und längere Anfahrtswege in Kauf nehmen. Dieser Aufwand schreckt viele Konsumenten ab. Ganz zu schweigen davon, dass Ökomode meist teurer ist.

Der Grüne Knopf ist das Label der Bundesregierung für faire Kleidung – eingeführt im September 2019
Der Grüne Knopf ist das Label der Bundesregierung für faire Kleidung – eingeführt im September 2019

Öko-Mode zu günstigen Preisen

Nachhaltige Kleidung muss nicht mehr Geld kosten. Das will Holger Cebulla beweisen. Der Professor für Textilmaschinen- und Verfahrensentwicklung an der TU-Chemnitz,  entwickelt Ökosocken, die extrem lange durchhalten und so die Geldbörse der Verbraucher schonen. Da Baumwollsockenrecht schnell löchrig werden, nutzt Cebulla Hanffasern, um Strümpfe an den empfindlichen Stellen besser zu verstärken. Diese Ökostrümpfe halten bis zu zehnmal solange wie herkömmliche Socken. Je länger die Lebensdauer des Strumpfes, desto weniger Baumwolle wird für neue Socken benötigt. Wasser und Energie werden gespart und es fällt weniger Müll an.

Nachhaltig kann Mode nur werden, wenn der Konsum abnimmt

100 Milliarden neue Kleidungsstücke überschwemmen jährlich den globalen Markt. Denn bisher gilt: Gekauft wird, was billig ist. Die Chefs der großen Bekleidungskonzerne verdienen gut daran. Laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace spielt die Branche jährlich 1,3 Billionen US-Dollar ein. Karl-Johan Persson, der Kopf von H&M, und Amancio Ortega, der Gründer von Zara, gehören zu den reichsten Menschen der Welt.

Und die Billigmode schadet nicht nur der Umwelt, sondern auch den Arbeiterinnen in den Fabriken: Sie arbeiten unter schlechten Bedingungen und können von ihrem Lohn oft nicht menschenwürdig leben. Doch auch die Bekleidungsindustrie denkt um: Unternehmen, die zukunftsfähig bleiben wollen, müssen das neue Umweltbewusstsein zum Bestandteil ihrer Strategie machen. So verlautbart es im Herbst letzten Jahres das Think Tank Zukunftsinstitut. Abgesehen davon kann Mode nur nachhaltig werden, wenn der Konsum abnimmt.

Die Arbeiterinnen in den Fabriken wie hier in Bangladesch arbeiten noch immer unter schlechten Bedingungen und können von ihrem Lohn oft nicht menschenwürdig leben
Die Arbeiterinnen in den Fabriken wie hier in Bangladesch arbeiten noch immer unter schlechten Bedingungen und können von ihrem Lohn oft nicht menschenwürdig leben

Bewusst entscheiden

Die Forschung engagiert sich, damit der Markt für Ökokleidung wächst. Doch bis die Branche soweit ist und nachhaltige Mode Standard sein wird, bleibt es jedem einzelnen überlassen, bei der Kleiderwahl die richtige Entscheidung zu treffen.

SWR 2018 / 2020

Umweltschutz Frankreich führt Reparaturbonus für Schuhe und Kleidung ein

In Frankreich gibt es ab Herbst einen Zuschuss vom Staat, wenn man seine kaputten Schuhe oder Kleidung reparieren lässt, statt sie wegzuwerfen. Wird das wirklich etwas ändern?
Umwelt, Umweltschutz, Reparatur, Schuhe, Schuster, Kleidung, Nähen, Frankreich, Wegwerfgesellschaft

SWR2 Impuls SWR2

Wirtschaft Soziales Unternehmertum – Profit ist nicht alles

Ein Unternehmen gründen, um etwas gegen Armut oder Klimawandel zu tun – ein noch junger Trend. Beispiele sind die Suchmaschine Ecosia oder die Veja Sneaker. Worauf kommt es den „Social Entrepreneurs“ an?

SWR2 Wissen SWR2

Architektur Bauen mit Recycling-Material – Das Haus als Rohstofflager

Nach dem Abriss von Gebäuden sollten möglichst viele Teile im Neubau wiederverwendet werden. Neue Gesetze sind dafür nötig – und ein Umdenken in der Architektur.

SWR2 Wissen SWR2

New York Fashion Week Von Haute-Couture bis Unterwäsche: Testen Sie Ihr Wissen in unserem Mode-Quiz!

„Kleines Schwarzes“ à la Coco Chanel? Oder ziehen Sie Jogginghosen edler Bügelfalte vor? Ob Sie zu den Modemachern oder Modemuffeln gehören, finden Sie heraus mit unserem Mode-Quiz

Chemie Das Färben blauer Jeans wird umweltfreundlicher

Blue-Jeans werden mit Indigo gefärbt. Doch die Herstellung von Indigo ist für Umwelt und Gesundheit problematisch, weil viel CO2 und Chemikalien freigesetzt werden. Jetzt hat ein Forschungsteam eine neue Methode entwickelt, den Farbstoff herzustellen.
Martin Gramlich im Gespräch mit Sabine Schütze, SWR-Umweltredaktion

SWR2 Impuls SWR2

Natur und Umwelt: aktuelle Themen

Klimawandel Kommentar nach Hochwasser: Klimaschutz ist kein „nice to have“!

Hochwasser, Extremwetter, Überflutung. Das alles wird durch den Klimawandel häufiger. Doch die Politik tut zu wenig für Klimaschutz. Dabei kostet Klimaschutz weniger als das dauerhafte Aufräumen und Reparieren nach Hochwasser.

Impuls SWR Kultur

Technik Hilfe in der Hochsaison: Roboter erntet Spargel

Lange, weiße, gerade Stangen mit intakten Köpfen – die Spargelernte braucht Vorsicht und ist Knochenarbeit. Erntehelfer*innen sind teils schwer zu finden, die Lohnkosten steigen. Ein Spargelroboter kann inzwischen mit KI reifen Spargel erkennen und ernten.

Impuls SWR Kultur

Meldungen der Woche Google KI: Pizza ohne Klebstoff ist Käse

Außerdem: eine Meisterschaft im Regenwürmer-Betören! Jede Woche neu: Skurrile und witzige Meldungen aus der Wissenschaft. Mehr davon auch in unserem Podcast: Fakt ab! Eine Woche Wissenschaft. Jetzt reinhören:  http://swr.li/faktab

Impuls SWR Kultur