Montage einer Photovoltaikanlage an einem Einfamilienhaus (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / CHROMORANGE | CHROMORANGE)

Photovoltaik: Geprellte Kunden, Unseriöse Firmen

Immer mehr Abzocke mit Solaranlagen auch in RLP

Stand

Betrug bei Solaranlagen: Immer mehr Hausbesitzer in Rheinland-Pfalz erstatten Anzeige - wegen nicht erbrachter Leistungen. Eine Recherche von REPORT MAINZ.

Geld überwiesen und nur vertröstet

Jascha Wiechelt aus Essenheim bei Mainz hat derzeit keine Freude: Denn obwohl er fast 200.000 Euro für eine Photovoltaikanlage ausgegeben habe, liege auf dem Dach bis heute kein einziges Modul. Bestellt hat er bei der Firma Einstein Kompetenzzentrum.

Wir hatten das Geld überwiesen und wurden von da an eigentlich nur noch vertröstet.

Unseriöse Firma nur schwer durchschaubar

Immer wieder seien Termine vereinbart und nicht eingehalten worden, erzählt Wiechelt. Irgendwann habe er aufgegeben und den Anwalt eingeschaltet.  

"Das ist auch was, wo man sich natürlich auch über sich selber ärgert, weil wir denen ja auch auf den Leim gegangen sind. Das sind Menschenfänger, die haben das wirklich gut gemacht, diese Präsentation, das war hochprofessionell, glaubwürdig. Das war schwierig zu durchschauen. Ich glaube, ich würde da wieder drauf reinfallen." Schwere Vorwürfe, die Jascha Wiechelt erhebt, doch er ist nicht der einzige.

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Nach mehreren Jahren noch immer keine Eigennutzung

Auch Thomas Hanna und seine Mutter im pfälzischen Grünstadt gehören zu den Einsteinkunden und haben rund 200.000 Euro für spezielle Solar-Dach-Ziegel an das Unternehmen bezahlt. Mehrere Jahre ist das nun her. Montiert sind die hochpreisigen Ziegel mittlerweile, doch mit dem Anschluss der Elektrik hapert es weiterhin. 

Mittlerweile liefert die Anlage zwar Strom, doch der wird lediglich ins öffentliche Netz eingespeist - für eine minimale Entschädigung. Für den Eigenverbrauch können die Hannas die Anlage bis heute aus technischen Gründen nicht nutzen.  

17 weitere Betroffene fühlen sich von Firma betrogen

REPORT MAINZ findet weitere Betroffene. 17 Familien fühlen sich von Einstein betrogen. Ihr Vorwurf: Insgesamt seien bei ihnen rund 2 Millionen Euro an Leistungen nicht erbracht worden. Trotz mehrfachen Nachfragens bei der Firma kommt keine Antwort.

Auf der Webseite wurde bis vor kurzem um neue Kunden geworben. Mittlerweile hat die Firma Insolvenz angemeldet und die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die ursprüngliche Webseite ist vom Netz. Doch man findet eine neue Firma mit ähnlichem Namen und gleichem Firmensitz. 

Die Märkte sie sind zu heiß, die sind vollkommen überhitzt. Und deshalb entstehen solche Lagen. Dann kommen Nichtskönner auf den Markt, Pfuscher. Ganz klar. Und es kommen natürlich auch grenzwertige Firmen auf den Markt, die Kasse machen wollen.

Gutachter: Vorkommnisse keine Einzelfälle

Solche Vorkommnisse wie bei der Firma Einstein seien keine Einzelfälle, sagt Holger Laudeley. Er ist Gutachter für Photovoltaikanlagen und wird bei Rechtsstreitigkeiten beauftragt. Der Markt sei derzeit eine Goldgrube und locke viele dubiose und unqualifizierte Firmen an. 

"Wenn ich das erlebe, wie da gearbeitet wird, wie da gepfuscht wird. Es werden ja eklatante Grundregeln der Handwerkskunst außer Acht gelassen. Es werden eklatante Grundregeln der Elektrotechnik außer Acht gelassen. Heute darf jeder eine Photovoltaikanlage bauen, der irgendwie sich auf dem Dach festhalten kann. Und da müssen Regeln her." 

Beim Bundeswirtschaftsministerium heißt es, für den Verkauf von Photovoltaikanlagen seien "keine Qualifizierungsanforderungen bekannt". Bei der Errichtung von Anlagen seien "die allgemein anerkannten Regeln der Technik zu beachten".  

Anlagen können aufgrund von Mängeln nicht in Betrieb gehen

Für Experten der Branche ist das nicht ausreichend, denn der Bedarf an Photovoltaik-Anlagen ist immens. Es scheint, als gebe es gar einen Solarrausch, getrieben von der Bundesregierung und den Ländern, um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen. Über 80 Prozent des Stromverbrauchs soll 2030 aus erneuerbaren Energien kommen. Ein Großteil von Photovoltaikanlagen.  

Sebastian Maier, Aufsichtsratsvorsitzender der Netzbetreiber ODR GmbH, sagt: "Wir haben aktuell so circa zehn Prozent der Anlagen, die wir einfach nicht in Betrieb nehmen können, weil sie technisch nicht so ausgestaltet sind, wie es unsere technischen Anschlussbedingungen fordern."

Auch in anderen Bundesländern gibt es Probleme

Auch in Nordrhein-Westfalen finden sich weitere Fälle. Hat die Solar-Branche deutschlandweit ein Problem? Bei den verschiedenen Landeskriminalämtern heißt es meistens, genaue Zahlen gäbe es nicht, jedoch stelle man fest: "Die in der Bevölkerung aufkommende Sorge um die Energieversorgung werde von Täterseite offensichtlich ausgenutzt", so das LKA Nordrhein-Westfalen. 

Auch Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale in Baden-Württemberg sieht massive Probleme bei den derzeitigen Angeboten von Photovoltaikanlagen: "Die Märkte sie sind zu heiß, die sind vollkommen überhitzt. Und deshalb entstehen solche Lagen. Dann kommen Nichtskönner auf den Markt, Pfuscher. Ganz klar. Und es kommen natürlich auch grenzwertige Firmen auf den Markt, die Kasse machen wollen."

Laudeley: Scheint, Politik wisse nicht wirklich was sie tue

Die Solarpflicht habe das Problem verschärft. Sieben Bundesländer haben inzwischen eine solche Pflicht für Wohngebäude beschlossen, die je nach Bundesland bereits gilt, oder noch eintritt. Meist gilt: Wird dann ein Wohnhaus neu gebaut oder das Dach grundlegend saniert, muss auch eine Solaranlage installiert werden.  

Experte Laudeley spricht insgesamt von unerträglichen Zuständen. Ende des Jahres will er seinen Gutachter-Job an den Nagel hängen. 

"Ich habe den Eindruck, dass die Politik nicht wirklich weiß, was sie da tut. Und man will jetzt mit aller Macht die Energiewende durchführen, obwohl man die Arbeitskräfte nicht hat, obwohl man den nötigen Durchblick nicht hat. Wir sollen eine Fotovoltaik-Pflicht machen, aber keiner sagt uns, wie wir es machen sollen in vernünftiger Qualität", so Laudeley.

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SWR