Immer mehr junge Menschen sind durch Inflation und Preissteigerungen von Armut bedroht. (Foto: SWR)

Betroffene erzählt

Wie die Inflation junge Menschen aus Trier in die Armut treibt

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Lena Bathge
Lena Bathge ist multimediale Reporterin im SWR Studio Trier (Foto: Lena Bathge )

Strom, Gas, Essen - alles wird teurer. Für viele Menschen wird das ein immer größeres Problem. Auch junge Leute rutschen zunehmend in Armut ab. Wir sprechen mit einer Betroffenen.

Das Café Haltepunkt für Frauen in Not liegt in einer ruhigen Seitenstraße nahe der Innenstadt von Trier. Ein grün-gelbes Schild, das an Bus- und Bahnhaltestellen, an einen Ort des Ankommens also, erinnern soll, weist den Weg zum Eingang. Hier wartet Anna Seiboldt (Name geändert) auf mich. Sie ist 24 Jahre alt, hat dunkelbraunes Haar und ist etwas nervös angesichts unseres Interviews.

Seit dem Frühjahr 2022 nimmt Anna die Hilfe des Sozialdienstes katholischer Frauen, SkF, in Trier in Anspruch. Vorher hat sie in der Pflege gearbeitet, auch eine Ausbildung stand im Raum. "Aber die Atmosphäre war so schlecht, der Arbeitsdruck so hoch, dass ich gemerkt habe, ich kann das einfach nicht", erzählt sie. Sie muss sich arbeitslos melden. Doch damit nicht genug: "Solange wie ich noch sagen konnte, ich mache diese Ausbildung, habe ich bei der Wohnungssuche auch Antworten bekommen. Doch als das nicht mehr der Fall war, habe ich kaum noch Rückmeldungen bekommen."

Zuerst bei Freunden auf der Couch, dann in der Notschlafstelle

Finanzielle Rücklagen hat Anna keine, das Gehalt in der Pflege reichte zum Leben aus, aber nicht zum Sparen. Mit dem Regelsatz des Arbeitslosengeld II ist das nicht besser geworden. Anna steht ohne Arbeit und ohne Wohnung da. Sie schläft zunächst auf der Couch bei Freunden, kommt dann in die Notschlafstelle für Frauen in Trier. Und sie ist damit nicht allein, sagt Regina Bergmann, Geschäftsführerin des SkF, der die Notunterkunft betreibt.

Es kommen nicht nur mehr, sondern auch andere Menschen in die Beratung

Durch die enormen Preissteigerungen der letzten Monate kämen nun auch immer mehr Menschen in finanzielle Bedrängnis, die vorher gut mit ihrem Geld ausgekommen seien. "Das sind viele junge Menschen, Studierende und Azubis", erzählt Bergmann.

"Wohnungsverlust ist bei jungen Menschen ein Riesenthema geworden."

Das Geld sei bei den aktuellen Preisen einfach zu knapp, um über den Monat zu kommen. "Viele fragen auch nach Lebensmittelhilfen, aber natürlich sind auch da die Kapazitäten begrenzt", fügt Bergmann mit Bedauern hinzu. Anna kennt diese Situation nur zu gut: "Ich war total geschockt, dass die Preise so schnell hoch gegangen sind. Ich dachte, dass kommt schleichend. Stattdessen hat die Flasche Öl von einem Tag auf den anderen plötzlich drei Euro mehr gekostet."

Wie viel Geld bleibt für Essen übrig?

Anna nutzt inzwischen eine App, um herauszufinden, welche Supermärkte und Discounter gerade Lebensmittel im Angebot haben, und kauft nur noch dort ein. "Aber um manche Sachen kommt man einfach nicht herum. Das erschwert die ganze Lebenssituation, vor allem, wenn man sich noch einigermaßen gesund und ausgewogen ernähren will." Nur weil Hamburger und Pommes günstiger seien, wolle sie sich nicht davon ernähren.

"Ich esse im Moment nicht so viel, weil ich lieber weniger und dafür gesund esse, als irgendwelchen Mist."

Tagsüber von neun Uhr morgens bis 19 Uhr abends muss Anna das Café Haltepunkt verlassen und sich in dieser Zeit mit Lebensmitteln verpflegen. Auch weil sie im Café Haltepunkt nach wie vor nicht kochen darf. Grund dafür sind noch immer bestehende Corona-Einschränkungen. Jede Mahlzeit, die sie nicht selbst kochen kann, geht zusätzlich ins Geld. Trotzdem macht sie den Mitarbeitern dort deshalb keine Vorwürfe. Sie weiß, dass die aktuellen Entwicklungen auch den Sozialdienst der katholischen Frauen vor große Herausforderungen stellen.

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Sozialberatung am Limit

500 bis 600 Menschen pro Jahr hätten das Beratungsangebot des SkF in den Jahren vor der Coronapandemie wahrgenommen, erklärt Geschäftsführerin Regina Bergmann. Oft wurden diese Menschen aufgrund der Komplexität der Probleme auch über einen längeren Zeitraum betreut. Mit Beginn der Pandemie stieg diese Zahl bereits auf 1.000 Menschen pro Jahr an. "Das war alles noch stemmbar, weil vieles telefonisch und online ablief", erklärt Regina Bergmann, Geschäftsführerin des SkF.

"Aber jetzt sehen wir nochmal einen Anstieg von mehr als zehn Prozent und es hört nicht auf." Mit nur drei Personen in der Sozialberatung sei bei dieser Menge an Personen keine angemessene Beratung mehr möglich. Auch die persönlichen Grenzen der Mitarbeiter seien nun erreicht, so Bergmann. Sie sieht aber noch ein anderes Problem: "Wir erleben hier gerade eine Verschiebung unserer Zielgruppe. Wir haben uns vorher vor allem um Menschen gekümmert, deren finanzielle Lage ohnehin schon angespannt war, also vor allem Sozialhilfeempfänger, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund."

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Randgruppen könnten noch weiter abgedrängt werden

Das hat sich verändert, meint Bergmann: "Inzwischen kommen Menschen zu uns, die einen viel höheren Bildungsstandard und dadurch besseren Zugang zu Ressourcen haben. Natürlich können die sich viel besser Hilfe verschaffen", meint Bergmann. Das würde aber die Kapazitäten der Mitarbeiter am Telefon oder online binden, während Menschen, die es vorzögen, persönlich vorbei zu kommen, dann keinen Ansprechpartner mehr fänden. "Da fehlt dann zum Beispiel, ein guter Internetzugang oder die Person telefoniert nicht gern, weil sie zum Beispiel eine Sprachbarriere überwinden muss", erklärt Bergmann. Das könnte gravierende Folgen haben.

"Wir marginalisieren Menschen, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft existieren, immer weiter und schaffen dadurch neue Ränder."

Darin sieht sie nicht nur ein Problem für den Sozialdienst katholischer Frauen, sondern auch für die Allgemeinheit. "Wir machen uns Sorgen um den sozialen Frieden in der Gesellschaft. Diese Gruppen werden irgendwann nicht mehr ruhig bleiben. Und spätestens im Winter, wenn die Wohnungen kalt bleiben, wird sich das auf die eine oder andere Art entladen."

Anna: "Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen."

Umso wichtiger sei es, findet auch Anna, sich in einer Notlage schon frühzeitig Hilfe zu holen. "Ich finde man sollte sich nicht schämen, Hilfe anzunehmen. Je früher man Hilfe annimmt, desto besser", sagt sie und ist überzeugt: "Dann kann man Probleme, die sich nur vermehren würden, von Anfang an vermeiden und viel schneller wieder auf eigene Beine kommen."

Sie hat aber auch gemerkt, dass Menschen wie sie leicht übersehen werden. "Die Leute haben einfach ein gewisses Bild im Kopf, wie Obdachlose aussehen. Oft sind das Vorurteile, wie Alkohol- und Drogenkonsum. Und wenn man dem nicht entspricht, sehen die Leute nicht, dass wir auch Hilfe benötigen und denken, wir haben einen Job, einen geregelten Alltag." Das mache es schwieriger, die Hilfe zu bekommen, die man braucht.

Erste Schritte in Richtung Zukunft

Wieder auf eigenen Beinen stehen, das will Anna und zwar schon möglichst bald. Am liebsten als Grafik- oder Webdesignerin. "Ich male gerne, mache digitale Kunst und habe mir selbst das Programmieren beigebracht", erzählt sie. Dieses Hobby würde sie gern zum Beruf machen.

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