Filmkritik

Kurze Beine und lange Nasen: Bastian Pastewka im ZDF-Film „Alles gelogen“

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Autor/in
Karsten Umlauf

Eine Notlüge kann einem manchmal aus der Patsche helfen. Was aber, wenn einer die Not zur Tugend erklärt? „Das Wichtige beim Bluffen ist, dass du selbst dran glaubst“ rät Hajo Siewers seinem Sohn. Als er versucht, mit dieser Taktik seinen Job zu retten, wird es chaotisch. Bastian Pastewka als liebenswerter Schwindler. Für die geistreichen Dialoge sorgt „Stromberg“-Autor Ralf Husmann.

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Lügen als Lebensweisheit

Als Autoverkäufer gehört das Flunkern für Hajo Siewers (Bastian Pastewka) quasi zur Jobbeschreibung. Auch zu Hause versucht er seinem Sohn beizubringen, dass es im Leben zugeht wie beim Pokern: ein kleiner Bluff hier, ein mittleres Luftschloss da, das kann einem selbst und sogar den Leuten, mit denen man zu tun hat, das Leben manchmal leichter machen.

Als der notorische Zuspät-Kommer Hajo aber kurz davor ist, seinen Job zu verlieren, fällt ihm spontan nur eine Geschichte ein, die für eine Notlüge doch ein bisschen zu groß ist. Seine Frau Vera (Katrin Wichmann) sei tot, erzählt er.

"Alles gelogen": Am Abend: Vera (Katrin Wichmann), Hajo (Bastian Pastewka) und Marvin Siewers (Arthur Gropp) laufen lächelnd nebeneinander über einen mit Lichterketten geschmückten Platz. Marvin schieb ein Fahrrad. Im Hintergrund steht ein beleuchteter Foodtruck.
Für Hajo Siewers (Bastian Pastewka) gehört Lügen zum Alltag. Für seine Frau Vera (Katrin Wichmann) und seinen Sohn Marvin (Arthur Gropp) ist das nicht immer einfach. Bild in Detailansicht öffnen
"Alles gelogen": Im Büro des Autohaus: Mit entschuldigendem Blick steht Hajo Siewers (Bastian Pastewka) an einer mit Essensresten verschmutzen Glasscheibe. Auch sein Mantel ist verschmutzt.
Als Hajo kurz davor steht, wegen ständigen Zuspätkommens im Autohaus entlassen zu werde ... Bild in Detailansicht öffnen
"Alles gelogen": Im Boxstudio: Vera (Katrin Wichmann) und Hajo Siewers (Bastian Pastewka) sitzen nebeneinander auf einer Bank und blicken nachdenklich in die Kamera. Neben Hajo liegen Boxhandschuhe.
... erzählt der notorische Lügner die wohl größte Lüge seines Lebens: seine Frau Vera sei gestorben. Bild in Detailansicht öffnen
"Alles gelogen": Im Büro des Autohauses: Kirsten (Pina Kühr) und Alexander Ludwig (Holger Stockhaus) stehen mit traurigem Blick nebeneinander.
Seine Kollegen Kirsten (Pina Kühr) und Alexander Ludwig (Holger Stockhaus) sind geschockt über die Nachricht von Vera Siewers' Unfalltod. Bild in Detailansicht öffnen
"Alles gelogen": Im Verkaufsraum: Zwischen den Autos stehen Maik Hölter (Niels Bruno Schmidt), Birgit Köhlmeier (Lina Beckmann), Hajo Siewers (Bastian Pastewka) und Alexander Ludwig (Holger Stockhaus) nebeneinander und blicken ernst in die Kamera.
Aber auch Siewers Kollegen aus dem Autohaus mischen mit im Lügenbusiness (von links): Mike Hölter (Niels Bruno Schmidt), Birgit Köhlmeier (Lina Beckmann), Hajo Siewers (Bastian Pastewka) und Alexander Ludwig (Holger Stockhaus). Bild in Detailansicht öffnen

Ganz große Komödie

Wie Bastian Pastewka als Hajo dabei fast die Gesichtszüge entgleisen als wäre er selbst überrascht was er sich da für eine Geschichte eingebrockt hat, das allein ist schon große Komödie. Weil er natürlich auch gegenüber seiner Frau nicht zugeben kann, dass er sie gerade quasi verbal umgebracht hat.  

Was sich anschließt, sind Ausflüchte und Halb- beziehungsweise Nichtwahrheiten, die sich immer weiter auftürmen. Was umso lustiger ist, weil nicht nur Hajos Sohn Marvin (Arthur Gropp), sondern auch die Kollegen aus dem Autohaus mitmischen im Lügenbusiness.

Alles ein riesiges Lügenkonstrukt

So hat jeder sein Süppchen am Köcheln, welches er oder sie aber nur ungern auslöffeln möchte: Bei seinem Chef sind es Verbindungen in die Kleimkriminellenszene, bei seiner Kollegin die Angst, vor der eigenen Mutter als Versagerin dazustehen.

 

"Alles gelogen": Vor dem Hauseingang: Arm in Arm stehen Birgit Köhlmeier (Lina Beckmann) und Hajo Siewers (Bastian Pastewka) an den Treppenstufen und lachen. Birgit hält einen in Papier gewickelten Blumenstrauß im Arm.
Birgit Köhlmeier (Lina Beckmann) will vor ihrer Mutter nicht als Versagerin dastehen und präsentiert stolz „ihren neuen Freund“ : Hajo Siewers (Bastian Pastewka).

Irgendwie haben zwar fast alle gute Absichten, aber weil sie sich gegenseitig nicht richtig oder nur halb zuhören, entsteht ein Chaos, das zwischendurch sogar ein bisschen gefährlich wird und erst ganz am Ende heilsam wirken kann.

Der Film besticht mit den geistreichen Dialogen von Ralf Husmann, einem gut ausgewählten Ensemble um Lina Beckmann oder Katrin Wichmann. Und einem Bastian Pastewka, dem man zu gerne zuschaut, wie er sich als liebenswerter Hochstapler um Kopf und Kragen quatscht und immer wieder den Moment verpasst, alles zuzugeben.

"Alles gelogen": Im Verkaufsraum: Hajo Siewers (Bastian Pastewka), Alexander Ludwig (Holger Stockhaus) und Maik Hölter (Niels Bruno Schmidt) stehen an der Empfangstheke und strecken lachend die Daumen in die Höhe. Birgit Köhlmeier (Lina Beckmann) sitzt vor ihnen und blickt lächelnd in die Kamera. Im Hintergrund stehen Autos.
Das ganze Team des Autohauses ist den Lügen nicht abgeneigt (von links): Alexander Ludwig (Holger Stockhaus), Mike Hölter (Niels Bruno Schmidt), Hajo Siewers (Bastian Pastewka) und Birgit Köhlmeier (Lina Beckmann).

Dass hinter aller Komik die Lebenslügen lauern, die die bürgerlichen Beziehungen umgeben – die Erwartungen an Familie, Beruf, Liebe, die man sich möglicherweise nicht eingesteht – das erzählt der Film gerne mit.

Immer im Bewusstsein: „Alles gelogen“ ist bis in den Titel nie die ganze Wahrheit und das macht den Film zu einem großen Vergnügen.

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