Zwei Hände über einer hell leuchtenden Kristallkugel - das sagt Mathematiker Michael Kunkel aus Mainz zu Wahrsagerei (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / PantherMedia | Andrey Popov)

Was von Prophezeiungen übrig bleibt

Der Prognosechecker - So zerlegt Mainzer Mathematiker die Wahrsagerei

STAND
INTERVIEW
Andrea Lohmann

Mathematiker sind spaßfrei? Von wegen. Wahrsagerei ist das Steckenpferd von Zahlenexperte Kunkel. Im Gespräch hat er uns von der verrücktesten Prophezeiung und einer wenig hellsichtigen Reichsbürger-Astrologin erzählt.

SWR Aktuell: Herr Kunkel, welche spektakuläre Prophezeiung gibt es für 2023?

Michael Kunkel: Oh, da gibt es schon einige sehr spektakuläre Prognosen: Rücktritt der Bundesregierung, Krankheit bei König Charles III. und natürlich wie jedes Jahr unheimlich viele Vulkanausbrüche und Erdbeben. Die werden jedes Jahr vorausgesagt. Das ist das Übliche, was Hellseher und Wahrsager voraussagen.

Der Mainzer Mathematiker Michael Kunkel. (Foto: privat)
Der Mainzer Mathematiker Michael Kunkel ist nicht nur ein Mann der Zahlen, sondern auch des gesunden Menschenverstandes. privat

SWR Aktuell: Und mit welcher mathematischen Wahrscheinlichkeit rechnen Sie damit, dass die Vorhersage eintreffen wird?

Kunkel: Es kann natürlich etwas eintreffen. Aber in der Regel sind die Vorhersagen so vage, dass man da keine Wahrscheinlichkeit berechnen kann. Der Klassiker ist: Erdbeben in Asien. Es gibt jeden Tag Erdbeben in Asien. Wenn ich da nicht sage, wann, wo genau und wie stark das Erdbeben ist, dann ist so eine Voraussage lächerlich. Das ist genauso, als wenn der Meteorologe sagt: 'Ja, morgen gibt's Wetter.'

SWR Aktuell: Blick zurück - Was wurde uns Spektakuläres für 2022 verheißen - und dann kam es doch ganz anders?

Kunkel: Für 2022 gab es auch die üblichen Prognosen. Richtig knallige Prognosen gab es gar nicht so viele. Es gibt eine Hellseherin aus Kanada, die immer irgendwelche Sachen mit Tieren vorhersagt: Pinguine sollen in eine Stadt einfallen und solche Dinge. Das ist dann wirklich eher skurril, richtig knallige Sachen waren für 2022 nicht vorhergesagt.

SWR Aktuell: Und was trat wie vorhergesagt ein und war dennoch keine ernst zu nehmende Prophezeiung?

Kunkel: Naja, die Queen ist leider gestorben. Diese Prognose gibt es seit über 20 Jahren von verschiedenen Wahrsagern und Hellsehern. Das war jetzt dieses Jahr richtig. Nur: Wenn man 20 Jahre falsch gelegen hat, ist das natürlich jetzt kein Beweis dafür, dass man tolle Zukunftsprognosen machen kann. Die Frau war immerhin Mitte 90.

SWR Aktuell: Welches war die verrückteste Vorhersage, die Ihnen in 20 Jahren als Prognosechecker je untergekommen ist?

Kunkel: Ich glaube die verrückteste war die Voraussage eines indischen Hellsehers, der gesagt hat, dass die damalige amerikanische Außenministerin sich in den damaligen nordkoreanischen Diktator verlieben würde.

SWR Aktuell: Wie widerlegen Sie Prophezeiungen - mit Mathematik oder einfach mit Menschenverstand?

Kunkel: Einfach mit Menschenverstand, nicht mit Mathematik. Mit Mathematik kann man da gar nicht rangehen. Ich nehme die immer wörtlich. Wenn also jemand schreibt, die werden sich verlieben, dann warte ich darauf, ob diese Nachricht kommt - sie kommt aber eben nicht. Die Astrologen selber schreiben sich Treffer zu, wenn ihre Prognose auch nur zu einem kleinen Teil eintritt. Ich nehme das Gesamtbild und gucke, ob die wirklich eingetreten ist, die Prognose.

Im Dezember gab es die Verhaftung von "Reichsbürgern", darunter eine Astrologin. Lustig war: Ihre eigene Verhaftung hatte sie nicht vorhergesehen.

SWR Aktuell: Mathematiker gelten als eher trocken und spröde - wir groß ist Ihr persönlicher Spaßfaktor beim jährlichen Prognosecheck?

Kunkel: Der ist zum Teil recht groß, wenn man entsprechend lustige Sachen findet. Nicht nur diese Wahrsagerin aus Kanada, auch aus den USA und Großbritannien gibt es viele, die sehr witzige Prognosen machen. In Deutschland eher weniger. Dadurch, dass die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) den Prognosecheck jedes Jahr macht, trauen die sich keine exakten Prognosen mehr zu machen und machen eher nur so blabla. So Allgemeines: 'Ja, es wird sich nächstes Jahr etwas verändern' - es verändert sich aber jedes Jahr etwas. Und man findet dann immer irgendetwas, was sich geändert hat und sagt dann: 'Ha, meine Prognose war richtig.'

SWR Aktuell: Das heißt, Deutschland ist irgendwie kein gutes Pflaster, um sich mit Prognosen zu amüsieren?

Kunkel: Eher weniger. Natürlich hat es mich amüsiert, dass unter den Anfang Dezember festgenommenen "Reichsbürgern" eine Astrologin dabei war, deren Webseite ich seit vielen Jahren auch verfolge. Aber lustig, ist das natürlich doch eher weniger. Lustig war nur, dass sie ihre Festnahme nicht vorhergesehen hat.

Eine Wahrsagerinhält eine Kristallkugel zwischen in ihren Händen. Der Mainzer Mathematiker Kunkel checkt jedes Jahr, ob sich eine Prognose bewahrheitet hat. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Zoonar | Lori Martin)
Die Wahrsagerin schaut in eine Kristallkugel - der Mathematiker hört einfach auf seinen Verstand picture alliance / Zoonar | Lori Martin

SWR Aktuell: Sie analysieren die Aussagen von Wahrsagern seit mehr als 20 Jahren. Gab es je einen Moment, in dem Sie stutzig wurden und dachten: Hoppla, kann das jetzt noch Zufall sein?

Kunkel: Nein, bisher nicht, weil die Prognosen einfach viel zu vage und zu allgemein sind. Ich kann zwar nachweisen, es gibt eine sehr genaue Prognose eines Erdbebens, ich glaube aus 2010. Die war aber von mir und die hat mich zehn Minuten Recherche auf den Seiten der Erdbebenforscher gekostet. Da konnte ich herausfinden, dass in einer bestimmten Ecke zweimal die Woche ein Erdbeben der Stärke zwischen 4,5 und 5 ist. Das ist dort nämlich immer so. Und wenn ich das voraussage für die zweite Maihälfte, dann habe ich Recht - und da hatte ich auch Recht. Also: Mit Wissenschaft kommt da mit genauen Prognosen sehr viel weiter.

SWR Aktuell: Was empfehlen Sie Menschen als Alternative zur Astrologie - sagen Sie jetzt bitte nicht: indexierte Zahlenreihen und Stochastik...

Kunkel: Nein, nein, nein. Man sollte bei solchen Dingen kritisch sein und sich von solchen Dingen nicht abhängig machen. Gerade in der Astrologie gibt es sehr viele, fast täglich irgendwelche komischen und lustigen Zuschreibungen. Da wird gesagt: 'Diese drei Sternzeichen sind die schlauesten '- da wird man sich freuen, wenn man dabei ist. Dann gibt es die Zuschreibung: 'Diese fünf Sternzeichen sind nicht so schlau' - da freut man sich nicht, wenn man dabei ist. Oder: Das sind die besten Liebhaber, das sind die untreuesten - das gibt es täglich. Aber das ist Unterhaltung und als mehr sollte man das auch nicht nehmen.

SWR Aktuell: Welche Vorhersage müsste wahr werden, damit Sie ihren Job als Mathematiker und als Progsnosechecker an den Nagel hängen?

Kunkel: Die Prognosen müssten einfach hinreichend genau sein, so dass man sie auch prüfen kann. Wenn jemand gesagt hätte: 'Am 24. Februar oder Ende Februar überfällt Putin die Ukraine', dann wäre das mit Sicherheit eine interessante Prognose gewesen. Die hat aber keiner gemacht. Niemand. Es wurde zwar gesagt, dass es Probleme zwischen Russland und der Ukraine geben könnte. Aber es wurde kein Datum genannt. Und wenn etwas gesagt wurde wie: Russland könnte die Ukraine und andere Staaten angreifen - dann war das eben nicht ganz richtig, denn andere Staaten war falsch. Also: Ganz richtige Prognosen findet man nicht, es wird immer vage prognostiziert und das überzeugt mich nicht, auch wenn vielleicht ein kleiner Teil davon stimmt.

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