Polizisten nach der Amokfahrt in Trier am 1.Dezember 2020.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Nach der Amokfahrt in Trier

Wie Polizisten die Trierer Amokfahrt verarbeitet haben

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Ludger Peters

Nach der Amokfahrt sind immer noch viele Menschen in psychologischer Betreuung. Auch Polizeibeamte. Der Trierer Polizeipräsident Friedel Durben erzählt im SWR-Interview, wie die Beamten damit umgehen.

SWR Aktuell: Wie haben die Beamten, die an diesem 1.12.2020 im Einsatz waren, den Tag erlebt?

Friedel Durben: Das war für einige unserer Kollegen zunächst nichts anders als für andere Menschen. Da war gerade Mittagspause und einige Kollegen waren daher selber in der Fußgängerzone unterwegs. Die nutzten die Mittagspause, einen Kaffee zu trinken oder frische Luft zu schnappen. Viele waren da vor der Amokfahrt unterwegs, haben andere getroffen. Und da hat jeder gehofft, dass keiner der Schwerverletzten oder Toten jetzt ein Kollege ist.

"Viele der Trierer Polizisten leben hier, kennen Menschen die verletzt wurden, kennen die Opfer und deren Angehörige. Das bringt dann eine ganz persönliche Betroffenheit der Trierer Kollegen mit sich."

Polizeipräsdent von Trier Friedel Durben sagt, dass einige der Polizisten, die am Tag der Trierer Amokfahrt im Einsatz waren professionelle Hilfe brauchen um das Erlebte zu verarbeiten (Foto: SWR)
Triers Polizeipräsident Friedel Durben war zum Zeitpunkt der Amofahrt noch Präsident der Landespolizeischule am Flughafen Hahn. Er hat mit vielen Polizisten über das, was am 1.12.2020 passiert ist, gesprochen. Da die Polizisten selber als Zeugen in der Verhandlung gegen den Amokfahrer auftreten, spricht er an ihrer Stelle.

SWR Aktuell: Wie war denn die Situation für die Beamten, die im Einsatz waren und zuerst in der Fußgängerzone ankamen nach dem Notruf?

Durben: So wie die Beamten mir das berichtet haben, war in der Fußgängerzone ein unbeschreibliches Chaos. Man konnte auf die Schnelle gar nicht richtig verstehen, was hier passiert ist. Die Beamten haben schreiende Menschen angetroffen. Da lagen Verletzte in der Fußgängerzone. Viele der Warenkörbe, die vor den Geschäften standen, waren umgefahren worden. Alles lag wüst herum. Die Kollegen mussten sich erstmal sortieren.


Irgendwann war klar: einige müssen den Verletzten helfen. Andere sollen den Täter ausfindig machen und ihn stellen. Und die treffen dann auf Menschen, die um Hilfe bitten. Aber sie können nur einer Aufgabe nachkommen. Und das war dann eine besondere Herausforderung für die Kollegen, ihren Auftrag wahrzunehmen.

"Die Beamten haben schnell Struktur in den Einsatz gebracht. Opfer versorgt. Den Täter festgenommen. Und das bei einem 800 Meter langen Tatort. Sie haben schnell gearbeitet. Und sie sagen heute: das war eine Gemeinschaftsleistung von allen. Rettungskräfte, Verwaltung, Passanten und eben die Polizei. Hand in Hand"

SWR Aktuell: Können sie die Polizisten auf eine solche Katastrophe überhaupt vorbereiten?

Durben: Das ist natürlich Thema in der Ausbildung. Aber es gab vor der Amokfahrt tatsächlich eine Übung, die sich mit so etwas beschäftigt hat. Aber wenn dann so etwas passiert, ist es immer eine persönliche Erfahrung, die man so vorher ja nie hatte. Übrigens auch für die Polizisten, die jetzt zur Ermittlungsgruppe gehören, aber an dem Tag nicht vor Ort waren. Auch für die ist das schlimm. Wenn sie zum Beispiel an die ganzen Handyvideos denken, die an dem Tag in der Fußgängerzone gedreht wurden und ausgewertet werden mussten.

"Wir haben Kollegen, die traumatisiert sind. Kollegen, die professionelle Hilfe hier bei unseren Polizeipsychologen oder den Seelsorgern annehmen. Es gibt aber auch Polizisten, die stationär oder therapeutisch behandelt werden."

Wenn die Kollegen dann solche schlimmen Bilder im Kopf haben und sie das quält, wissen sie, dass das normal ist. Das ist so, wenn man so etwas Unmenschliches erlebt hat. Darauf wurden sie vorbereitet. Und die Beamten wissen, dass sie sich dann ernsthaft damit auseinandersetzen müssen und professionelle Unterstützung benötigen.

SWR Aktuell: Viele Kollegen sind ja wieder im Einsatz. Und auch die kommen ja an den Stellen in der Fußgängerzone vorbei, an denen Menschen gestorben sind. Wie kommen sie damit klar?

Durben: Die Bilder kommen natürlich immer wieder hoch. Das haben mir die Kollegen auch gesagt. Aber eine wichtige Botschaft der Kollegen ist auch, dass sie sich nicht als Opfer sehen. Das müssen wir trennen.

Sie wissen, dass sie in solchen Situationen ihren Mann und ihre Frau stehen müssen. Und sie wissen, dass man die Erfahrungen verarbeiten muss und auch Hilfe braucht. Aber die Opfer sind die fünf Menschen, die bei der Tat ums Leben gekommen sind. Und es sind die 30 Menschen, die sehr schwer verletzt wurden. Darunter auch ein pensionierter Kollege aus Prüm.

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