Architektur der 90er Jahre

Stuttgarter Straßenbahnhaltestellen der 90er-Jahre sind Kulturdenkmale

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AUTOR/IN
Sophia Volkhardt

Die 90er sind zurück und plötzlich wieder Kult. Nicht nur bei Klamotten, Musik oder Filmen lohnt es sich, nach knapp 30 Jahren wieder genauer hinzuschauen: Das Landesamt für Denkmalpflege hat drei Stuttgarter Straßenbahnhaltestellen als Kulturdenkmale ausgewiesen, um darauf aufmerksam zu machen, wie vielfältig das Planen und Bauen in den 1990er-Jahren war. Ein Jahrzehnt, das heute gerade in Bezug auf die Architektur oft noch mit Vorurteilen zu kämpfen hat.

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Haltestelle Pragsattel

Stuttgarter Straßenbahn AG (Foto: LAD im Regierungspräsidium Stuttgart - Imre Boros)
Haltestelle Pragsattel

Das Türkis springt den Fahrgästen an der Haltestelle Pragsattel sehr präsent entgegen. Die Farbe findet sich nicht nur an der aufwändigen Stahl-Glas-Konstruktion, sie wird auch mit einem Farbband, das in die Treppenaufgänge eingelassen ist, aufgegriffen – wie eine Intarsie.

Um die Haltestelle herum fließt der tosende Verkehr der Bundesstraße – eine mächtige Mauer aus Naturstein schluckt den Lärm. Es sollte eine repräsentative Haltestelle werden, erklärt Martin Hahn, Landeskonservator im Landesamt für Denkmalpflege 

Im Vorfeld der Internationalen Gartenschau erbaut

Die Haltestelle Pragsattel wurde 1990 im Vorfeld der Internationalen Gartenschau 1993 neu gebaut. Bis heute lässt die Stuttgarter Straßenbahnen AG immer wieder besondere Haltestellen von namenhaften Architekturbüros gestalten – den Pragsattel übernahmen damals die Architekten Siedler & Fränkel mit den Gartenarchitekten Miller.

Das Besondere: von den Lampen bis zum Fahrplanaushang ist alles individuell gestaltet. Und die Haltestelle zeigt – in den 90er ging es nicht nur praktisch zu.

Die bunte Haltestelle Rastatter Straße wird Legoland genannt

Stuttgarter Straßenbahn AG (Foto: LAD im Regierungspräsidium Stuttgart - Imre Boros)
Haltestelle Rastatter Straße

Aber auch die beiden anderen Haltestellen, die jüngst zu Kulturdenkmalen erklärt wurden, stehen repräsentativ für die Architektur und den Zeitgeist der 90er. So zeigt die Haltestelle „Rastatter Straße“ von 1992 in Stuttgart Weilimdorf zeigt sich das Spielerische der Zeit – fröhlich bunt – Legoland wird sie deshalb auch genannt.

Haltstelle Waldau thematisiert den Sport

Stuttgarter Straßenbahn AG (Foto: LAD im Regierungspräsidium Stuttgart - Imre Boros)
Kunst an der Haltestelle Waldau

„Und die dritte Station, die Waldau, die hat mit ihrem Membrandach so was Technoides“, sagt Martin Hahn. „Das spielt natürlich auf den Sport an, der auf der Waldau betrieben wird. Da gibt es dann auch diese tollen Grafiken von Sigfried Groß. Es ist alles auf den Sport hin konzipiert bei dieser Haltestelle“

Ausbau der Stadtbahn in die Trabantenstädte

Stuttgarter Straßenbahn AG (Foto: LAD im Regierungspräsidium Stuttgart - Imre Boros)
Haltestelle Waldau

Die 90er stehen aber auch für eine Zeit des Umbruchs – etwa wenn es um die Stadtplanung und die Idee vom städtischen Zusammenleben geht. Das zeigt der Ausbau der Stadtbahn raus in die abgelegenen Stadtteile, die sogenannten „Trabantenstädte“, wie Freiberg oder Fasanenhof, die in den 60ern und 70er nur für das Auto konzipiert wurden.

Was eint die Bauten der 90er, die Stuttgart bis heute prägen?

Dieses gründlich schwäbisch Solide – dass man es insofern krachen lässt und auf Qualität setzt – weil es ja auch ein Ausdruck von Sparsamkeit ist, wenn man was G’scheits hinstellt – dann hält es auch länger. Und durchaus was darzustellen – ein Charakteristikum der 90er, die ja schon auch die fetten Jahre der Republik sind.

Noch ist das Verhältnis vieler Architekten zu ihren 90er Jahre Bauten gespalten. Keiner will postmodern gebaut haben – und doch haben es viele getan.

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