TV-Geschichte

36 Jahre ALF im deutschen Fernsehen: Das macht die Serie zum Kulturgut

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Franziska Kiedaisch
Franziska Kiedaisch, Autorin und Redakteurin, SWR Kultur (Foto: SWR, Franziska Kiedaisch)

Haarig, frech und ganz schön chaotisch: Vor 36 Jahren – am 5. Januar 1988 – lief zum ersten Mal die Familiensitcom ALF im deutschen Fernsehen. Bis heute ist der zottelige Außerirdische ein fester Bestandteil der Popkultur. Wie hat er das geschafft?

Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago/United Archives)
Gefrässig, laut und etwas nachdenklich: ALF ist nicht nur der nervtötende Mitbewohner, sondern auch ein Fremder in der Welt der Menschen. Verdammt dazu, sich im Haus der Tanners vor den amerikanischen Behörden zu verstecken, kommt er auf allerhand skurrile Ideen und gefährliche Einfälle.

ALF ist Zeitgeschichte

Schulterpolster, Föhnfrisuren und längst vergessene Alltagsgegenstände: ALF ist ein Zeitdokument der amerikanischen Mittelstandsfamilie aus den späten 80ern und frühen 90er Jahre. Seien es Kreditkartenbestellungen, die zum Leidwesen von Familienvater Willie Tanner ohne Zwei-Wege-Authentifizierung noch via Festnetztelefonanruf funktionierten, wacklige Camcorder-Aufnahmen oder eine nicht animierte Hauptfigur, deren Raumschiff ganz ohne Special Effects in die Garage der Familie Tanner kracht: Die Sitcom ALF erzählt vieles über die Zeit.

Dass diese 80er-Jahre-Ästhetik auch in der Gegenwart anschlussfähig ist, zeigen etwa die Riesenerfolge der Netflix-Serien „Stranger Things“ und „Dark“.

Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago/Cinema Publishers Collection)
Fremd auf der Erde: Katzen gelten auf ALFs Heimat-Planeten Melmac als Delikatesse. Immer wieder versucht der Außerirdische deshalb den Familienkater Lucky zu verspeisen – ohne Erfolg. Bild in Detailansicht öffnen
Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago images/Mary Evans)
Familienporträt der Tanners: Willie (Max Wright), seine Frau Kate (Anne Schedeen), die Kinder Lynn (Andrea Elson) und Brian (Benji Gregory) und der Außerirdische Gordon Shumway, alias ALF. Bild in Detailansicht öffnen
Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago images / United Archives)
Seit 1986 in den USA, ab dem 5. Januar 1988 auch in Deutschland zu sehen: der haarige und krawallige Außerirdiche ALF. Insgesamt wurden 102 Episoden (vier Staffeln) der Kult-Serie ausgestrahlt. Bild in Detailansicht öffnen
Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago images/Everett Collection)
Genervte Blicke gehören zum Serienalltag dazu: sei es, weil ALF via Telefon Dinge bestellt, das Haus verwüstet oder Familie Tanner vor Freunden und Familie blamiert. Bild in Detailansicht öffnen
Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago images/Mary Evans)
ALF ist fester Teil der Familie Tanner und mischt sich gerne in die Liebes- und Stylingfragen von Tochter Lynn ein. Die Serie war für die Schauspielenden auch ein Fluch: viele fanden wegen der großen Bekanntheit von ALF im Anschluss kaum noch alternative Rollen. Andrea Elson, die Lynn verkörperte, betreibt heute in Kalifornien ein Yoga-Studio. Bild in Detailansicht öffnen
Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago images / United Archives)
Er ist neben Lynn ALFs engster Freund: Brian Tanner. Doch auch für den Kinder-Schauspieler Benji Gregory geht es nach dem Serien-Aus 1990 nicht lange weiter mit der Arbeit vor der Kamera. Gregory trat der US-Armee bei, studierte Kunst und ist heute als Immobilienmakler tätig. Bild in Detailansicht öffnen
Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago images / United Archives)
Nach dem abrupten Serien-Aus im Jahr 1990 entschied man sich 1996, einen Folgefilm zu drehen, der unter dem Titel „ALF – Der Film“ in die deutschen Kinos kam. Der Film floppte, auch, weil Familie Tanner nicht Teil des Films war. Bild in Detailansicht öffnen
Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago/BRIGANI-ART)
ALF erhält 1988 als beste Fernsehserie eine Goldene Kamera. Der deutsche Synchronsprecher Tommi Piper, der dem Außerirdischen sein unverkennbares Lachen gab, erzählte später, er habe sich auch den legendären Spruch „Null Problemo!“ ausgedacht. Bild in Detailansicht öffnen

ALF hat die Alltagskultur geprägt

Der beim Publikum beliebte außerirdische Dauergast hat schließlich selbst die Alltagskultur geprägt. Ein wahrer Merchandise-Hype brach in Folge der Ausstrahlung der Serie aus, die Kommerzialisierung der Figur ALF war dabei von Beginn an intendiert.

Seien es Radiowecker, Plüschfiguren zum Anklemmen, Zahnbürsten, Panini-Bücher, Give-Aways einer Fastfood-Kette, T-Shirts oder Tassen im ALF-Design: Viele der Gegenstände sind in den späten 80ern und frühen 90ern der Hit bei Anhängern der Serie – und heute teilweise teure Sammlerobjekte.

ALF ist Popkultur

Familiensitcoms treffen 1988 den Nerv der Zeit. Nach und nach erobern immer neue, lustige, auch sozialkritische und verrückte Familien-Konstallationen aus Amerika das deutsche Fernsehprogramm.

Ob die ewig zoffenden Bundys in „Eine schrecklich nette Familie“, der anstrengende Nachbarsjunge Urkel in „Alle unter einem Dach“ oder der schroffe Umgang mit Alltagsproblemen bei „Roseanne“: Sitcoms sind DIE Unterhaltungsform der Zeit und erfreuen sich seither großer Beliebtheit beim Fernsehpublikum.

Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago images/Mary Evans)
Die Serie trifft den Nerv der Zeit: Zwischen Lindenstraße, Traumschiff und der Schwarzwaldklinik mischt der Außerirdische Ende der 80er mit seinem krawalligen Naturell und den zotigen Sprüchen das biedere deutsche Unterhaltungsprogramm auf.

Gepaart mit dem großen Interesse an außerirdischem Leben – man denke nur an E.T., Predator oder die Alien-Filmreihe – wird klar, wie sehr ALF den Zeitgeist trifft. Zugleich ist er ein krawalliger, aber sympathischer Gegenentwurf zur deutschen Fernsehwelt, die bis dato eher ein Hort biederer Unterhaltungsformate wie der Lindenstraße, Forsthaus Falkenau und dem Traumschiff war. Comic- oder Buch-Adaptionen, eine eigene Zeichentrickserie, ALF-Songs und Filme sind Folgen des Hypes.

Die große Beliebtheit der Serie zeigt sich auch darin, dass das Ortsschild der Gemeinde Alf in Rheinland-Pfalz so oft gestohlen wird, bis der Ort beschließt, Schilder zum Verkauf anzubieten. Auch gibt es in etlichen anderen Serien Anspielungen und Gastauftritte des beliebten TV-Charakters: so etwa bei Matlock, den Simpsons oder Young Sheldon. Damit ist ALF selbst ein Stück Popkultur geworden.

ALF ist ein Kunstwerk

Alleine die Technik macht die Sendung auch in ästhetisch-künstlerischer Sicht zu einer Besonderheit der TV-Geschichte. Um die Figur mit der langen Rüsselnase und den Knopfaugen möglichst authentisch wirken zu lassen, kamen mehrere Film-Tricks zur Anwendung: Einerseits trug der Schauspieler Michu Meszaros für Ganzkörperaufnahmen ein ALF-Kostüm, andererseits spielten drei Puppenspieler die sitzende Figur – darunter der Erfinder der Serie Paul Fusco, der ALF im englischen Original auch seine Stimme gibt.

Um die Puppe durch das Set bewegen zu können, war der Boden mit Löchern übersät, wie Schauspielerin Anne Schedeen einmal in einem Interview berichtete. Immer wieder wurden die Dreharbeiten unterbrochen, damit die Puppe an Ort und Stelle gebracht werden konnte. Teilweise entstanden durch diese technischen Anforderungen Drehzeiten von bis zu 25 Stunden pro Episode. ALF ist damit ein Kunstwerk der Bühnentechnik.

Bild aus der Serie ALF (Foto: IMAGO, imago images/Mary Evans)
Willies Wutausbrüche wegen ALFs willkürlicher Aktionen sind wichtiger Bestandteil der Sitcom. Doch auch für die Schauspieler und Schauspielerinnen war ALF nervenaufreibend: Die aufwendige Bühnentechnik verzögerte die Dreharbeiten.

ALF ist ein zeitloser Klassiker

Auch wenn die Serie um den Außerirdischen Gordon Shumway bei manchem zotigen Spruch etwas aus der Zeit gefallen scheint, ist ALF ein zeitloser Klassiker, der seinesgleichen sucht.

Dass die zottelige Hauptfigur neben einer lustigen auch eine ernste und nachdenkliche Seite zeigt, die Familie und Freunde auf dem zerstörten Planeten Melmac vermisst und bei Familie Tanner Asyl bekommen hat, macht ALF zu mehr als nur guter Fernsehunterhaltung. Die Sitcom erzählt auch vom Ankommen in einer fremden Welt, von Heimweh und Migrationserfahrungen – und ist damit aktueller denn je.

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