Zahl der Privatpraxen in Deutschland steigt

Warum eine Ärztin aus Kaiserslautern nur noch Privatpatienten behandelt

Stand

Von Autor/in Verena Lörsch

Bundesweit gibt es immer mehr private Arztpraxen. Das hat zum Beispiel finanzielle Gründe. Auch die Bürokratie spielt dabei eine Rolle. Zum Jahreswechsel hat auch eine Ärztin aus Kaiserslautern ihren Kassensitz aufgegeben und behandelt nur noch Privatpatienten.

Gesetzlich Krankenversicherte und Privatpatienten sollen gleichbehandelt werden – zum Beispiel bei der Terminvergabe in Arztpraxen oder Krankenhäusern. Das fordern unter anderem Bundesgesundheitsminister Lauterbach (SPD) und die gesetzlichen Krankenkassen. Dem gegenüber steht: Die Zahl der Praxen, die nur noch Privatpatienten behandeln, steigt seit Jahren.

Privatärztlicher Bundesverband: Zahl der Privatpraxen steigt

Das zeigen Zahlen des Privatärztlichen Bundesverbands. Deren Mitgliederzahlen hätten sich in den letzten Jahren fast verdoppelt, heißt es vom Verband. Geschäftsführer Thomas Ems schätzt die Zahl der Privatpraxen bundesweit auf 15.000 bis 20.000, Tendenz deutlich steigend.

Demnach geben immer mehr Ärztinnen und Ärzte ihren Kassensitz auf, behandeln dann nur noch Privatversicherte oder Selbstzahler. Die Gründe: Sie hoffen auf weniger Bürokratie, weniger Stress oder flexiblere Sprechzeiten.

Ärztin aus Kaiserslautern will mehr Zeit für ihre Patienten

"Ich habe Medizin studiert, um mit Menschen zu arbeiten und die nicht wie am Fließband abzufertigen. Und zwischendrin muss ich noch nach dem Computer gucken, der mal wieder abgestürzt ist", sagt Ärztin Sieglinde Lauer. Die Kaiserslauterer Hausärztin klebt am Eingang zur Praxis gerade ein neues Schild fest. "Privatpraxis" steht darauf.

Zum Jahreswechsel hat Lauer ihre Praxis für Allgemeinmedizin, Psychotherapie und Homöopathie umgestellt. Sie nimmt ab jetzt nur noch Privatpatienten an, keine gesetzlich Krankenversicherten. Sie erhofft sich von dem Schritt hin zur Privatpraxis weniger bürokratischen Aufwand und mehr Zeit für ihre Patienten.

Dr. Sieglinde Lauer aus Kaiserslautern hat ihre Praxis mit dem Jahreswechsel auf Privatpraxis umgestellt.
Dr. Sieglinde Lauer aus Kaiserslautern hat ihre Praxis mit dem Jahreswechsel auf eine reine Privatpraxis umgestellt.

Die Computer-Arbeit habe in den letzten Jahren Überhand genommen – der bürokratische Aufwand, Kassenpatienten abzurechnen, sei einfach zu hoch geworden, berichtet Lauer.

Die hohe Arbeitsbelastung ist laut der Kassenärztlichen Vereinigung in Rheinland-Pfalz der Grund, warum sich manche Ärzte dazu entscheiden, ihre Praxen auf Privat umzustellen: "Hierzu ist eindeutig zu sagen, dass sich die selbstständige Tätigkeit mit den Verantwortlichkeiten und Risiken wie Personal, Miete, Finanzierung der Praxis, etc. gegenüber einer angestellten Tätigkeit, was das Einkommen angeht, kaum noch lohnt."

Viele Arztpraxen ohne Nachfolge

Die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz fordere von der Politik schon lange Veränderungen, um die Niederlassung bei Medizinern wieder attraktiver zu machen.

Denn: Viele Kassensitze finden keine Nachfolger. Genau das ist auch das Problem der Kaiserslauterer Ärztin Sieglinde Lauer. Sie wollte ihre Praxis eigentlich an einen Nachfolger übergeben. Doch der Interessent habe ihr letztlich abgesagt.

Es gibt Patienten, die fühlen sich im Stich gelassen.

Die letzten Jahre bis zur Rente wolle Lauer weniger Stress im Praxisalltag haben – das soll die Umstellung auf eine Privatpraxis möglich machen.

Auf die Nachricht, dass sich die Kassenpatienten eine neue Hausarztpraxis suchen müssen, gab es gemischte Reaktionen. "Es gab Patienten, die sehr verständnisvoll waren, sich für die Vergangenheit bedankt haben", so Lauer. Andere hätten sich allein gelassen gefühlt. "Es gab aber Patienten, die denken, sie seien Patienten zweiter Klasse."

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An Arztpraxen, die nur noch Privatpatienten aufnehmen und keine Patienten, die gesetzlich krankenversichert sind, gibt es auch Kritik.

Wir sollten zusammen das System reformieren und es nicht verlassen.

Eine Straßenumfrage in der Lautrer Innenstadt zeigt: Dass Arztpraxen nur noch Privatpatienten aufnehmen, weckt in vielen Menschen Sorge. "Ich müsste eigentlich mal zum Hautarzt, aber als Kassenpatient bekomm' ich da ja gar keinen Termin mehr", berichtet ein Mann aus Kaiserslautern. Das sei eine schlechte Entwicklung.

CDU-Abgeordneter hält Privatpraxis für den "falschen Weg"

Der CDU-Landtagsabgeordnete Christoph Gensch arbeitet selbst als Internist in einer Arztpraxis in Zweibrücken. Er sieht diese Entwicklung hin zu reinen Privatpraxen kritisch: "Auch wenn ich die Beweggründe teilweise nachvollziehen kann – sei es festgelegte Öffnungszeiten, Vergütung oder bürokratische Hindernisse. Es ist aus meiner Sicht trotzdem der falsche Weg."

Gensch fordert: "Wir sollten zusammen das System reformieren und es nicht verlassen." Als Arzt sehe er eine gesellschaftliche Verantwortung, alle Patienten zu versorgen.

Landtagsabgeordnete aus der Westpfalz fordern Reformen

Der Kuseler SPD-Landtagsabgeordnete und Arzt Oliver Kusch sieht das ähnlich. Die Abrechnungssituation der Arztpraxen halte junge Ärztinnen und Ärzte davon ab, sich niederzulassen.

Kusch sei "hoffnungsfroh", dass die kommende Bundesregierung entsprechende Reformen auf den Weg bringt. Doch klar sei auch: Die Kassenbeiträge müssten bei so einer Reform wohl steigen.

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