Bühne

Badisches Staatstheater Karlsruhe zeigt „Die schweigsame Frau“: Klangmalerei erster Güte

Stand
AUTOR/IN
Bernd Künzig

„Die schweigsame Frau“ will der alte Seebär Morosus in Richard Strauss‘ und Stefan Zweigs Oper heiraten, damit er seine Ruhe hat. 1935 in Dresden uraufgeführt, wurde das Werk mit Libretto eines jüdischen Autors rasch von den Nazis verboten und gehört bis heute zu den vernachlässigten Werken der Operngeschichte. Das Badische Staatstheater in Karlsruhe bringt es nun auf die Bühne.

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„Die schweigsame Frau“ entpuppt sich als keifende Opern-Xanthippe

Die Hölle, das sind die Anderen für den lärmempfindlichen und pflegebedürftigen Seeadmiral Sir Morosus. Als sein geliebter Neffe Henry der Juristerei Ade sagt und ausgerechnet als Tenor zu einer Operntruppe wechselt, ist die Empörung des Onkels groß.

Der junge Verwandte wird enterbt und der Onkel will den Lebensabend mit einer schweigsamen Frau verbringen. Um Morosus zur Vernunft zu bringen, starten der Neffe und der Barbier als Pflegekraft eine tönende Höllenmaschine als brachiale Rosskur, um ihn von Musikfeindlichkeit und Grantlertum zu heilen.

Dem Bräutigam wird Henrys Sängerinnengattin Aminta für eine Scheinehe untergeschoben. Sie entpuppt sich als alles andere als schweigsam und geriert sich als keifende Opern-Xanthippe. Die Musiktruppe rückt Morosus mit ihrem Umerziehungsprogramm als lärmendes Böses zu Leibe und treibt ihn in den Nervenzusammenbruch.

Danae Kontora, Friedemann Röhlig (Foto: Pressestelle, Felix Grünschloß)
Stimmliches Ereignis der Spitzenklasse: Danae Kontora als Aminta überzeugt mit einem vokalen Dauerfeuerwerk, ebenso wie der stimmgewaltige Friedemann Röhlig als Morosus.

Mariame Clément inszeniert eine selbstironische Oper über die Oper

Richard Strauss‘ und Stefan Zweigs „Die schweigsame Frau“ inszeniert Mariame Clément am Badischen Staatstheater in Karlsruhe als selbstironische Oper über die Oper mit filmischer Raffinesse.

Auf der Cinemascope-Bühne von Julia Hansen wird wunderbar zwischen den drei nebeneinander liegenden Räumen hin und her geschnitten. Links das Schlafzimmer, in der Mitte der Wohnsalon. Rechts hat sich die Operntruppe eingenistet. Dort lässt sich dem Making Off durch Umkleiden, Rollenüben, Koordinieren und Handlungsvorbereitung zusehen, während in der Mitte das eigentliche Geschehen der Folter durch Gesang abläuft, inklusive kreischendem Papagei, der hier mit einer Travestieshow als bunter Paradiesvogel in Erscheinung tritt.

Friedemann Röhlig, Danae Kontora, Opernensemble (Foto: Pressestelle, Felix Grünschloß)
Spannendes Bühnenbild: Auf der einen Seite der Wohnsalon, rechts daneben hat sich die Operntruppe eingenistet.

Die durch musikalische Collage- und Zitattechnik in die Moderne geholte Komödie aus dem elisabethanischen Zeitalter hat die Regisseurin als Generationenkonflikt im Hier und Jetzt mit überbordender Spiellust verankert. Da wird die Nachbarschaft mit dem Mobiltelefon zur Hochzeitsfeier eingeladen und die Kostümierung bedient sich beim nächstgelegenen Vintage-Laden.

Friedemann Röhlig gibt den Morosus als Paraderolle stimmmächtig mit einer fabelhaften Tiefe, polternd und doch mitleiderregend, wenn der Zusammenbruch naht. Die finale Erlösung durch Aufklärung der grotesken Komödie singt er mit berührender Wärme.

Die Aminta spielt Danae Kontora mit androgynem Charme, bevor sie sich in eine rasende Megäre im Blümchenkostüm wandelt. Die fragile körperliche Erscheinung verblüfft umso mehr durch die souveräne Bewältigung der extremen Spitzentöne. Mit einem vokalen Dauerfeuerwerk schwingt sie sich mühelos in die luftigen Höhen bis zum hohen D. Ein stimmliches Ereignis der Spitzenklasse.

Opernensemble (Foto: Pressestelle, Felix Grünschloß)
Bitte recht freundlich! Die Karlsruher Inszenierung holt die Komödie aus dem elisabethanischen Zeitalter ins Hier und Jetzt.

Hinreißendes Ensemble des Badischen Staatstheaters

Als musikalische Komödie ist die „Schweigsame Frau“ vor allem eine Ensembleoper. Und dieses Ensemble des Badischen Staatstheaters ist schlicht und ergreifend hinreißend. Es fehlt die Zeit, um alle tollen Leistungen aufzuführen, allein Tomohoro Takada als Barbier und Renatus Mészar als Operndirektor Vanuzzi sind großartig. 

Strauss‘ selten gespielte Oper ist eine Herzensangelegenheit von Georg Fritzsch am Pult der exzellent vorbereiteten Badischen Staatskapelle. Er entfaltet Klangmalerei erster Güte.

Die komplexen Stimmführungen sind mit transparenter Souveränität umgesetzt. Die sinnvollen Kürzungen der überreichen Partitur führen zu einem vitalen Opernabend. Dem Fazit von Sir Morosus, wonach die Musik zwar schön sei, aber am schönsten, wenn sie vorbei ist, will man bei dieser gelungenen Rehabilitation eines unterschätzten Werks nicht zustimmen. Play it again.

 

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Bernd Künzig