Am 7. Dezember 2022 wurde Heinrich XIII. Prinz Reuß im Rahmen einer bundesweiten Razzia verhaftet. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. (Foto: picture alliance / Boris Roessler)

Pläne der "Patriotischen Union"

ARD-Recherche: Blick in den inneren Kreis der "Reichsbürger"-Gruppe um Prinz Reuß

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Theo Heyen
Thomas Reutter

Sie planten laut Generalbundesanwalt einen Sturm auf den Reichstag, um die Regierung gewaltsam zu stürzen: die "Reichsbürger"-Truppe "Patriotische Union" um Prinz Reuß. Eine ARD-Doku blickt nun in den inneren Zirkel der Gruppe, in dem die Todesstrafe für Verräter vorgesehen war.

Es war einer der größten Anti-Terroreinsätze der deutschen Nachkriegsgeschichte: Vor einem Jahr, am 7. Dezember 2022, wurden bundesweit 162 Objekte durchsucht und 25 Personen festgenommen. Unter ihnen der Unternehmer Heinrich XIII. Prinz Reuß. Die Behörden gehen davon aus, dass er der Kopf einer terroristischen Vereinigung ist, die einen Staatsstreich plante und den Reichstag stürmen wollte.

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Die ARD Story hatte Einsicht in einen bislang unbekannten Brief, in dem Reuß einem Vertrauten im März 2022 schreibt:

Es wird für die Zeit der bevorstehenden Wende eine Übergangsregierung benötigt. Diese steht.

Wie sollte diese "Wende" aussehen und wie gefährlich war die Truppe? Dieser Frage sind die Macher der ARD-Dokumentation "Schattenreich - die Umsturzpläne der Reichsbürger" nachgegangen.

"Schattenreich - die Umsturzpläne der Reichsbürger" - schon vor der TV-Ausstrahlung in der ARD Mediathek ansehen.

Ein Prinz als Terroristen-Chef?

Da ist Heinrich XIII. Prinz Reuß. Er ist ein deutscher Adliger und Immobilienunternehmer; 72 Jahre alt. Seit einem Jahr sitzt er in Untersuchungshaft. Wegen des laufenden Verfahrens schweigen auch die Ermittlungsbehörden noch zu den Einzelheiten. Laut Generalbundesanwalt hat Reuß gemeinsam mit rund 70 weiteren Beschuldigten einen Umsturz in Deutschland geplant. Das mutmaßliche Ziel: die Zerschlagung der Rechtsordnung und der staatlichen Strukturen in Deutschland.

Das Jagdschloss “Waidmannsheil” im thüringischen Bad Lobenstein. Wurde hier ein Staatsstreich geplant? (Foto: SWR)
Das Jagdschloss "Waidmannsheil" im thüringischen Bad Lobenstein. Wurde hier ein Staatsstreich geplant?

Ein Jagdschloss in Thüringen als Treffpunkt

Mit seinen Gefolgsleuten hat sich Reuß vor allem im Jagdschloss "Waidmannsheil" im thüringischen Bad Lobenstein getroffen. Das Gelände sei für die Öffentlichkeit tabu gewesen, berichtet Peter Hagen, Redakteur der "Ostthüringer Zeitung". Vor einem Jahr wurde es im Rahmen der bundesweiten Razzia gegen Reuß und seine mutmaßlichen Unterstützerinnen und Unterstützer durchsucht.

Die Pläne des Prinzen - eine reale Bedrohung?

Sind die Umsturzpläne die Phantasien eines nicht ernst zu nehmenden Rentnerclubs, wie es "alternative Medien" und AfD-Politikerinnen und -Politiker schnell behauptet haben. Oder eine reale Bedrohung? Immerhin wurden bei der bundesweiten Razzia hunderte Waffen, Munition, Ausrüstungsgegenstände und große Mengen Geld beschlagnahmt.

Der Rechtsextremismusforscher Professor Matthias Quent an der Hochschule Magdeburg-Stendal kennt die Reichsbürgerszene: "Wenn diese Gruppe erfolgreich gewesen wäre, ihren Plan umzusetzen, wäre das ein Signal gewesen an militante, gewaltbereite Netzwerke und Gruppen im ganzen Land, dass es jetzt losgeht", so Quent. "Man hätte damit rechnen können, dass es zu Entführungen, vielleicht sogar Ermordungen, zu Erstürmungen öffentlicher Orte kommt, zu einer erheblichen Gefährdung für die öffentliche Sicherheit und nicht zuletzt hätte es die Demokratie nachhaltig beschädigt."

Weitere Mitbeschuldigte um Prinz Reuß sitzen ebenfalls in Untersuchungshaft. Nicht aber der Mann, dem Reuß im März 2022 einen Brief mit der Information zu einer angeblich bereitstehenden Übergangsregierung geschrieben hat: Matthes Haug.

Die Rolle des Matthes Haug

Haug wohnt in Baden-Württemberg und war Reuß‘ Gast auf Schloss "Waidmannsheil". Dort hat Haug nach eigenen Angaben über das Deutsche Reich referiert, über dessen angebliches Fortbestehen er auch ein Buch geschrieben hat. Titel: "Das Deutsche Reich 1871 bis heute".

Von Reuß‘ Umsturzplänen habe er nichts gewusst, behauptet Haug gegenüber der ARD. Er sei "naiv" und das mit der "Wende" und der "Übergangsregierung" habe er im Brief überlesen.

Der bekannte "Reichsbürger"-Vordenker Matthes Haug war zu Gast bei Prinz Reuß. (Foto: SWR)
Der bekannte "Reichsbürger"-Vordenker Matthes Haug war zu Gast bei Prinz Reuß.

Matthes Haug - in der Reichsbürger-Szene bekannt

Der Politikwissenschaftler Jan Rathje vom CeMAS, Center für Monitoring, Analyse und Strategie, nimmt Haug das nicht ab. "Ich würde schon davon ausgehen, dass seine Naivität vorgespielt ist als Teil einer Verteidigungsstrategie", so Rathje. "Sich selbst verharmlosen - das kennen wir aus dem Milieu von 'Reichsbürgern'. Dort ist es eine gängige Strategie, um das eigene Gefahrenpotential herunterzuspielen, wenn staatliche Behörden aufmerksam werden".

Eine bekannte Figur in der "Reichsbürger"-Szene

Matthes Haug ist unter sogenannten Reichsbürgern ein gefragter Redner. Im Sommer spricht er bei einer Veranstaltung in Magdeburg - und sagt unverhohlen, was ihm vorschwebt:

Mein Land, mein Staat ist das Deutsche Reich von 1871.

"Alles andere ist draufgesetzt als Firma, als Privatkonglomerat. Das ist kein Zustand mehr für Deutschland", so Haug. "Das können wir uns nicht mehr bieten lassen. Wir sind rechtlos. Wir sind im Prinzip staatenlos. Wir haben Partisanenzustand", sagte er in Magdeburg.

Im Rahmen der bundesweiten Razzia am 7. Dezember 2022 wurde Haug verhaftet, dann aber wieder freigelassen. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft noch.

Mitglieder mit KSK-Bezug

Die ARD-Recherchen zur Gruppierung um Reuß zeigen: Die Pläne der mutmaßlichen Terroristen waren anscheinend sehr konkret. Sie führten den Ermittlungen zufolge beispielsweise konspirative Schießübungen durch. Drei Mitglieder des Führungszirkels waren bei der Bundeswehr und haben einen Bezug zum Kommando Spezialkräfte - der Eliteeinheit der Bundeswehr mit Sitz im baden-württembergischen Calw.

Das Kommando Spezialkräfte ist wegen rechtsextremer Verdachtsfälle und verschwundener Waffen und Munition seit Jahren im Fokus der Sicherheitsbehörden.

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Thomas Reutter