Jugend zwischen Geigen und Bomben

„Resistruments“ macht aus russischem Kriegsschrott Musik

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Andreas Langen
Andreas Langen, Autor und Redakteur, SWR Kultur
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Dominic Konrad

Empowerment durch Kreativität: Die Hilfsorganisation „Art Helps“ unterstützt Kinder und Jugendliche in Kriegs- und Krisenregionen. Vor Ort bekommen die jungen Leute Angebote für künstlerische Workshops. Jetzt hat „Art Helps“ eine neue Kampagne in der Ukraine gestartet: „Resistruments“ sind Musikinstrumente, die ukrainische Jugendliche aus russischem Kriegsschrott bauen.

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Musik in einer trostlosen Trümmerlandschaft

Der junge Violinist Yuri Revich ist ein Star seiner Zunft. Er spielt eine Stradivari, und dies in den nobelsten Tempeln der klassischen Musik. Nun aber hat Revich ein Stück komponiert, das vor kurzem in einer trostlosen Trümmerlandschaft uraufgeführt wurde, und zwar auf der wohl seltsamsten Geige, die es jemals gab – ein kiloschweres Monster aus mattgrau lackiertem Stahl, gebaut in der Ukraine.

Nach der Premiere hat es das Unikum trotz komplizierter Zollvorschriften bis an den Rand der Stuttgarter Innenstadt geschafft. Dort liegt es gut verwahrt im Atelier des Grafikdesigners Thomas Lupo. Der hatte die Idee zum Bau des Instruments, für ein neues Projekt seiner Hilfsorganisation „Art Helps“.

Die Hilfsorganisation „Art Helps“ unterstützt Kinder und Jugendliche in Kriegs- und Krisenregionen
Saiten auf mattgrau lackiertem Stahl: Diese Violine entstand aus einem nicht explodierten russischen Raketensprengkopf.

Violine aus „menschenfeindlichem Material“

Lupo öffnet eine Box. In der Metallkiste verwahrt er wertvolle Gegenstände. „Da ist jetzt auch diese Violine drin, die wir aus der Ukraine mitgebracht haben, eine Raketen-Violine“, sagt Lupo.

Das mit der Rakete ist nicht metaphorisch gemeint: Der Resonanzkörper des Instruments, der Richtung Griffbrett schmal zuläuft, besteht aus der Spitze eines nicht explodierten russischen Sprengkörpers.

Wir haben aus diesem Material, aus diesem menschenfeindlichen Material, was eigentlich dazu gebaut ist, um Menschen zu töten, wunderschöne Instrumente gebaut.

„Es ist ein Raketensprengkopf, und zwar von der Ostukraine, von den Frontgebieten. Da haben wir uns ganz viele Waffenteile und Kriegsschrott sammeln lassen über die letzten Monate und haben alles nach Kiew bringen lassen und haben dann mit Jugendlichen einen Kreativworkshop gemacht“, erklärt der Stuttgarter Grafikdesigner.

Die Hilfsorganisation „Art Helps“ unterstützt Kinder und Jugendliche in Kriegs- und Krisenregionen
Mit Feilen und anderen Werkzeugen arbeiten ukrainische Jugendliche Kriegsschrott zu Musikinstrumenten um. Bild in Detailansicht öffnen
Die Hilfsorganisation „Art Helps“ unterstützt Kinder und Jugendliche in Kriegs- und Krisenregionen
„Resistruments“, Instrumente des Widerstands, nennt die Hilfsorganisation „Art Helps“ die Instrumente, die im Rahmen von Workshops entstehen. Bild in Detailansicht öffnen
Die Hilfsorganisation „Art Helps“ unterstützt Kinder und Jugendliche in Kriegs- und Krisenregionen
So einiges an kreativem Potenzial wird bei dem Projekt geweckt. Neben einer Geige aus Raketensprengköpfen entstand auch dieses Schlagzeug. Bild in Detailansicht öffnen
Die Hilfsorganisation „Art Helps“ unterstützt Kinder und Jugendliche in Kriegs- und Krisenregionen
Für die Teilnehmer*innen ist die Arbeit an den Instrumenten eine kreative Möglichkeit, um die Gräuel des Krieges zu verarbeiten. Bild in Detailansicht öffnen
Die Hilfsorganisation „Art Helps“ unterstützt Kinder und Jugendliche in Kriegs- und Krisenregionen
Aus menschenfeindlichem Material, das mit dem Ziel hergestellt wurde, Menschen zu töten, entstehen so wunderschöne Instrumente, sagt Projektinitiator Thomas Lupo. Bild in Detailansicht öffnen
Die Hilfsorganisation „Art Helps“ unterstützt Kinder und Jugendliche in Kriegs- und Krisenregionen
Gemeinsam nahmen die Projektteilnehmer eine Komposition des Violinisten Yuri Revich auf. Das dazugehörige Video entstand im Kiewer Vorort Borodjanka, wo das russische Militär im April 2022 ein Massaker an der Zivilbevölkerung anrichtete. Bild in Detailansicht öffnen

Mit Instrumenten aus Kriegsschrott kreative Energie wecken

Über das Design der Heavy-Metal-Geige kann man streiten, die Idee dahinter aber ist bestechend: „Art Helps“ unterstützt bedürftige Kinder und Jugendliche in aller Welt, indem es ihre kreativen Potentiale stärkt. Zusätzlich arbeiten Trauma-Therapeuten mit den von Krieg und Gewalt gequälten jungen Menschen.

In den Kreativworkshops erleben die Kids ihre schöpferische Kraft, und was sie malen, bauen und performen, ist ideal geeignet, um damit für weitere Hilfsprojekte zu werben. So wie mit den „Resistruments“ aus russischem Kriegsschrott. Für das Musikvideo dazu reisten die Jugendlichen mit einem Team von „Art Helps“ nach Borodjanka.

Für das Video filmte „Art Helps“ am Schauplatz von Kriegsverbrechen

Thomas Lupo hat schon viel Elend gesehen, in brasilianischen Favelas, afrikanischen Slums und bei irakischen Flüchtlingen. Doch die Zerstörungen im Vorort von Kiew waren so massiv, dass er im ersten Moment umkehren wollte.

„Wir sind ausgestiegen aus den Fahrzeugen und wir haben ja auch Trauma-Therapeuten mit im Team und die eben auch gesagt: ‚Hey, wir gucken jetzt mal die ersten Minuten, und wenn das nicht geht, dann brechen wir es ab und machen es woanders‘“, erinnert sich Lupo. Die Jugendlichen hätten aber selbst unbedingt gewollt, dass das Video in Borodjanka gedreht wird.

Die Hilfsorganisation „Art Helps“ unterstützt Kinder und Jugendliche in Kriegs- und Krisenregionen
Mit Blumen verzierten die Kinder im Workshop von „Art Helps“ diese Patronenhülsen.

Über 200.000 Klicks in zwei Wochen

Die jungen Musiker im Video hatten alle ihre Instrumente durch den Krieg verloren. Jetzt aber betreten sie erneut die Bühne, im weltweiten Netz. Kurz nach Weihnachten 2023 hat ihr Clip auf You Tube schon über 200.000 Klicks.

Solche Resonanz ist es wert, immer wieder in die Kriegs- und Krisengebiete der Welt zu fahren, um dort mit Kindern und Jugendlichen deren Energie und Gestaltungskraft wiederzuentdecken, findet Thomas Lupo: „Wenn ich wieder zu Hause bin, dann denke ich manchmal darüber nach und sage: Eigentlich verrückt, was wir da machen. Aber es ist notwendig.“

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Es ist das Wesen des Stückes von Natalia Blok, die die Geschichte ihres Sohnes Matwij aufgeschrieben hat, dass es den Kampf um Jugend zeigt. Den Kampf darum, was es heißt, ein junger Mensch sein zu können, sich nicht das wegnehmen zu lassen, was junge Menschen brauchen: soziale Kontakte, Bindungen, das Leben als Abenteuer. So fasst Peter Kastenmüller „Das Leben ist unaufhaltsam“ zusammen. Und zugleich vermittelt das Stück, wie der Krieg wirkt: in Zerstörung, in Auflösung von sozialen Bindungen, im Verschwinden von Heimat, im Ausgesetztsein oder in Orientierungslosigkeit.
Dokumentation als Widerstand
Im Stück entwickelt Matwij einen ganz eigenen Umgang mit der Situation. Er filmt und dokumentiert, was in seiner Stadt und in seinem Umfeld passiert. Eine Form des Widerstands und der Versuch, der Nachwelt zu beweisen, was er erlebt und was passiert. Diese Ereignisse werfen Matwij in riesige Konflikte: bleiben oder gehen? Seine Mutter, die in Basel lebt, will ihn bei sich wissen, zugleich sind seine Freunde in Cherson, hier ist sein Leben. Er will seiner Mutter gerecht werden, aber auch seinem Land. „Das ist für viele die große Diskussion in den vergangenen Jahren, soll man bleiben, was ist gefährlich oder soll man doch das Land verlassen?“ sagt Peter Kastenmüller.
Perspektiven finden
Aus welcher Perspektive kann das Stück erzählt werden, war eine wichtige Frage, die sich der Regisseur mit seinem Team stellte. „Was kann man glaubhaft auf die Bühne bringen aus der Schweiz mit seinen warmen Stuben?“ Als der Peter Kastenmüller dann Gespräche mit dem realen Matwij führte, wurde klar, dass dieser unbedingt an der Aufführung beteiligt sein sollte. „Wir wissen nicht, wo die Reise hingeht, aber ‚be part of the production“, war die Bitte Kastenmüllers. So spielt und filmt auch der echte Matwij auf der Bühne in Basel. Nahe Vergangenheit, die sich in der Fiktion des Stückes vermittelt, steht neben der aktuellen Gegenwart. Dass es dabei nicht um einen Versuch, Realität abzubilden geht, liegt auch am Stück selbst. Natalia Bloks Text hat eine ganz eigene Form: Well made Play, Tragikomödie mit viel Witz und Humor. „Das ist das Recht der Jugend mit Chuzpe Tabus zu brechen. Was darf man sagen, was darf man nicht sagen“, meint Peter Kastenmüller.

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